Norwegen zieht Protest gegen deutschen Sieg zurück

Hendrik Pekeler

Norwegen - Deutschland 33:34 n. V. (13:14, 27:27)

Norwegen zieht Protest gegen deutschen Sieg zurück

Die deutschen Handballer haben ein dramatisches EM-Halbfinale nach Verlängerung gewonnen. Gegen Norwegen, das im Turnierverlauf bereits die favorisierten Teams aus Kroatien, Polen und Frankreich geschlagen hatten, wurde ein enges Spiel prognostiziert - und genauso kam es beim 34:33 nach Verlängerung. Nach der Partie legten die Norweger Protest gegen die Spielwertung ein, zogen diesen jedoch am Samstagmorgen zurück. Im anderen Halbfinale setzte sich Spanien gegen Kroatien durch.

Nach Kai Häfners Wurf ins Glück brachen bei den deutschen Handballern alle Dämme: Die Spieler sprangen völlig losgelöst durch die Halle und herzten immer wieder den Matchwinner, Bundestrainer Dagur Sigurdsson fiel Vizepräsident Bob Hanning überglücklich um den Hals. "Das war ein Krimi. Das war Wahnsinn. Da war alles dabei. Wir sind an unsere Grenze gegangen", sagte der überglückliche Sigurdsson im ZDF.

Plötzlich den Faden verloren

Die deutschen Handballer starteten dabei hervorragend in die Partie in Krakau, schon früh führte das junge Team von Trainer Dagur Sigurdsson mit 9:5. Vorne trafen Rune Dahmke, Steffen Fäth und - wie immer souverän vom Siebenmeter-Punkt - Tobias Reichmann. Und hinten hielt Andreas Wolff gewohnt stark.

Doch dann verloren die Deutschen plötzlich den Faden. Die eigenen Angriffe wurden nicht mehr konsequent zu Ende gespielt, klare Chancen blieben ungenutzt oder wurden vom norwegischen Torhüter Ole Everik entschäft. Die Skandinavier kamen heran und führten plötzlich mit 13:12. Dann fingen sich die Deutschen wieder und gingen mit einer 14:13-Führung in die Pause. "Wir müssten eigentlich ein bisschen höher führen", sagte der verletzte Kapitän Steffen Weinhold in der Halbzeit, "wir haben einige Bälle liegen lassen und hätten einfach cleverer sein müssen."

Einfache Tore für Norwegen

Die Norweger kamen ein wenig besser aus der Pause. Vor allem Kapitän Bjarte Myrhol stellte die deutsche Abwehr immer wieder vor Probleme. Nach 38 Minuten und zu vielen einfachen Toren für die Norweger lagen die Deutschen 17:19 hinten. Die DHB-Auswahl hatte zu diesem Zeitpunkt aber auch Probleme in der Offensive. Dem Rückraum fehlte die Durchschlagskraft aus der Anfangsphase, bei schnellen Gegenstößen waren die Deutschen oft ein wenig langsam - allerdings kein Wunder, war es doch das siebte Spiel in nur 13 Tagen.

Doch die Deutschen ließen sich nicht abschütteln. Im Gegenteil, Steffen Fäth, EM-Nachrücker Julius Kühn und vor allem Tobias Reichmann (am Ende zehn Tore) trafen, so dass die Deutschen nach 46 Minuten 21:20 führten. Spätestens jetzt zeichnete sich eine dramatische Schlussphase ab. In diese starteten die Norweger besser.

DHB-Auswahl rettet sich

Tobias Reichmann

Tobias Reichmann

Acht Minuten vor dem Ende sah sich Dagur Sigurdsson genötigt, eine Auszeit zu nehmen - schließlich gelang den Norwegern in der Offensive nun eine ganze Menge, sie führten 25:23 und schlossen vor allem ihre schnellen Angriffe immer wieder erfolgreich ab. Ein Torwartwechsel im deutschen Team von Andreas Wolff zu Carsten Lichtlein brachte zunächst nicht das erhoffte Ergebnis. Die Norweger verteidigten ihre knappe Führung auch deshalb, weil die Deutschen ihre Chancen immer wieder liegen ließen - so scheiterten Fabian Wiede und Julius Kühn in aussichtsreicher Position. Erst kurz vor dem Ende gelang den Deutschen der Ausgleich, der sie in die Verlängerung brachte.

