Das hat die Euro der Ukraine gebracht

Stadion in Lwiw

Ein halbes Jahr nach der EM

Das hat die Euro der Ukraine gebracht

Von Denis Trubetskoy

Das EM-Stadion in Lwiw steht leer, die Nationalelf hat keinen Trainer. Die Bilanz für die Euro in der Ukraine fällt gemischt aus. Und doch träumt das Land vom nächsten Welt-Event.

Die Ukraine war und bleibt ein Land der Kontraste. Das hat sich nach der Fußball-EM nur wenig verändert. Während vier ukrainische Teams, die von großen Oligarchen geführt werden, sich für die K.o.-Runden der europäischen Wettbewerbe qualifiziert haben, können einige Premjer-Liha-Vereine sich kein eigenes Stadion leisten.

Das EM-Stadion in Lwiw (Lemberg), in dem die deutsche Nationalmannschaft ihre Spiele gegen Portugal und Dänemark bestritt, nutzte seit dem Sommer niemand. Dem örtlichen Erstligisten FC Karpaty sind die 16.000 Euro zu viel, die er pro Spiel an Miete zu zahlen hätte. Außerdem mögen die Fans das alte Ukraina-Stadion, das an die erfolgreichen Zeiten erinnert, dem das Alter aber auch anzusehen ist.

Kopflose Nationalelf, leere Züge

Die ukrainische Nationalmannschaft hat derweil große Ambitionen und viele talentierte Spieler, aber derzeit keinen Trainer. Nach dem überraschenden Abschied von Nationaltrainer Oleg Blochin fand der ukrainische Fußballverband FFU bislang keinen Nachfolger. Der favorisierte Andrej Schewtschenko sagte ab. Ihm komme die Aufgabe zu früh. Das Nationalteam hat die Qualifikation für die WM in Brasilien 2014 schon fast verspielt. 

Die Maskottchen der Euro 2012

Seit der Euro sind zur Freude auch Sorgen hinzugekommen.

Was ist von der Europameisterschaft noch geblieben? Die berühmten Hyundai-Schnellzüge, die speziell für die EM gekauft worden waren, fahren fast leer durch das Land. Der Grund: Sie sind zu teuer für normale Bürger. Eine Fahrt in der komfortablen 1. Klasse kostet etwa 30 Euro. Das Durchschnittseinkommen beträgt in der Ukraine jedoch nur etwa 300 Euro im Moment, das sind zwar 50 Euro mehr als vor der EM. Die Preise sind seitdem aber auch enorm gestiegen.

Die Ukraine und Europa

Es gibt aber auch positive Aspekte. Die Fußball-EM war für viele Ukrainer ein Traum, der plötzlich wahr geworden ist. Viele hatten Zweifel, dass ihr Heimatland dieses Turnier stemmen könne. Dafür hatte auch nichts gesprochen: keine politische Basis, keine Infrastruktur und die Mentalität der Menschen, die erst seit der EM viel europäischer denken, auch im Osten des Landes, der noch stark russisch geprägt ist.

Das Land und das Volk haben die Euro dennoch erfolgreich hinbekommen und sehr viel Erfahrung gesammelt. Wenn sich die Ukraine in der europäischen Gesellschaft integrieren will, musste diese EM sein.

Politik vs. Sport

Denis Trubetskoy

Denis Trubetskoy

Der Prozess der Veränderung ist aber kein Selbstläufer. Ende Oktober haben die Ukrainer ein neues Parlament gewählt. Die Partei der Regionen von Präsident Viktor Janukowitsch gewann erneut, wenn auch nicht so deutlich, wie erwartet wurde. Im politischen Bereich dürfte es also in den nächsten Jahren kaum Änderungen geben. Mit weiteren Menschenrechtsverstößen muss gerechnet werden. Für die Journalisten wird es schwierig bleiben, kritisch und unabhängig zu berichten. Und es wird nach wie vor ausschließlich die Aufgabe der ukrainischen Gesellschaft sein, das zu ändern.

Es gibt viele junge Menschen in der Ukraine, die tatsächlich etwas ändern möchten. Dazu benötigen sie jegliche Unterstützung aus Europa, die sie bekommen können. Nach der EM spricht Europa aber - wie erwartet  - nur noch wenig über die Ukraine, immerhin jedoch mehr als vorher. Die Europäer wissen jetzt besser, was die Ukraine ist, wer die Ukrainer sind - und sie haben keine Angst mehr davor, in die Ukraine zu reisen.

Fortsetzung des Traums?

Das Märchen ist vorbei, aber nicht endgültig. Die Europameisterschaft war nicht das letzte große Sportereignis. Schon 2015 wird die Ukraine die Basketball-EM austragen. Die Vorbereitung läuft derzeit gar nicht schlecht. Dank der Infrastruktur, die nach der Euro geblieben ist, müssen nur noch die Arenen gebaut werden, die wesentlich günstiger werden als die Fußball-Stadien. Und dann bleibt da ja noch ein großer Traum: Olympia 2022 in Lemberg.

Denis Trubetskoy ist Sport- und Politikjournalist in Sewastopol. Er berichtet für ukrainische Medien unter anderem über Fußball in Deutschland und in der Ukraine, Wintersport, Radsport, Doping und Sportpolitik.

Stand: 07.12.2012, 08:00