Das Problem mit der Torlinientechnik im Handball

DHB-Torhüter Carsten Lichtlein

Strittige Entscheidungen

Das Problem mit der Torlinientechnik im Handball

Von Volker Schulte (Breslau)

Tor oder kein Tor? Gleich zweimal hatte Deutschland gegen Russland Pech bei dieser Frage. Die EHF verzichtet bei der EM auf einen Videobeweis, obwohl dieser im Handball schon getestet wurde - oder auch gerade deswegen.

Im Fußball hat er sich mittlerweile etabliert, der technische Beweis bei Torentscheidungen. Viele ehemalige Skeptiker sind mittlerweile überzeugt, denn die Technik funktioniert und hat die Seele des Spiels nicht verändert. Die Handball-EM in Polen findet dagegen ohne Kameras an den Toren statt, die Europäische Handball-Föderation EHF verlässt sich auf die Augen ihrer Schiedsrichter - und ist am Sonntag (24.01.16) im Stich gelassen worden. Die portugiesischen Schiedsrichter verweigerten Deutschland beim 30:29-Sieg gegen Russland gleich zwei Treffer. Zumindest beim ersten von Rune Dahmke war gut zu sehen, dass der Ball die Linie überschritten hatte. Bei der zweiten Situation von Hendrik war die Entscheidung schon schwieriger, denn der Ball war zum entscheidenden Zeitpunkt in der Luft.

Dass das Thema nicht hochkochte, lag wohl nur daran, dass Deutschland am Ende trotzdem gewann - so sieht es auch Torwart Carsten Lichtlein. "Nach diesem Ergebnis bin ich ganz entspannt und kann mit einem Lächeln sagen: Es ist mir egal", so der Gummersbacher einen Tag nach dem Spiel. Aber wenn es Unentschieden ausgegangen wäre? "Dann hätte man natürlich die Frage nach dem Videobeweis stellen müssen. In entscheidenden Situationen sollte man ihn auf jeden Fall haben."

Probleme bei der Umsetzung

Ein Novum wäre das nicht, denn die EHF hat schon im Mai 2013 beim Endrundenturnier des EHF-Pokals eine Torlinienkamera getestet. Der Weltverband IHF ging bei der WM 2015 in Katar sogar noch einen Schritt weiter und führte zusätzlich zur Torlinientechnik den Videobeweis für rotwürdige Fouls ein.

Die Zukunft schien vorgezeichnet, die Technik würde Handballschiedsrichter über kurz oder lang immer öfter unterstützen. Doch Anfang Dezember erlitt der Videobeweis einen empfindlichen Rückschlag: Bei der WM der Frauen in Dänemark zogen ihn die Schiedsrichter während der Partie Frankreich gegen Korea (22:22) bei einer knappen Torentscheidung zurate. Nach Ansicht der Bilder entschieden sie, das Tor nicht zu geben. Doch nach der Partie kam heraus, dass ihnen offenbar eine falsche Sequenz vorgespielt worden war. Andere Ausschnitte zeigten, dass der Ball die Torlinie überquert hatte. Nach diesem Skandal schaffte die IHF den Videobeweis kurzfristig wieder ab.

Vertrauen fehlt

"Die Technik funktioniert vielleicht, aber die Menschen dahinter haben noch erheblichen Nachholbedarf. Deshalb war das bei dieser EM glaube ich kein Thema", sagte Bob Hanning am Montag zu sportschau.de. Der Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes (DHB) ist ohnehin kein Freund des Videobeweises. "Sport lebt auch von Tatsachenentscheidungen. Man sollte ihn nicht zu sehr vertechnifizieren. Gut, das war jetzt eine Fehlentscheidung. Aber die hätte auch uns treffen können, dahinter steckt ja keine böse Absicht. Man sieht ja, selbst mit Technik funktioniert es auch nicht immer."

Selbst Befürworter Lichtlein hatte bei der WM in Katar nicht immer ein gutes Gefühl bei den Einsätzen der Torkameras. Bei einigen Situationen hätten er und sein Torwartkollege Silvio Heinevetter gemeint, dass der Ball nicht drin war. "Aber die Schiedsrichter haben gesagt, er sei hinter der Linie gewesen - ohne es angezeigt zu haben." Aufwendige 3-D-Animationen, die im Tennis oder Fußball strittige Entscheidungen illustrieren, fehlen im Handball noch völlig.

Kosten-Nutzen-Rechnung

Kosten spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle, auch vor dem Hintergrund, dass ein einzelnes Tor im Handball kein derart großes Gewicht hat wie beim Fußball. Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss mit einbezogen werden bei Gedankenspielen, Videobeweise auch in der Breite einzusetzen, zum Beispiel in der Bundesliga. Gibt es vielleicht schon Planspiele zu diesem Thema innerhalb des DHB? Hannings Antwort: "Ein klares Nein."

Stand: 25.01.2016, 21:33

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