Deutsche Nullnummer in Wembley

England - Deutschland 0:0

Deutsche Nullnummer in Wembley

Der erste Härtetest in England mit Blick auf die WM 2018 in Russland ist ohne Tore zu Ende gegangen. Die Deutschen verpassten trotz guter Gelegenheiten in der ersten Hälfte mehrfach den Führungstreffer, danach bauten sie ab.

Im ersten großen WM-Härtetest für Russland 2018 baute die Fußball-Nationalmannschaft ihre stolze England-Serie damit aus. Beim 0:0 am Freitag (10.11.2017) wurde der dritte Sieg in Serie in London unter Joachim Löw gegen die wiedererstarkten "Three Lions" zwar verpasst. Der Bundestrainer konnte beim Prestige-Duell vor 81.382 Zuschauern im "Fußball-Tempel" Wembleystadion aber mit seinen Personal-Experimenten einige Erkenntnisse für die WM-Titelmission in sieben Monaten sammeln.

Sané und Gündogan trauern Chancen nach

Der lange verletzte Ilkay Gündogan fasste seine Rückkehr so zusammen: "Ich bin glücklich, wieder so lange auf dem Platz zu stehen. Mir fehlt natürlich noch der Rhythmus, und eine Doppel-Sechs Gündogan und Mesut Özil ist natürlich auch nicht ganz so leicht, um Akzente nach vorne zu setzen. Aber beide Teams haben wenig Fehler gemacht, und in der ersten Halbzeit hatten wir die klar besseren Chancen."

Leroy Sané haderte ebenfalls mit diesen vergebenen Gelegenheiten: "Mich ärgert das natürlich sehr, weil ich immer noch kein Tor für die Nationalmannschaft geschossen habe. Wir hätten die Partie auf jeden Fall frühzeitig entscheiden können." Löw trennte die Partie in die beiden Halbzeiten: "Anfangs haben wir uns gut bewegt und uns sehr gute Chancen herausgespielt. Das hat in der zweiten Halbzeit gefehlt, da haben wir den Ball zu lange gehalten, und das Umschaltspiel war zu langsam."

Halstenberg in der Startelf

Angeführt vom starken Ersatz-Kapitän Mats Hummels war die DFB-Auswahl zunächst aber das klar bessere Team und verteidigte die seit 42 Jahren makellose Bilanz bei Spielen in England. Die nächste Bewährungsprobe steht für die Weltmeister zum Jahresabschluss am Dienstag (14.11.2017) in Köln gegen Frankreich an. Dann kann die Nationalelf Revanche für das 0:2 im EM-Halbfinale nehmen und die Serie von nun 20 ungeschlagenen Spielen seit dem Sommer 2016 weiter ausbauen.

Löw hatte schon vor den beiden Herbst-Klassikern personelle Experimente angekündigt. "Wir wollen Spieler sehen, die sonst nicht so oft bei uns zum Einsatz kommen", sagte der Coach und gab in Wembley dem Leipziger Debütanten Marcel Halstenberg im linken Mittelfeld von Beginn an eine Bewährungschance. Halstenberg, der eine starke erste halbe Stunde zeigte, danach aber weitgehend abtauchte, war zufrieden: "Ich bin ganz gut in die Partie reingekommen, es hat Spaß gemacht, hier dabei zu sein. Ich bin ein glücklicher Spätstarter."

Kroos musste zuschauen

Zudem feierte der lange verletzte Gündogan 360 Tage nach seinem bislang letzten Länderspiel neben Mesut Özil in der Zentrale sein Comeback. Toni Kroos fehlte dagegen nach einem Magen-Darm-Infekt.

Von Beginn an war beiden Mannschaften die ungewohnte Formation anzumerken. Auch die Engländer mussten auf sieben Stammkräfte, darunter Topstar Harry Kane, verzichten. In der Anfangsphase bemühten sich daher sowohl Löw wie auch "Three-Lions"-Trainer Gareth Southgate immer wieder an der Seitenlinie, Ordnung in die eigenen Reihen zu bringen - mit begrenztem Erfolg.

Gefahr auf beiden Seiten

Bei den Deutschen fehlte bisweilen die Bindung zwischen Mittelfeld und Angriff, bei den Engländern lange Zeit Tempo und Struktur im Spiel nach vorn. Chancen ergaben sich angesichts der Unsicherheiten auf beiden Seiten trotzdem. Die besseren hatten zunächst die Deutschen. Schon nach wenigen Sekunden wurde Timo Werner nach einem Fehler der Hausherren schmerzhaft von Keeper Jordan Pickford gestoppt und musste kurz behandelt werden.

Auf der Gegenseite traf Kieran Trippier nach einem Stellungsfehler der deutschen Abwehr nur das Außennetz. Auffälligster Akteur zu Beginn war Premier-League-Legionär Leroy Sané, der wie bei Manchester City über die linke Seite stürmen durfte. Julian Draxler musste dafür zumeist nach rechts ausweichen. Sané sorgte zunächst mit einem Schuss ans Außennetz (8. Minute) für Gefahr, ehe er in der 20. Minute die Latte traf. Der Ball prallte aber deutlich vor der Torlinie wieder auf - kein Fall also für den Video-Schiedsrichter, der erstmals bei einem Freundschaftsspiel der DFB-Auswahl im Einsatz war.

Dreifach-Chance für die Deutschen

In der 22. Minute hatten Werner, Sané und Draxler dann dreifach die dicke Gelegenheit zur Führung, doch dank der Rettungskräfte Pickford und Phil Jones und viel Glück kam England schadlos davon. Auch in der 39. Minute scheiterte Werner am überzeugenden Pickford, von dem sich die "Three Lions" die Lösung ihrer ewigen Torwartsorgen erhoffen. Erst in den letzten Minuten der ersten Hälfte drehten die Gastgeber auf. Tammy Abrahams abgefälschter Schuss strich knapp vorbei, Jake Livermore (44.) und Jamie Vardy (45.) deckten ebenfalls einige Schwächen in der deutschen Defensive auf, in der Hummels immer wieder Löcher stopfte.

Vardy hatte auch kurz nach Wiederbeginn (49.) die erste Möglichkeit, als Manuel-Neuer-Vertreter Marc-André ter Stegen den Kopfball des Leicester-Torjägers glänzend parierte. Danach wurde die Partie jedoch zunehmend zäher.

Espirit und Ideen gingen verloren

Der deutschen Mannschaft mangelte es nun an Esprit und Ideen im Angriffsspiel. Die Engländer hatten mehr Sicherheit gewonnen, offensiv aber fiel ihnen auch nur wenig ein. Beide Trainer versuchten daher mit Wechseln für neue Impulse zu sorgen. Löw schickte Emre Can für Draxler aufs Feld, dann auch Sandro Wagner für den müde gelaufenen Werner. Doch den durchaus hohen Unterhaltungswert der ersten Halbzeit erreichte das Geschehen nicht mehr, auch weil beide Teams nicht mehr ins Risiko gehen wollten. So wurde es das erste torlose deutsche Länderspiel im Jahr 2017.

red | Stand: 10.11.2017, 23:13

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