Polen freut sich, träumt und hofft

Das polnische Team jubelt mit seinen Fans

Handball-EM

Polen freut sich, träumt und hofft

Von Frank van der Velden

Zum ersten Mal ist Polen Gastgeber eines großen Handball-Turniers, und die Vorfreude ist riesig. Das Team träumt vom Triumph im eigenen Land und setzt dabei auf den Heimvorteil und einen deutschen Trainer.

Wer eine Eintrittskarte für ein Spiel der polnischen Handballer bei der Heim-EM haben wollte, der musste schnell sein. Sehr schnell. "Die Tickets waren innerhalb von zwei Minuten ausverkauft", erklärt Marcin Herra, Vizepräsident des polnischen Handballverbandes.

Handball ist nach Fußball und Volleyball zwar nur Sportart Nummer drei im Land, doch die polnischen Fans gelten als enorm enthusiastisch, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Dann kommt der Nationalstolz durch - egal in welcher Sportart. Davon konnten sich auch schon die deutschen Handballer überzeugen. Beim Playoff-Hinspiel um ein Ticket für die WM 2015 verlor das Team im Juni 2014 vor 11.000 Fans im "Hexenkessel" von Danzig. Die große Nachfrage sei "ein weiterer Beweis für die wachsende Popularität des Handballs", sagt Herra.

Alles soll perfekt sein

Polen freut sich. Noch nie war das Land Gastgeber eines großen Handballturniers. Alles soll perfekt sein, vor allem organisatorisch, und die Macher planen große Partys in Rot und Weiß. So wird es während der EM auch Public Viewing-Zonen in den Spielorten geben. "Jede Zone wird ungefähr Platz für 1.500 Leute bieten", heißt es beim Europäischen Handball-Verband EHF. Rund 1000 Freiwillige kümmern sich vor Ort um die Fans aus den 16 Teilnehmerländern, Prominente aus Sport, Politik, Show und Kultur fungieren als "Botschafter".

48 Spiele in vier Hallen

Die EM-Trophäe

Die EM-Trophäe

Die 48 EM-Spiele gehen in vier Hallen über die Bühne - in der Arena in Danzig (11.409 Plätze), der "Untertasse" in Kattowitz (11.500), der Jahrhunderthalle in Breslau (6000) sowie in der Arena von Krakau (15.328).  Die Polen spielen in Krakau und damit in der größten der vier Hallen. In der Vorrunde trifft das Team in der Gruppe A auf Frankreich, Mazedonien und Serbien.

Die Macher gaben sich größte Mühe, die Vorfreude im Land zu schüren. So gab es eine "Trophäen-Tour". In sieben Städten durften sich die Fans den EM-Pokal ansehen, begleitet von einer großen Show und viel Tamtam - und zwar in den vier Spielorten sowie in Warschau, Plock und Kielce.

Unter Biegler zurück in die Spur

Noch nie ist Polen im Handball Welt- oder Europameister geworden. Seine Blütezeit hatte die Auswahl zwischen 2007 und 2010. 2007 wurde das Land Vizeweltmeister. Unvergessen ist das Endspiel, das die Polen gegen Deutschland nur knapp verloren. Ein Jahr später erreichte das Team bei den Olympischen Spielen in Peking einen respektablen fünften Rang. 2009 war man bei der WM in Kroatien wieder ganz nah dran, wurde am Ende aber "nur" Dritter. Bei der EM 2010 in Österreich reichte es zum Halbfinale und zu Platz vier. Danach ging es bergab, die Ergebnisse waren eher enttäuschend. Bis zu WM vor einem Jahr in Katar, als Polen erneut Bronze holte.

Es ist einem deutschen Trainer vorbehalten, Polen beim ersten Heimturnier zu führen. Michael Biegler ist ein alter Hase. Seit 1985 ist er im Geschäft und betreute zahlreiche deutsche Klubs - unter anderem den VfL Gummersbach, den TV Großwallstadt, Frisch Auf Göppingen und den SC Magdeburg. Zurzeit coacht er den Bundesligisten HSV Hamburg. Seit Oktober 2012 ist der 54-Jährige Polens Trainer. Er ist Nachfolger von Bogdan Wenta. Biegler, so sind sich in Polen alle einig, hat das Land zurück zu alter Stärke geführt.

Auch im Vereinshandball stark

Bartosz Jurecki

Bartosz Jurecki

Der Erfolg spiegelt sich auch seit einiger Zeit im Vereins-Handball wider. Dem Serienmeister Kielce gelang 2013 und 2015 der Sprung ins Final-Four-Turnier um die Champions League. Das Team wurde jeweils Dritter. Auch in dieser Saison sieht es gut aus. In der schwierigen Gruppe B liegt Kielce zurzeit hinter den Barcelona und vor den Rhein-Neckar-Löwen auf Rang zwei.

Beim polnischen Meister spielen auch die Stars der Nationalmannschaft. So stehen dort Karol Bielecki, Michal Jurecki, Mariusz Jurkiewicsz und Krzysztof Lijewski unter Vertrag. Nur Bartosz Jurecki, der Denker und Lenker, verdient sein Geld bei Chrobry Glogow. Im vorläufigen Aufgebot für die EM stehen auch vier Spieler aus der Bundesliga – die beiden Magdeburger Andrzej Rojewski und Maciej Gebala sowie die beiden Hamburger  Maciej Majdzinski und Piotr Grabarczyk.

Polen ist reif

Natürlich träumt Polen vom Titel im eigenen Land. Auch wenn das keiner so direkt sagt. Das Problem ist die hohe Leistungsdichte. Eine Männer-Europameisterschaft gilt als das schwierigste Turnier, das die Sportart zu bieten hat. Jeder kann jeden schlagen. Neben Polen dürfen sich vor allem Frankreich, Dänemark, Kroatien und Spanien Hoffnungen machen.  Die wieder erstarkten Schweden und auch das deutsche Team gehören zum erweiterten Favoritenkreis.

Und dennoch scheint Polen reif für den ersten großen Titel. Bei der WM 2015 scheiterte man höchst unglücklich und unter dubiosen Umständen im Halbfinale am Gastgeber Katar. Und was der Heimvorteil bewirken kann bewiesen nicht zuletzt die Deutschen bei der WM 2007. Auch Spanien holte 2013 daheim den Titel.

Nächstes Highlight steht schon bevor

Nach der EM müssen die polnischen Fans nicht mehr allzu lange auf den nächsten großen Handball-Höhepunkt warten. Schon jetzt steht fest, dass die WM 2023 in Polen stattfinden wird. Wer Tickets haben will, wird dann auch wieder sehr schnell sein müssen.

Stand: 11.01.2016, 08:44

Darstellung: