Protest von den Rängen
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Interview mit Fan-Verband "Unsere Kurve"
Protest von den Rängen
Seit Jahren fordern die Fan-Verbände mehr Mitsprache. Trotzdem sind sie wieder nicht dabei beim Sicherheitsgipfel, zu dem sich am Dienstag (17.07.2012) der Bundesinnenminister, Vereinsvertreter und Fußballverbände in Berlin treffen. Robert Pohl, Sprecher der Interessengemeinschaft "Unsere Kurve", sprach mit sportschau.de über mangelnde Kommunikation und Rufe nach schärferen Regeln.
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sportschau.de: Am Dienstag treffen sich Liga-Vertreter und der Bundesinnenminister zum Sicherheitsgipfel in Berlin. Die Fan-Verbände sind nicht eingeladen. Ärgert Sie das?
Robert Pohl: In erster Linie ärgert man sich schon, weil immer wieder über Fans entschieden und gesprochen wird, und selten oder fast nie die Fans mit dabei sind. Das ist auch eine Forderung, die von Seiten der Fanverbände immer wieder gestellt wird: Dass man endlich gemeinsam Lösungen sucht, die auch von den Fans akzeptiert werden.
Der Bundesinnenminister, die Polizei, der Generalbundesanwalt – alle fordern nach den chaotischen Relegationsspielen zwischen Düsseldorf und Hertha eine härtere Gangart. Können Sie die Aufregung verstehen?
Robert Pohl, Sprecher des Fan-Verbands "IG Unsere Kurve".
Pohl: Um ehrlich zu sein: Nein. Wenn man schon jahrelang zum Fußball geht, Woche für Woche zu Auswärtsspielen fährt, kann man nicht so richtig verstehen, warum jetzt so eine Riesen-Hysterie herrscht. Zunahme von Gewalt ist aus Sicht der Leute, die jahrelang dabei sind, nicht gegeben.
Politiker und Verbände scheinen vor allem über Verschärfungen nachzudenken. Die Fan-Verbände dagegen fordern mehr Freiheiten. Wie soll das gehen?
Pohl: Freiheiten heißt, dass man den Fans auch eine gewisse Verantwortung übertragen müsste. Es wird ja immer wieder gefordert, dass eine Selbstregulierung stattfinden soll, dass die Fans auch reflektieren, was sie tun. Das ginge zum Beispiel, indem sie selbst entscheiden können, welche Fan-Utensilien sie mit in den Block nehmen. Aber es ist gar nicht möglich, dass Fans Verantwortung übernehmen, wenn man ihnen immer von vorneherein alles verbietet.
Aber Gewalt im Fußball ist ja ein Problem, das nicht erst seit gestern existiert. Die Fans hätten doch die Gelegenheit gehabt, Verantwortung zu übernehmen. Hat man sich dann die Schuld nicht auch selbst zuzuschreiben?
Pohl: Fans und Fangruppen müssen jetzt auch ihr eigenes Verhalten hinterfragen und prüfen, inwieweit ihr Verhalten entsprechende Konsequenzen hat. Man darf aber nicht den Fehler machen, davon auszugehen, dass Fußballfans eine homogene Gruppe sind, die wir mal eben durch einfache Regeln permanent regulieren können. Es gibt ganz unterschiedliche Fußballfans aus allen sozialen Schichten, und es ist natürlich schwierig, so eine große Masse erziehungstechnisch im Griff zu haben.
Aber die Chaoten wurden ja auch lange stillschweigend geduldet. Musste man nicht damit rechnen, dass irgendwann solche Maßnahmen kommen?
Pohl: Von dulden würde ich jetzt nicht unbedingt sprechen wollen. Ein Fußballfan geht in erster Linie ins Stadion, um Fußball anzuschauen, und nicht, um irgendwelche ermittlungstaktischen Maßnahmen zu ergreifen. Das hat nicht nur mit dem Fußball zu tun, sondern wir haben auch in der Gesellschaft heutzutage immer seltener so etwas wie Zivilcourage. Und im Fanblock dann ein Fan-Verhalten zu organisieren, um einzelne Täter herauszufischen, ist in der Situation des Fußballspiels nicht so einfach. Da entstehen Gruppenprozesse, da entsteht eine Dynamik, die man nicht unterschätzen sollte. Wenn Fans sich in dem Moment gegen solche Leute stellen und damit Handgreiflichkeiten im Block riskieren, die sich zu größeren Auseinandersetzungen entwickeln können – dann ist das für einen normalen Fan schwierig einzuschätzen: Macht er was oder macht er nichts? Und riskiert er damit im Zweifel selbst ein Stadionverbot?
Anfang Juli hat der Bundesinnenminister mit einem Verbot der Stehplätze gedroht. Seit gestern ist das offiziell vorerst vom Tisch – aber der DFB macht sich weiterhin Sorgen. Und letztendlich gehen Bengalos und Randale meistens von den Stehplätzen aus. Sehen Sie das anders?
Pohl: Definitiv sehe ich das anders. Wenn man die Stehplätze als Hort des Übels ausmacht, dann ist das einfach nicht richtig. Es gibt auch reine Sitzplatzstadien, auch auf internationaler Ebene, wo genauso Pyrotechnik gezündet wird, wo es genauso Ausschreitungen gibt. Und wer Stehplätze abschafft, muss sich im Klaren sein, dass er damit eine soziale Gruppe aus dem Stadion drängt, Menschen, die sich eine teure Eintrittskarte nicht leisten können. Die Politik muss sich dann mit den Leuten, die dann nicht mehr ins Stadion können, auch auseinandersetzen. Deswegen ist es erst recht unverständlich, warum aus der Politik diese Forderung kommt.
Punkt zwei: Personalisierte Tickets. Die Fans sind dagegen. Aber wenn Sie eine Party zuhause feiern, wollen Sie doch auch die Leute kennen, die bei Ihnen in der Wohnung sind. Warum dürfen die Fußballvereine das nicht?
Pohl: Die Frage ist, wie setzt man das um? Das ist meiner Meinung nach die größte Hürde. Und für den Fan ergeben sich auch Nachteile: Was passiert, wenn er kurzfristig nicht zum Spiel kann? Oder wenn jemand doch kann, weil er frei bekommen hat vom Chef, aber eine personalisierte Karte nicht mehr übertragen bekommen kann? Außerdem muss man sich fragen: Es ist ja schon jedes Stadion Video-überwacht, und es ist schon viel Polizei im Stadion, und wenn man es mit den jetzt vorhandenen Möglichkeiten schon nicht schafft – was soll sich dann ändern, wenn die Leute personalisierte Tickets haben?
Was wollen Sie denn stattdessen tun?
Pohl: Wichtig ist zum Einen, dass gemeinsam über die Dinge gesprochen wird, die im Fußballstadion zuletzt für Diskussionen gesorgt haben. Und dass man diese Hysterie aus der Diskussion nimmt. Wenn die Öffentlichkeit nach harten Maßnahmen schreit, kann man nicht in Ruhe gemeinsame Maßnahmen erarbeiten, die an den Stellen helfen, wo es notwendig ist. Zweitens muss wesentlich mehr getan werden für Fanarbeit, da geht es um personelle, aber auch finanzielle Unterstützung. Und drittens muss man letzten Endes auch Geduld haben mit bestimmten Maßnahmen. Es darf nicht beim nächsten kleinen oder auch größeren Vorfall – der sicherlich irgendwann kommen wird – gleich wieder die Diskussion von vorne losgehen.
Das Interview führte Sebastian Koch.
Stand: 17.07.2012, 10:11