Dramatik in der Verlängerung

In der Verlängerung holten sich dann die Deutschen wieder einmal die Führung, fast 20 Minuten waren sie zurückgelegen - nach den ersten fünf Minuten stand es 31:30 für die DHB-Auswahl.

Die Partie wogte allerdings weiterhin hin und her, kein Team konnte sich auch nur einmal ein wenig absetzen. 50 Sekunden vor dem Ende des Spiels traf Norwegen zum 33:33. Den Deutschen blieb noch ein Angriff zum Sieg - und Häfner traf zum entscheidenden 34:33 wenige Sekunden vor der Schlusssirene. "Wir haben versucht, die Zeit runterzuspielen. Irgendwie hatte ich zuletzt den Ball und ich habe nur versucht, ihn reinzumachen", beschrieb Häfner die entscheidende Szene im ZDF. "Ich habe schon vorher gesagt, wenn die Mannschaft mich braucht, werde ich alles geben und dann schauen, was rauskommt", sagte der erst während der EM wegen Verletzungen ins Team gerückte Rückraumspieler, dem der Bundestrainer eine "große Leistung" bescheinigte.

Spanien auch im Finale

Mit einem weiteren Erfolg am Sonntag (31.01.16) gegen Spanien, das Kroatien im zweiten Halbfinale recht klar mit 33:29 bezwang, kann die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ihr polnisches Wintermärchen vergolden. Dabei geht es um den ersten großen Titel seit dem WM-Sieg 2007und die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio.

Die Kroaten erwischten im Anschluss an das deutsche Spiel den besseren Start und gingen mit 10:7 (17.) in Führung. Doch mit einer starken Abwehrleistung und einfachen Toren nach Tempogegenstößen kamen die Spanier zurück ins Spiel. Mit fünf Treffern in Serie ging Spanien mit 15:13 (26.) in Führung. Die Partie blieb auch in der zweiten Halbzeit eng, Kroatien kämpfte sich auf 23:24 (46.) heran. Doch die Spanier hatten das bessere Ende für sich.

Norwegen zieht Protest zurück

Vor dem Finale musste aber noch wegen eines Protests entschieden werden, den die Norweger gegen die Wertung des Spiels eingelegt haben. Nach Ansicht der norwegischen Offiziellen sollte Deutschland kurz vor Schluss einen zusätzlichen Spieler in einem gelben Leibchen auf das Feld geschickt haben, obwohl Torhüter Andreas Wolff seinen Kasten nicht verlassen hatte. Am Samstagmorgen zogen die Norweger ihren protest zurück.

Statistik

Handball · Europameisterschaft · Halbfinale

Freitag, 29.01.2016 | 18.30 Uhr

Norwegen

Erevik, Christensen – Tönnesen (3), E. L. Hansen (3), Mamelund, O'Sullivan (3), Sagosen (4), Reinkind (2) – Lindboe, Björnsen (8/5), Kristensen, Jöndal (5/2) – Överby, Gullerud, Hykkerud, Myrhol (5)

33

Deutschland

Wolff, Lichtlein – Häfner (5), Fäth (4), Kühn (5), Lemke, Ernst, M. Strobel (1), Wiede (2), Pieczkowski – Dahmke (3), Reichmann (10/7), Sellin – E. Schmidt (1), Kohlbacher, Pekeler (3)

34

Fakten und Zahlen zum Spiel

NorwegenDeutschland
Siebenmeter8 Würfe, 7 Treffer7 Würfe, 7 Treffer
Strafminuten12 Min.4 Min.

Zuschauer:

  • 9100

Schiedsrichter:

  • Pichon/Reveret (Frankreich/Frankreich)

red/sid/dpa | Stand: 30.01.2016, 09:55

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