Löw schaut nach England - Premier-League-Legionäre im Blickpunkt

Geballte Premier-League-Power: Leroy Sané (l.), Antonio Rüdiger (m.) und Emre Can

Nationalmannschaft

Löw schaut nach England - Premier-League-Legionäre im Blickpunkt

Von Tim Beyer

Das Ticket für die WM hat die deutsche Nationalmannschaft fast sicher. Jetzt kommt wieder die Zeit, um personell zu testen. Gleich vier Deutsche aus der Premier League drängen in die erste Reihe. Ein Überblick.

Es gab eine Zeit, da rettete Robert Huth gemeinsam mit Michael Ballack die Ehre deutscher Fußballer in England. Gerade einmal fünf Deutsche spielten in der Saison 2009/10 in der Premier League, und nur Ballack (damals FC Chelsea) und Huth (Stoke City) durften sich als Stammspieler bezeichnen. Das ist erst acht Jahre her und wirkt doch wie eine Anekdote aus grauer Vorzeit. Heute spielen wieder 15 Deutsche auf der Insel - viele von ihnen so gut, dass Bundestrainer Joachim Löw längst nicht mehr auf sie verzichten möchte.

Vier Tickets für Russland?

Bei Ilkay Gündogan bleibt Löw nichts anderes übrig. Seit Jahren wird Gündogan immer wieder von Verletzungen heimgesucht, gerade kämpft er sich bei Manchester City nach einem Kreuzbandriss zurück in die erste Elf. Ohne solche Zwangspausen wäre Gündogan ein Hoffnungsträger für die WM-Enrunde im kommenden Jahr, so aber steht hinter seinem Namen ein Fragezeichen. Für Mesut Özil (FC Arsenal) gilt das nicht, er ist gesetzt. Aber auch sein Teamkollege Skhodran Mustafi, Emre Can (Liverpool), Antonio Rüdiger (FC Chelsea) oder Leroy Sané (Manchester City) stehen bei Löw hoch im Kurs. Wenn sie fit sind und in Form bleiben, werden sie höchstwahrscheinlich zum Aufgebot für das Turnier in Russland gehören.

Gerade im Falle von Sané war das nicht immer abzusehen. Vor einem Jahr war der heute 21-Jährige für kolportierte 50 Millionen Euro von Schalke 04 zu den "Citizens" nach Manchester gewechselt, als Wunschspieler von Trainer Pep Guardiola. Trotzdem hatte es Sané im Starensemble zunächst nicht leicht, seinen Platz zu finden. Mal zollte sein Körper dem körperbetonten Fußball auf der Insel Tribut, dann wieder setzt ihn Guardiola als Joker ein. Erst in der Rückrunde wurde Sané zu dem, was er jetzt gerade mehr denn je ist: Stammspieler bei einem der bestbesetzten Teams Europas.

Sané und Can - echte Alternativen?

In dieser Saison war Sané an allen sieben Spieltagen dabei, er erzielte drei Tore und lieferte zwei Vorlagen. Das beeindruckte auch Löw, in dessen Aufgebot Sané erstmals seit Ende März wieder auftaucht. "Er hat schon etwas Außergewöhnliches im Spiel", sagte Löw bei der Vorstellung des aktuellen Kaders über den Rückkehrer. In den beiden Spielen gegen Nordirland und Aserbaidschan könnte der Bundestrainer testen, inwieweit Sané mit seiner Schnelligkeit, seiner Spielfreude und Torgefahr auf den Außenbahnen eine ernstzunehmende Alternative zu den etablierten Kräften wie Julian Draxler oder Thomas Müller darstellt.

Einen Schritt weiter sind in dieser Hinsicht die weiteren England-Legionäre im aktuellen DFB-Kader. Allen voran Emre Can. Der hat im defensiven Mittelfeld zwar ähnlich hochkarätige Konkurrenz, aber seinen Platz als fleißige und zuverlässige Alternative hat der 23-Jährige bei Löw sicher - auch wenn die Entwicklung von Leon Goretzka ihn weiter unter Druck setzen wird. Beim Confed Cup in diesem Sommer deutete Can jedenfalls als, dass er sich in drei Jahren als Stammspieler beim FC Liverpool enorm weiterentwickelt hat.

Vom Aufstieg der Löw-Lieblinge

Wucht, Dynamik und den Willen, dahin zu gehen, wo es auch mal wehtun kann, hatte Can schon immer. Mittlerweile hat Can die Zahl der Stockfehler und individuellen Aussetzer in seinem Spiel minimiert und dazu Torgefahr entwickelt. An der Anfield Road würden sie alles tun, um Can eine Verlängerung seines auslaufenden Vertrages schmackhaft zu machen. Ein Selbstläufer ist das schon lange nicht mehr, unter anderem soll Juventus Turin Interesse an Can haben. Wo auch immer er seine Karriere fortsetzen wird, eines scheint klar: Die Zeit der missglückten Versuchen, ihn zum Rechtsverteidiger umzuschulen, dürften endgültig der Vergangenheit angehören.

Als Rechtsverteidiger mussten in der Vergangenheit auch mal Antonio Rüdiger und Skhodran Mustafi aushelfen. Glücklich werden sie damit nicht gewesen sein, schließlich machten beide in der Zeit davor und vor allem danach ihre besten Spiele auf der angestammten Position als Innenverteidiger. Wie gut, dass Deutschland mittlerweile einen Joshua Kimmich in seinen Reihen hat. Und so werden Rüdiger und Mustafi weiter um einen Platz hinter dem angestammten Innenverteidiger-Duo Mats Hummels und Jerome Boateng konkurrieren.

Rüdiger vor Mustafi

Die besseren Karten scheint derzeit Rüdiger zu haben. Im jüngsten Länderspiel gegen Norwegen sammelte er beim 6:0 an der Seite von Hummels Pluspunkte und deutete an, was er in seinen zwei Jahren in der Serie A gelernt hat. Individuelle Aussetzer sieht man von ihm, der mitterweile beim FC Chelsea zum Stammverteidiger aufgestiegen ist, immer seltener, dafür kommt sein starkes Aufbauspiel nun besser zur Geltung. Löw schätzt das an einem Innenverteidiger.

Und Mustafi? Der ist zwar Stammspieler in London, kann dort aber nicht immer überzeugen, was sicher auch an der offensiven Ausrichtung des Teams liegt. Die macht es für Mustafi und seine Kollegen in der neu eingeführten Dreierkette schwer, die nötige Stabiltät zu erzeugen. Bislang ließ sich Löw nicht davon beeinflussen und setzte in den dreieinhalb Jahren seit Mustafis Debüt regelmäßig auf den 25-Jährigen. Übrigens auch bei der WM 2014, als Rüdiger noch zuschauen musste. Doch mittlerweile scheint Rüdiger an Mustafi vorbeizgezogen zu sein. Und der spürt den Atem von Niklas Süle, der in der Gunst des Bundestrainer hoch steht, schon allzu deutlich im Nacken.

mit sid | Stand: 03.10.2017, 22:10

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