Sigurdssons Experimente auf Linksaußen

Bundestrainer Dagur Sigurdsson gibt Anweisungen

Personalmangel

Sigurdssons Experimente auf Linksaußen

Von Robin Tillenburg

Im Test gegen Tunesien hat Bundestrainer Dagur Sigurdsson aufgrund der Verletzungssorgen auf der Linksaußen-Position einige Varianten ausprobiert - und griff zu unkonventionellen Mitteln.

Einen nominellen Linksaußen hatte das DHB-Team beim 37:30-Erfolg über Tunesien nicht auf dem Spielfeld. Der nach den Verletzungen von Uwe Gensheimer und Michael Allendorf einzige im EM-Aufgebot verbliebene Linksaußen Rune Dahmke wurde nach seiner Sprunggelenksverletzung vom Bundestrainer noch geschont. Sigurdsson musste sich also auf die Suche nach Alternativen begeben. Der Youngster vom THW Kiel wird selbst bei einer optimalen Genesung im Turnierverlauf ohnehin sicherlich nicht jedes Spiel über die vollen 60 Minuten absolvieren können.

Zwei Spielmacher auf Außen

Zu Beginn der Partie probierte der Trainer es also mit dem gelernten Mittelmann Nickas Pieczkowski vom Bundesliga-Schlusslicht TuS N-Lübbecke. Der 26-Jährige besetzte die Position zwar nominell, wich aber immer wieder nach Angriffskonzeptionen in den Rückraum oder auch mal an den Kreis aus. Das funktionierte bisweilen richtig gut und brachte vor allem in der "zweiten Welle", also den vorgetragenen Kontern gegen eine noch nicht ganz geordnete Deckung, immer wieder Unruhe in die allerdings auch eher schwach agierende Abwehrreihe Tunesiens.

Als Pieczkowski sich schließlich auch noch verletzte und schon vor der Pause in die Kabine musste, laut Trainer Sigurdsson nur eine Vorsichtsmaßnahme, übernahm der ebenfalls gelernte Spielmacher Martin Strobel und fügte sich nahtlos in Pieczkowskis Rolle. Ein Tor von der Linksaußen-Position selbst, gelang jedoch keinem von ihnen.

Einläufer schaffen Platz

Kreisläufer Jannik Kohlbacher bekam im zweiten Durchgang immer wieder die Gelegenheit, sich als an den Kreis einlaufender Außen zu betätigen. Den Platz, der sich dadurch auf der linken Angriffsseite bot, konnten vor allem die Rückraumspieler Christian Dissinger und Steffen Fäth zu vielen Toren aus dem gebundenen Spiel und eben der zweiten Welle nutzen. Blieb er doch einmal auf Linksaußen, war Kohlbacher jedoch ebenfalls ungefährlich.

Ihre Mitspieler bemühten sich jedoch auch, ihre Aushilfen auf Linksaußen nicht unter Zugzwang zu bringen und diese aus schwierigen Winkeln zum Abschluss freizuspielen. Das gelang, weil die Mannschaft im Angriff taktisch sehr gut eingestellt und vor allem im Rückraum glänzend aufgelegt war, hatte aber auch mit der Unordnung in Tunesiens Abwehrreihe und den eher mäßigen Torhütern der Gäste zu tun. Tunesien tat den Deutschen dann auch noch den Gefallen, es am Ende mit einer offensiven Abwehrreihe zu versuchen, gegen die ein Einlaufen der Außenspieler sowie ein probates taktisches Mittel darstellt. So kam die Mannschaft ohne einen Torerfolg von Linksaußen schließlich trotzdem zu 37 Treffern - eine tolle Bilanz gegen den Weltranglisten-Siebzehnten. Dementsprechend zufrieden war auch Sigurdsson: "Ich glaube, das haben wir gut gelöst. Gerade in der zweiten Welle hat uns das sehr geholfen. Das hat alles Hand und Fuß gehabt."

Warten auf Dahmke

Rune Dahmke feiert ein Tor

Deutschlands einziger Linksaußen bei der EM: Rune Dahmke

Gegen einen Gegner, der in der Abwehr aber eine robustere und taktisch geordnete 6-0-Deckung aufbietet könnten solche Varianten zwar kurzfristig zum Erfolg führen, würden jedoch gerade in der Mitte den ohnehin kaum vorhandenen Platz nochmal verringern. Ein solches Szenario könnte die Mannschaft vor allem gegen Auftaktgegner Spanien erwarten. Diesen Platz benötigen aber gerade Spieler wie Martin Strobel, Steffen Weinhold oder die Kreisläufer um Hendrik Pekeler, um sich gefährlich in Szene zu setzen.

Aus diesem Grund ist eine Rückkehr von Rune Dahmke, der beim deutschen Rekordmeister in dieser Saison sehr überzeugende Leistungen abliefert und sich mit nur 22 Jahren zu einem Außenspieler der gehobenen internationalen Klasse entwickelt hat essenziell für die DHB-Auswahl. Vor allem seine enorme Abschlusssicherheit und seine Fähigkeit, auch aus schwierigen Winkeln den Ball spektakulär im Tor unterzubringen sind Aspekte, die das deutsche Spiel gegen Weltklasse-Kontrahenten wie Spanien braucht, um konkurrenzfähig zu sein. Ob er schon in den Testspielen gegen Island am Samstag und am Sonntag Spielpraxis sammeln wird, ließ der Bundestrainer offen.

Wird Dahmke rechtzeitig fit, wovon im Umfeld der Mannschaft alle fest auszugehen scheinen, und kann er die hohe Belastung tragen, könnten die für Handball auf Welt-Niveau etwas unorthodoxen taktischen Varianten tatsächlich zu einer echten Waffe der Mannschaft werden. Sigurdsson hätte aus der Not eine Tugend gemacht und sein Team wäre noch schwerer auszurechnen - doch trotz der 37 Tore gegen Tunesien bleibt eben die Erkenntnis: Es steht und fällt mit Dahmke.

Stand: 06.01.2016, 11:25

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