Deutschland scheitert überraschend an Katar

Andreas Wolff greift sich vor Enttäuschung an den Kopf

Niederlage im Achtelfinale

Deutschland scheitert überraschend an Katar

Eine über weite Strecken hochnervöse DHB-Auswahl ist im Achtelfinale der Handball-WM an den eigenen Nerven gescheitert. Nach der überraschenden 20:21 (10:9)-Achtelfinalpleite gegen Katar muss der Europameister die Heimreise antreten und verpasst die erste WM-Medaille seit zehn Jahren.

Die extrem verunsicherte Mannschaft von Bundestrainer Dagur Sigurdsson konnte gegen den Vize-Weltmeister zu keinem Zeitpunkt an die teils starken Vorstellungen der Vorrunde anknüpfen. Damit endet auch die rund zweieinhalbjährige Amtszeit des Isländers mit einem Tiefschlag. Beste deutsche Werfer in Paris waren Rechtsaußen Patrick Groetzki und Altstar Holger Glandorf mit je vier Treffern - was aber auch nicht half. "Wir haben zu wenig Tore erzielt. Dafür habe ich keine Erklärung", sagte ein enttäuschter Paul Drux. "Das ist einfach nur bitter. Wir haben zu viele Bälle weggeschmissen", sagte der nachnominierte Routinier Holger Glandorf. "Wir hatten einen großen Traum. Das haben wir so nicht erwartet", sagte Patrick Groetzki. Wenige Meter entfernt stand Patrick Wiencek mit hängendem Kopf: "Wir sind einfach nur leer", sagte der Kreisläufer.

Sigurdsson zum Abschied selbstkritisch

"Das ist ein großer Schock für uns. Wir haben zu viele Fehler gemacht. Auch ich habe Fehler gemacht", sagte der nach Japan wechselnde Isländer selbstkritisch und bezeichnete das Achtelfinal-Aus als "größte Enttäuschung in meiner Zeit beim DHB". Vizepräsident Bob Hanning war ebenfalls geschockt, trotzdem machte er Sigurdsson in der Stunde der Niederlage ein dickes Kompliment: "Dagur hat das Denken im deutschen Handball nachhaltig geändert - das wird über seine Zeit hinaus wirken. Für ihn tut es mir unglaublich leid", sagte Hanning.

Konzentrierter Beginn

Stattdessen spielt Katar nun am Dienstag (20.45 Uhr) im Viertelfinale gegen Slowenien. Erneut startete die DHB-Auswahl zwar hochkonzentriert und lag nach zehn Minuten bereits mit vier Toren in Front. Aber genauso schnell bauten die "Bad Boys" danach wieder ab. Sigurdssons Mannschaft zeigte gerade im ersten Durchgang ungewöhnlich oft Nerven und schwächelte im Angriffsspiel. Zwar vereitelte Wolff mit seinen Paraden etliche Versuche der Katarer, doch gerade im Aufbau Deutschlands fehlte zunächst die Struktur.

Auf Fehlpässe von Spielmacher Steffen Fäth folgten Ungenauigkeiten im Abschluss, wodurch der Gegner immer wieder zu Kontergelegenheiten kam. Vor allem Superstar Rafael Capote wusste diese einige Male zu vollenden. Doch dass Katar das Spiel im ersten Durchgang eng gestaltete, lag vor allem an der nervösen DHB-Auswahl selbst. Dabei hatte das Nationalteam des Wüstenstaats nicht mehr viel mit dem Silbermedaillengewinner vor zwei Jahren zu tun. 2015 hatte Katar die Deutschen im Viertelfinale besiegt (26:24). Von den damals extra für die Heim-WM für viel Geld eingebürgerten Top-Stars waren neben dem Kubaner Capote lediglich noch Weltklasse-Keeper Danijel Saric und der Franzose Bertrand Roine dabei.

Katars Keeper Saric überragend

Enttäuschung bei Andreas Wolff (m.) nach der Niederlage gegen Katar

Enttäuschung bei Andreas Wolff (m.) nach der Niederlage gegen Katar

Und es war ebenfalls Sigurdssons Team selbst, das Saric kurz vor der Pause zur Höchstform auflaufen lief. Zahlreiche unpräzise Würfe wehrte der Bosnier mit starken Reflexen ab - und war sogar einmal selbst erfolgreich, als er den Ball über das gesamte Feld ins leere deutsche Tor warf. Nur dank des ersten Turniertreffers des nachnominierten Holger Glandorf ging die DHB-Auswahl mit einer knappen Führung in die Pause. Dennoch überraschte die anfängliche Unsicherheit der jungen DHB-Auswahl, da Sigurdsson erneut seine zuletzt gegen Kroatien überragende Stammformation aufs Feld geschickt hatte. Aber neben dem deutschen Angriff zeigte sich auch die Defensive um den 2,10 Meter großen Finn Lemke nach dem Umzug von Rouen in die französische Hauptstadt zunächst noch nicht akklimatisiert.

Fehler häuften sich

Das änderte sich auch mit dem Seitenwechsel nicht. Routinierte Spieler wie Europameister Hendrik Pekeler leisteten sich auch im zweiten Durchgang individuelle Fehler und hielten den Asienmeister dadurch unfreiwillig im Spiel. Es lag erneut an den qualitativ nicht mehr erstklassigen Katarern, dass Deutschland seine Führung dennoch langsam ausbaute. Vor allem der 33-jährige Glandorf half der Mannschaft in den kritischen Phasen mit seiner Erfahrung. Doch Katar kam wieder und wieder ran, Saric parierte Versuch um Versuch - und durch die Rote Karte für Kreisläufer Patrick Wiencek schwächte sich die DHB-Auswahl zehn Minuten vor Schluss auch noch selbst. Katar hatte mit dem Schlusspfiff noch ein Tor erzielt, der Treffer wurde nach der Partie wieder aberkannt. Offizieller Endstand: 20:21.

Statistik

Handball · Weltmeisterschaft

Sonntag, 22.01.2017 | 18.00 Uhr

Deutschland

Wolff, Heinevetter – Ernst, Groetzki (4), Reichmann, Fäth (3), Kühn (1), Drux (2), Pieczkowski, Glandorf (4), Häfner (3), Lemke – Gensheimer, Kohlbacher (1), Pekeler, Wiencek (2)

20

Katar

Saric (1), Al-Abdulla – Abdelhak, Capote (9), Roine (4/2), Sinen, Alsafadi, Mallash (2), Alsaltialkrad, Hassaballa (1) – Madadi (1), Murad, Al-Karbi – Ha. Mabrouk, Ali (2), Alrayes (1)

21

Fakten und Zahlen zum Spiel

DeutschlandKatar
Siebenmeter0 Würfe, 0 Treffer5 Würfe, 2 Treffer
Strafminuten10 Min.8 Min.

Zuschauer:

  • 10.209

Schiedsrichter:

  • Gatelis/Mazeika (Litauen/Litauen)

Stand: Sonntag, 22.01.2017, 19:55 Uhr

sid/dpa/red | Stand: 22.01.2017, 20:06

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