Die EM wird was für den Taschenrechner

Die Fans werden bei der EURO 2016 viel rechnen müssen.

Turnier in Frankreich

Die EM wird was für den Taschenrechner

Von Chaled Nahar

Bei der Fußball-EM wird in der Gruppenphase bei Punktgleichheit wieder der direkte Vergleich entscheiden. Diese Regel kann kompliziert sein, diesmal wird sie allerdings noch um eine weitere Rechenaufgabe erweitert.

Kurze Archivrecherche zur EM 2012, in einem Text wird die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag in der Gruppe D dargelegt. Ein Auszug:

"Frankreich kommt bei einem Sieg oder Unentschieden gegen Schweden weiter. Auch ein Unentschieden reicht zum Gruppensieg, wenn das Parallelspiel zwischen England und der Ukraine ebenfalls unentschieden endet. Die Franzosen dürften sich dann sogar eine knappe Niederlage gegen Schweden leisten. Falls England gegen die Ukraine gewinnt oder unentschieden spielt, würde Frankreich trotzdem als Gruppenzweiter ins Viertelfinale einziehen …"

So geht das über mehrere Absätze - willkommen in der Welt des direkten Vergleichs.

Mehr Gerechtigkeit mit dem direkten Vergleich …

Was spricht für diese Regel, die eigentlich nur Konfusion schafft? Die UEFA sieht im direkten Vergleich "eine sportlich fairere Lösung", wie es auf unsere Frage bei dem europäischen Verband heißt. Die UEFA wendet den direkten Vergleich schon seit der Qualifikation zur EM 1996 bei ihren Turnieren für Nationalmannschaften an, aber auch in der in der Champions League seit deren Gründung 1992 und der Europa League.

Der Argumentation kann man durchaus folgen. Denn das Torverhältnis kann unter Umständen wenig Aussagekraft haben. Ein Beispiel: Mannschaft 1 wäre bei Punktgleichheit schlechter gestellt als Mannschaft 2, obwohl 1 gegen 2 gewonnen hat, 2 aber im letzten Spiel gegen eine bereits ausgeschiedene oder qualifizierte Mannschaft 3 mit 6:0 gewinnt. Solche Ungerechtigkeiten schränkt der direkte Vergleich ein. 

… und große Ungerechtigkeiten

Allerdings kann auch der direkte Vergleich ungerecht sein - und zwar sehr. In letzten Gruppenspielen ermöglicht er unschöne Konstellationen. 2004 war vor dem letzten Gruppenspiel klar: Aus Italien, Dänemark und Schweden würden zwei Teams weiterkommen. Dänemark und Schweden spielten am letzten Spieltag gegeneinander, nur ein einziges Resultat würde beide sicher ins Viertelfinale bringen: ein 2:2.

Italiens Gennaro Gattuso witterte Betrug und sagte vor dem Spiel: "Ich will 50 Kameras der UEFA bei diesem Spiel." Die gab es nicht, aber das befürchtete 2:2, Italien war draußen. Niemand beschwerte sich ernsthaft, da Schweden und Dänemark ein rasantes Spiel lieferten, aber ein Geschmäckle bleibt bei solchen Fällen logischerweise zurück.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verkomplizierung, denn die Regel kann den letzten Spieltag einer Gruppe sehr knifflig machen. Schließlich können auch mehr als zwei Mannschaften punktgleich sein. Dann wird eine zweite Tabelle erstellt, in der nur die Spiele der betreffenden Mannschaften untereinander gewertet werden.

Uneinigkeit in den großen Ligen

Ob nun der direkte Vergleich oder das Torverhältnis als erstes Kriterium bei Punktgleichheit gerechter ist, bleibt Auslegungssache. Einig ist man sich nicht in der Fußballwelt: Die Bundesliga, die Premier League, die Weltmeisterschaften - dort entscheidet das Torverhältnis. Neben der EM und den UEFA-Vereinswettbewerben wenden große Ligen wie die Serie A und die Primera División den direkten Vergleich an.

In Spanien machten im Sommer drei Mannschaften den letzten Absteiger am letzten Spieltag unter sich aus - SD Eibar war am Ende punktgleich mit La Coruna und dem FC Granada. Eibar hatte das beste Torverhältnis dieser drei Mannschaften, stieg aber wegen des direkten Vergleichs sportlich ab (und blieb dann trotzdem drin, weil ein anderes Team keine Lizenz erhielt).

Noch mehr rechnen mit den Gruppendritten

Bei der EURO 2016 wird allerdings alles noch komplizierter: Denn die UEFA hat das Teilnehmerfeld des Turniers auf 24 Mannschaften ausgeweitet. Mit den beiden Erstplatzierten aus den sechs Vierergruppen lässt sich allerdings nur schlecht ein Achtelfinale zusammenstellen, vier Teilnehmer fehlen. Also qualifizieren sich die vier besten Gruppendritten ebenfalls für das Achtelfinale, das war schon bei den Weltmeisterschaften 1986 bis 1994 so.

Und das funktioniert so: Unter allen sechs Gruppendritten wird eine eigene Tabelle erstellt. An dieser Stelle wird dann wie in der Bundesliga bei Punktgleichheit das Torverhältnis ausschlaggebend sein, weil es nun schlecht einen direkten Vergleich geben kann, wenn die Mannschaften gar nicht gegeneinander gespielt haben. Die besten vier Mannschaften dieser Tabelle kommen weiter.

Nach all diesen Rechenaufgaben ist das Achtelfinale komplett - die Zuschauer werden sich auf die K.o.-Runde freuen.

Stand: 11.12.2015, 08:00

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