Die denkwürdige EM-Achterbahnfahrt

Julius Kühn

Emotionaler Halbfinalsieg gegen Norwegen

Die denkwürdige EM-Achterbahnfahrt

Von Volker Schulte (Krakau)

Diese außergewöhnliche deutsche Handballmannschaft bringt anscheinend nichts aus der Spur. Druck, Schwächephasen, entscheidende Würfe - all das hat sie gemeistert. Unter den vielen jungen Helden gibt es aber auch einen beinahe tragischen.

Steffen Fäth hat noch Tränen in den Augen, als er mit den Journalisten spricht. "Ich bin einfach nur glücklich. Das war eine schöne Achterbahnfahrt heute." Vor allem für Fäth selbst: gegen Dänemark noch der Matchwinner, dann beim 34:33 n.V. im Halbfinale gegen Norwegen mit vielen Fehlern. "Ich hatte heute keinen guten Tag, das muss man einfach so sagen. Ich habe trotzdem einfach versucht, weiterzukämpfen für die Mannschaft. Von daher bin ich umso glücklicher, dass wir das am Ende noch gewonnen haben.“

Selbst diese Aufgabe hat sie also gemeistert, diese außergewöhnliche, junge deutsche Mannschaft. Die Ausgangslage im Halbfinale war anders als sonst: Plötzlich ist eine Medaille zum Greifen nahe und Gegner Norwegen ist keine Übermannschaft. Der Start ist nervös, der Zwischensprint beeindruckend, die anschließende Schwächephase kritisch. "Die Nervosität stieg einfach mit der schlechten Chancenverwertung Mitte, Ende der ersten Halbzeit", sagt Linksaußen Rune Dahmke. "Da haben wir ein bisschen mit uns gehadert."

Kühn übernimmt Verantwortung

Wer reißt das Ruder herum? Über Fäth (vier Treffer bei neun Würfen) läuft es dieses Mal nicht so gut. Über wen dann? Tobias Reichmann ist wieder eine Bank, hat am Ende zehn Treffer auf dem Konto - bei zehn Versuchen! Seine Kaltschnäuzigkeit bei Siebenmetern ist unfassbar. Sieben von sieben gegen Norwegen, 26 von 27 im Turnier.

Dann ist da auch noch Julius Kühn: Der Nachnominierte, 22 Jahre jung, erzielt wuchtige, wichtige Treffer, insgesamt fünf bei sieben Versuchen. "Dass ich wirklich noch Sonntagabend auf der Couch saß und jetzt im EM-Finale stehe, ist einfach Wahnsinn."

Dahmke und Häfner eiskalt

Rune Dahmke

Treffer zur Verlängerung: Rune Dahmke

Deutschland bleibt dran, liegt aber trotzdem in den letzten Sekunden der Partie noch mit einem Tor zurück. Wer nimmt den Wurf? Fäth? Der zuverlässige Fabian Wiede? "Bei uns ist das wirklich egal. Da weiß keiner vorher, wer zum Schluss wirft. Hauptsache, das Ding geht irgendwie rein." Das sagt Dahmke, bei dem der Ball Sekunden vor Ende der ersten Hälfte landet. Zur Erinnerung: Dahmke ist mit seinen 22 Jahren nur der Ersatzmann für Uwe Gensheimer. "Eigentlich war das gar keine so gute Chance. Aber ich dachte, viele Möglichkeiten kriegen wir wahrscheinlich nicht mehr. Ich war einfach froh, als der dann drin war." Dahmke rettet Deutschland mit einem starken Wurf in die Verlängerung.

Dort ist das Selbstvertrauen wieder voll da, die aggressive Verteidigung, das schnörkellose, variable Spiel. Aber auch Norwegen lässt sich nicht abschütteln, hält bis zur Schlussminute das Remis. Wieder Crunchtime, wieder braucht es einen, der Verantwortung übernimmt. Dieses Mal ist es Kai Häfner, ebenfalls nachnominiert, eigentlich gar nicht vorgesehen für eine Hauptrolle bei der EM. Er zimmert den Ball rechts unten ins Netz. Sechs Sekunden vor Schluss.

Ernst jubelt zu früh

Alle Dämme brechen, auch auf der deutschen Bank. Simon Ernst, der zuvor den Angriff als zusätzlicher Feldspieler eingeleitet hatte, sprintet für Glückwünsche auf Häfner zu. Allerdings steht Andreas Wolff schon wieder im Tor, Deutschland hat fünf Sekunden vor Schluss einen Spieler zu viel auf dem Feld. Eine Sekunde vor Schluss stürmen weitere hinzu, jetzt sind es zwölf statt der erlaubten sieben Spieler. Norwegen kündigt später Protest gegen die Wertung an, zieht diesen am Samstagmorgen aber wieder zurück.

Dahmke und die Welle

Dahmke weiß noch nichts vom Protest, als er nach dem Spiel gefragt wird, ob er den Medaillengewinn schon begriffen habe. "Nein, noch nicht. Aber warum auch? Warum nicht weiter auf dieser Welle treiben lassen und dann das letzte Spiel vielleicht auch noch mal gewinnen. Dann können noch einmal darüber reden." Endspielgegner sind die Spanier, nach deren 33:29-Sieg gegen Kroatien. Zum Auftakt der EM hat Deutschland gegen Spanien 29:32 verloren. Aber damals noch ohne den Schwung der Welle.

Stand: 29.01.2016, 23:05

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