Finn Lemke - Plötzlich Schlüsselspieler bei einer EM

Finn Lemke

2,10 Meter großes Talent des SC Magdeburg

Finn Lemke - Plötzlich Schlüsselspieler bei einer EM

Von Volker Schulte (Breslau)

Finn Lemke spielt sein erstes großes Turnier, aber der Bundestrainer benutzt schon das Wort Schlüsselspieler. Lemke soll auch gegen Slowenien die Abwehr stabilisieren - dabei hatten ihn die wenigsten vor der EM auf der Rechnung.

Es war die kurioseste Szene im Spiel gegen Schweden: 80 Sekunden vor Schluss läuft Lemke mutterseelenallein aufs Tor zu, mit einer halben Feldlänge Anlauf. Die deutschen Handballer führen mit einem Treffer, Lemke hat die Riesenchance zur Vorentscheidung. Er kann sich den Winkel aussuchen, schraubt seine 2,10 Meter in die Höhe - und drischt den Ball unfassbar deutlich über die Latte.

Zu seinem Glück fällt danach kein Treffer mehr, Deutschland gewinnt sein zweites Gruppenspiel mit 27:26 und Lemke musste sich lediglich Frotzeleien anhören. "Es wurde auch in der Heimat auseinandergenommen. Von allen Seiten", sagte Lemke am Dienstag (19.01.2016) in Breslau, einen Tag nach der Partie. Hätte Schweden noch den Ausgleich geworfen, wäre die Szene sicher mit einem anderen Tonfall diskutiert worden. So aber gab nur Lemke selbst einen ernsten Kommentar zur Szene ab: "So etwas kann passieren, darf aber nicht."

Sonderlob des Bundestrainers

Diese heikle Szene hatte Bundestrainer Dagur Sigurdsson wohl auch im Hinterkopf, als er Lemke auf der Pressekonferenz mit einem Sonderlob bedachte. "Seine Abwehrleistung war überragend. Er war einer der Schlüsselspieler für den Erfolg."

Sigurdsson kann sich auch selbst beglückwünschen. Denn sein mutiger Plan, dem Magdeburger trotz seiner jungen 23 Jahre und seiner geringen Länderspielerfahrung eine tragende Rolle in der Verteidigung anzuvertrauen, ist aufgegangen. Auch im letzten Gruppenspiel der Deutschen gegen Slowenien heute um 17.15 Uhr (Live-Ticker auf sportschau.de) wird Lemke mit seiner schieren Größe und seinem starken Zweikampfverhalten wohl wieder den Mittelblock festigen. Mit einem Remis würde Deutschland sicher in die Hauptrunde einziehen.

Bescheiden und fokussiert

Lemke macht nicht den Eindruck, als könnten ihm Lobhudeleien zu Kopf steigen. Stattdessen betont er die Leistung seines Nebenmanns im Mittelblock: "Hendrik Pekeler hilft überragend. Er ist ein bisschen der stille Arbeiter, der sich von links nach rechts scheuchen lässt, der eine super Übersetzung hat, was seine Beinschnelligkeit angeht. Der rettet einen dann schon." Lemke wirkt für sein Alter erstaunlich fokussiert. "Gut schlafen konnte ich nicht. Ich habe nur noch Slowenien im Kopf, bin noch einmal alle Spieler peu à peu durchgegangen."

Lemkes Variabilität - für Sigurdsson essenziell

Taktisch variable Spieler wie Lemke sind für Sigurdsson essenziell, denn die Unberechenbarkeit der deutschen Mannschaft ist ihr großes Plus - in Kombination mit dem guten Händchen des Trainerteams. Als Deutschland gegen Schweden zur Pause mit vier Toren zurücklag, stellte Sigurdsson auf Anregung seiner Co-Trainer auf eine 4-2-Deckung um - eine sehr offensive Variante mit zwei vorgerückten Verteidigern. Dieses System hatte die Mannschaft noch nie zuvor trainiert, wie alle Beteiligten beteuern. Trotzdem wirkte die Umstellung offenbar wie ein Weckruf, zumindest für Lemke. "Ich habe gedacht: Jetzt machen wir sie fertig! Denn ich habe mir die Spiele der Schweden gegen Spanien und Slowenien angeschaut, da hatten sie beide Male Probleme gegen offensive Deckungen. Wir waren einfach gallig."

Größe liegt in der Familie

Lemke ist gebürtiger Bremer, ein großer Werder-Fan und als Handballer ein besonderer Spielertyp. Denn der Längste im deutschen Kader ist trotz seiner 2,10 Meter beweglich und koordinationsstark. Die Größe liegt in der Familie, auch sein Vater und seine beiden Brüder, allesamt Handballer, knacken die Zwei-Meter-Marke. In der Offensive kann Lemke seinen Größenvorteil allerdings noch nicht regelmäßig in Tore ummünzen. Aus dem linken Rückraum hat er in den ersten beiden EM-Spielen zwei Tore erzielt - bei fünf Versuchen. Aber solange er die Abwehr weiterhin zusammenhält, wird ihm wohl noch so mancher Fehlwurf gerne verziehen.

Stand: 20.01.2016, 10:25

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