U21-EM - England entdeckt seinen Nachwuchs

 Demaral Gray, Lewis Barker und Jacob Murphy beim Jubel über das 2:0  gegen Polen

Vor dem Halbfinale gegen Deutschland

U21-EM - England entdeckt seinen Nachwuchs

Von Christian Mixa

Englands übersehene Talente begehren bei der U21-Europameisterschaft auf - und träumen vor dem Halbfinale gegen die DFB-Elf vom großen Coup.

Dass Englands Fußballer einen Pokal in die Luft stemmen, ist ein sehr seltenes Bild. Umso überschwänglicher wurde auf der Insel vor zwei Wochen der Triumph von Englands Junioren bei der U20-Weltmeisterschaft gefeiert. Englands Fußball-Teens mit WM-Pokal im Konfettiregen schmücken seitdem sogar als Titelbild den Twitter-Kanal der BBC-Sportredaktion.

Auch sonst ließen es sich britische Medien nicht nehmen, den ersten großen internationalen Titel einer englischen Nationalmannschaft seit dem Wembley-Finale 1966 in historische Dimensionen zu rücken. Dominic Calvert-Lewin, Siegtorschütze im Finale gegen Venezuela, wurde von der BBC in eine Reihe mit Legenden wie Geoff Hurst und Martin Peters gestellt, als einer von nunmehr drei Engländern, die ein Tor in einem WM-Finale erzielten.

Womöglich müssen bald die nächsten historischen Vergleiche bemüht werden, denn Englands U21 steht bei der EM in Polen nach einer starken Vorrunde im Halbfinale - und trifft dort am Dienstag (27.06.2017) auf die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Leicester-Stürmer Demarai Grey betonte vor dem Spiel gegen Deutschland im "Daily Telegraph", dass sein Team sich gerne ein Beispiel an den U20-Weltmeistern nehmen möchte: "Wir haben gesehen, wie sie gefeiert haben. Wir wollen hier am Ende genauso feiern."

Englands Nachwuchs - plötzlich erfolgreich

Die plötzlichen Erfolge der Juniorenteams wecken Hoffnungen im lange gebeutelten englischen Fußball. Die "Young Lions" gewannen Anfang Juni bereits das renommierte U21-Turnier in Toulon. Der Kern der U20-Weltmeistermannschaft gewann vor drei Jahren mit der U17 den EM-Titel. Die aktuelle U17-Auswahl wurde bei der EM vor wenigen Wochen erst im Finale gestoppt und ließ zudem im Vorjahr mit einem 8:1-Testspielsieg gegen Deutschland aufhorchen. Dies setzt sich auf Klubebene fort, wo der FC Chelsea 2015 und 2016 zweimal den Titel in der UEFA Youth League, der Champions-League für Nachwuchsteams gewinnen konnte.

Das viele Geld, das in England in die lange vernachlässigten Nachwuchsakademien gesteckt wurde, trägt inzwischen offenbar die ersten Früchte. Dies lässt sich aktuell auch bei der U21 besichtigen, die nicht unbedingt mit Euphorie ins EM-Abenteuer verabschiedet wurde. Die Zweifel der Medien zielten vor allem auf Trainer Adrian Boothroyd ab, einem Coach, der den Großteil seiner Trainerkarriere in der zweiten englische Liga zubrachte und taktisch eher als Mann von gestern gilt.

Young Lions - gut eingestellt und widerstandsfähig

Doch bislang lag Boothroyd mit allen Entscheidungen richtig, seine "Young Lions" präsentieren sich als gut eingestelltes und auch widerstandsfähiges Team. Offenbar sind sie nicht bereit, sich in die unselige Tradition des frühzeitigen Scheiterns englischer Teams bei großen Turnieren einzureihen. Beim Vorrundenspiel gegen die Slowakei, als das vorzeitige Aus drohte, wurde aus der Halbzeitkabine ein lauter, aber offenbar konstruktiver Disput zwischen den Spielern überliefert. Nach diesem reinigenden Gewitter drehten die Engländer die Partie und stellten mit einem Sieg die Weichen in Richtung Halbfinale. "Es ist eine super Stimmung im Team. Alle sind sehr zuversichtlich", sagte Calum Chambers gegenüber der BBC und prophezeihte: "Wir haben eine große Zukunft vor uns."

Der Mann aus Middlesbrough steht aber auch exemplarisch für ein Problem des englischen Fußballs. Frühere Nationalspieler wie Rio Ferdinand und Steven Gerrard beklagen schon lange die fehlenden Einsatzchancen für englische Talente in der steinreichen Premier League, die dem globalen Publikum lieber große Namen und sündteure Importe präsentiert. Neben Evertons Mason Holgate, Torhüter Jordan Pickford und Kapitän James Ward-Prowse ist Chambers der Einzige in Englands aktuellen U21-Team, der auch Stammspieler bei einem Premier-League-Klub ist. Lewis Baker, Schütze des vorentscheidenden zweiten Treffers beim 3:0-Erfolg über Gastgeber Polen, spielt in den Niederlanden bei Vitesse Arnhem.

Leicester-Talent Grey: "Trainer müssen uns vertrauen"

Leicesters Flügelflitzer Grey, von Boothroyd gegen Polen erstmals in der Startelf aufgeboten und gleich mit einem Treffer und einer Vorlage erfolgreich, saß in der vergangenen Saison bei den "Foxes" meistens auf der Bank, ebenso wie sein U21-Teamkollege Ben Chilwell. Die EM in Polen ist für Englands übersehene Talente auch die Chance, sich mehr in den Vordergrund zu spielen. Grey nahm die Fragen der Journalisten nach dem bislang so erfolgreichen Turnier auch zum Anlass, die Politik der Premier-League-Vereine zu kritisieren: "Nichts ist so wichtig wie die Chance, auf dem höchsten Level zu spielen und Erfahrung zu sammeln. Die Trainer müssen uns mehr vertrauen."

Ein Sieg der U21 gegen Deutschland, den ewigen und nicht zuletzt auch um die erfolgreiche Nachwuchsarbeit beneideten Rivalen, könnte ein Umdenken bei den superstar-verliebten Premier-League-Klubs fördern. Englands U21 ist vor dem Duell mit dem DFB-Team bereit, alten Traumata zu begegnen, inklusive einem drohenden Elfmeterschießen. "Wir haben extra Elfmeter trainiert", sagte Englands Abwehrchef Chambers. "Sollte es wirklich dazu kommen, sind wir auf jeden Fall bereit."

Stand: 26.06.2017, 13:00

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