Christian Dissinger - Deutschlands neue Durchschlagskraft

Christian Dissinger tankt sich durch

Handball-EM in Polen

Christian Dissinger - Deutschlands neue Durchschlagskraft

Von Robin Tillenburg

Christian Dissinger ist für die EM in Polen die neue Hoffnung der deutschen Mannschaft auf Halblinks. Der 24-Jährige bringt die lang vermisste Wurf- und Durchschlagskraft mit, lässt sich von dem Hype um seine Leistungen aber nicht beeinflussen.

Wenn Christian Dissinger mit Anlauf auf die gegnerische Abwehr zuläuft und diese nicht schnell genug reagiert und auf ihn heraustritt, ist die Szene meist schon gelaufen, ehe sie richtig angefangen hat. Der 2,02-m-Mann besitzt nämlich genug Sprung- und Wurfkraft, um einen defensiv stehenden Block aus dem dann eben dritten Stock relativ mühelos zu überwinden und auch dem Torhüter keine Chance zu lassen.

Gislassons Schule - sportlich und menschlich

Dissingers starke Leistungen in dieser Saison beim THW Kiel, bei dem er nach dem kurzfristigen Abgang von Filip Jicha mehr Spielanteile bekommt als zunächst erwartet, sind nicht unbemerkt geblieben. Der Halblinke ist gemeinsam mit Rune Dahmke so ein bisschen zum neuen Gesicht des "jungen" THW und eben jetzt auch der jungen Nationalmannschaft im Hinblick auf das Turnier in Polen hochstilisiert worden, bleibt aber dabei bemerkenswert unaufgeregt für einen so jungen Kerl.

Nach dem Testspielsieg über Tunesien, bei dem er bester deutscher Werfer war, hätte er allen Grund für ausgelassenen Jubel, oder zumindest großen Optimismus gehabt. Stattdessen twitterte er eine so nüchterne Analyse, dass sein Vereinstrainer Alfred Gislasson, selbst nicht gerade für Überschwänglichkeit bekannt, wohl vor lauter Stolz beinahe mit dem Mundwinkel gezuckt hätte. Dissingers ruhige Art erklärt sich allerdings auch aus dem Verlauf seiner bisherigen Laufbahn.

Glänzende Aussichten und Rückschläge

Die Entwicklung zu einem Spieler auf internationalem Top-Niveau, die Dissinger gerade wohl erfolgreich vollzieht, kommt nicht unerwartet - und irgendwie tut sie es doch. Der Reihe nach: Dissinger wurde 2011 mit der Deutschen-Junioren-Auswahl Weltmeister und zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Eine große Karriere schien unmittelbar bevorzustehen.

Kurz darauf riss sich der damals 19-Jährige im Diensten des Schweizer Spitzenvereins Kadetten Schaffhausen in einem Champions-League-Spiel das Kreuzband. Eine schwere Verletzung, die ihn fast ein Jahr außer Gefecht setzte, doch der gebürtige Ludwigshafener kam zurück, spielte wieder stark auf und wurde im März 2013 erstmals ins DHB-Team berufen. Nur einen Monat nach seinem Debüt dann der erneute Rückschlag: Wieder ein Kreuzbandriss. Atletico Madrid, damals Spaniens Top-Adresse im Handball wollte Dissinger trotzdem verpflichten und so schien es, als würde auch seine zweite schwere Verletzung ihn in seiner Karriereplanung nicht wirklich zurückwerfen.

In Lübbecke zu alter Form

Doch "Disse" trug nicht ein mal das Trikot der Madrilenen, denn der Klub musste Insolvenz anmelden und löste sich auf. Verletzt und ohne Verein dachte er über ein Karriereende nach: "Da war auch durchaus so ein Gedanke, höre ich jetzt vielleicht ganz auf und konzentriere mich auf ein Studium." Doch der TuS N-Lübbecke sicherte sich seine Dienste und seither geht sein Weg nur noch aufwärts. Nach seinem Wechsel zu den Kielern in diesem Sommer lernt er unter Alfred Gislasson, einem der besten Trainer der Welt, und macht enorme Fortschritte. In 19 Spielen hat er trotz der großen Konkurrenz im Rückraum des Rekordmeisters schon 75 Treffer erzielt. Sein Spiel ist zwar noch relativ fehlerbehaftet, Wurf- und Passquote könnten noch ein wenig besser sein, doch einen deutschen Rückraumspieler, der beim THW Kiel Leistungsträger ist, hatte Deutschland seit Christian Zeitz nicht mehr.

Seine Fehlerquote ist sowieso eher sekundär, wenn es darum geht, Dissingers Wert für die Nationalmannschaft zu bemessen. Jahrelang hatte die Mannschaft keinen Halblinken im Kader, der auf Champions-League-Niveau konstant für "leichte Tore", also Treffer aus größerer Entfernung als neun Meter, sorgte. Lars Kaufmann und Pascal Hens waren die letzten Spieler, denen das gelang, doch Hens ist nicht mehr in der Form, in der er noch 2007 war, als Deutschland Weltmeister wurde, Kaufmann ist nach großen Verletzungssorgen kein Teil der DHB-Auswahl mehr.

Neues Element

Nun soll also Dissinger dieses lang vermisste Element wieder zurück ins Spiel der Mannschaft von Dagur Sigurdsson bringen, die dadurch viel schwerer auszurechnen ist. Natürlich macht er unter Druck noch Fehler, doch die Abwehr muss ihn eben trotzdem früh und weit im Feld angreifen, um zu verhindern, dass er seine athletischen Vorteile ausspielen, und treffen kann. Dissinger schafft also allein durch seine Präsenz und seine stetige Torgefahr Räume für seine Mitspieler. Bleibt er in den nächsten Jahren weitgehend verletzungsfrei und lässt sich auch weiterhin von den Dingen abseits des Spielfeldes nicht beeinflussen, kann der junge Mann aus Ludwigshafen möglicherweise die nächsten Jahre des deutschen Handballs entscheidend (positiv) mitgestalten.

Stand: 12.01.2016, 08:30

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