Kampf gegen die zündelnde Minderheit
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Sicherheitsgipfel in der Hauptstadt
Kampf gegen die zündelnde Minderheit
Von Sebastian Koch
Grellrote Fackeln, dichte Rauchwolken in beiden Fanblöcken. Platzsturm vor Ende der Partie. Chaos-Relegation zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC. Am Tag zuvor stürmen 200 Karlsruher nach dem Abstieg in die 3. Liga gewaltsam den Platz: 76 Verletzte. Nur die Schlusspunkte eines Fußballjahres mit diversen Ausschreitungen. Beim Krisengipfel in Berlin wird nun nach Lösungen gesucht.
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Die Diskussion über Gewalt im Fußball ist genauso heiß entbrannt wie die Bengalos auf den Rängen. Bundesweite Fanverbände kämpfen gegen "pauschale Kriminalisierung", fühlen sich an den Pranger gestellt. Innenminister fürchten um die innere Sicherheit. Die gewaltbereiten Fans sind eine kleine Minderheit, betonen beide Seiten. Aber während die Fans dagegen protestieren, in einen Topf geworfen zu werden, will Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich alle Beteiligten in die Pflicht nehmen: "Wenn diese kleine Minderheit von der großen Masse geduldet statt ausgegrenzt wird, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als auch über solche Konsequenzen nachzudenken."
Am Dienstag (17.07.2012) treffen sich Vereinsvertreter, Fußballverbände und der Bundesinnenminister in Berlin, um zu diskutieren, wie die Sicherheit in den Stadien verbessert werden kann. Verschiedenste Forderungen von allen Seiten geisterten in den letzten Wochen durch die Medien.
Personalisierte Tickets
St.Pauli-Fans demonstrieren mit Spruchbändern gegen personalisierte Tickets.
Eine Maßnahme, die schon vielfach erprobt, aber aufwändig ist. Der eigene Name steht dabei auf dem Ticket, es gibt eine Ausweis-Kontrolle vor dem Spiel. Bekannte Hooligans, wie die in der Liste "Gewalttäter Sport" bei der Polizei erfassten Fans, können so besser aus dem Stadion herausgehalten werden. In Italien und England gibt es das, auch die WM 2006 arbeitete mit diesem System. Deutsche Clubs wie der SC Freiburg, Dynamo Dresden und der 1. FC Nürnberg haben das System bei Auswärtsspielen eingesetzt.
Unter den Anhängern der Vereine grassiert die Sorge vor dem "gläsernen Fan". Bei jedem Spiel entstehen große Datenmengen – von denen die Fans nicht wissen, was damit passiert. Außerdem könnte man nicht einfach dem Kumpel seine Karte in die Hand drücken, wenn man plötzlich krank wird. Zwar gibt es die Möglichkeit, Karten online umzuschreiben. Aber der Aufwand für die Fans steigt.
Abschaffung der Stehplätze
"Gelbe Wand": Mit 25.000 Plätzen hat Dortmund die größte Stehplatztribüne Europas.
Anfang Juli schwang der Innenminister die ganz große Keule. "Ich habe mit Innenministern aus dem Ausland gesprochen", sagte Friedrich. "Die sagen: Wir haben nur Sitzplätze und personalisierte Tickets und in den Stadien gar keine Probleme. Das kann ich nicht ignorieren." Keine neue Forderung, aber eine, die die Fans immer wieder erschreckt. "Die Stehplätze sind das Letzte, was den Fans nach der ganzen Kommerzialisierung geblieben ist", warnt Robert Pohl von der Interessengemeinschaft "Unsere Kurve". Die Stehplätze sind die tragenden Säulen der Stimmung im Stadion. Aber sie sind auch oft der Ausgangspunkt, wenn Feuerwerkskörper gezündet werden oder Fans randalieren. Mit Hannover 96 dachte bereits ein erster Bundesligist laut über die Abschaffung von Stehplätzen nach.
Die Stehplatz-Fans widersprechen dem Zusammenhang zwischen Gewalt und Stehplätzen, auch Borussia Dortmund sieht das anders. Der Verein hat mit 25.000 Plätzen die größte Stehplatztribüne in Europa. "Wenn es einen Zusammenhang zwischen Stehplätzen und Gewalt geben würde, dann müsste Dortmund mit seinen über 25 000 Stehplätzen die Gewalthochburg schlechthin sein. Ganz im Gegenteil, Dortmund ist weltweit dafür bekannt, dass es eines der stimmungsvollsten und intensivsten Stadien der Welt hat", sagt Marco Blumberg, Abteilungsleiter der Fan- und Förderabteilung des Deutschen Meisters.
Ein weiteres Problem: Jugendliche, Studenten, Arbeitslose und allgemein ärmere Menschen würden auf diese Weise von den Spielen ausgeschlossen, weil sie sich die Tickets nicht mehr leisten könnten. Mittlerweile stellte sich die Aussage des Innenministers aber als Drohgebärde heraus: Am Montagmorgen erteilte Friedrich dem Stehplatzverbot – vorerst – eine Absage.
Elektronische Fußfesseln für Hooligans
Vom Generalbundesanwalt gefordert: Elektronische Fußfesseln für Hooligans.
Die drastischste Maßnahme, gefordert vom Generalbundesanwalt. Notorisch gewalttätige Fans müssten dann Fußfesseln zu den Spielzeiten tragen. Sie dürften in einem bestimmten Zeitraum um die Spiele herum das Haus nicht verlassen – oder zumindest bestimmte Bereiche (etwa eine Sicherheitszone um das Stadion herum) nicht betreten. Bislang ist das rechtlich noch gar nicht möglich, eine Gesetzesänderung wäre nötig. Die Polizei hat bisher zwei Optionen: Platzverweise, die aber schwer zu kontrollieren sind – und Meldepflichten für Hooligans. Diese müssen sich dann während des Spiels persönlich auf einem Polizeirevier melden.
Pyro-Spürhunde
Relegations-Chaos: Ratlos stehen Spieler von Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin vor dem Feuerwerk auf der Tribüne.
In Niedersachsen geht ein Pilotprojekt der Polizei mit zwei Spürhunden an den Start. Die beiden Tiere sind bewusst keine bedrohlichen Polizeihunde, sondern Familienrassen – ein Golden Retriever und ein Border Collie. Das soll deeskalierend wirken. Elf Wochen wurden sie ausgebildet, um Feuerwerkskörper im Stadion aufzuspüren. Dabei sind die Tiere in der Lage, die Pyrotechnik nicht nur als Ganzes, sondern auch einzelne Bestandteile aufzuspüren. Das ist wichtig, weil Fans oft Einzelteile ins Stadion schmuggeln und die Feuerwerkskörper erst dort zusammensetzen.
Rot-Weiß Essen und Fortuna Köln setzen diese Hunde bereits ein, wenn viele Fans erwartet werden. Wie effektiv die Tiere sein können, ist aber fraglich. "Gefunden haben wir nichts", sagt Yannick Bakic von Fortuna Köln. "Aber die Hunde hatten schon eine abschreckende Wirkung." Beim Projekt in Niedersachsen sollen die Tiere vorerst nur in Fanblocks eingesetzt werden – am Einlass bei der Kontrolle Tausender Fans können die zwei Tiere nicht genug ausrichten.
Stand: 17.07.2012, 08:31