Plädoyer für frisches Blut noch vor der EM

Joachim Löw

Nach dem 2:3 gegen England

Plädoyer für frisches Blut noch vor der EM

Von Marcus Bark (Berlin)

Die Niederlage gegen England zeigt, dass Bundestrainer Joachim Löw die jungen Spieler, denen er Hoffnung auf eine EM-Teilnahme macht, gut gebrauchen kann. Nicht als Lehrlinge, sondern als Option für die erste Elf.

Der Ostersonntag war als freier Tag eingeplant. Löw zögerte aber dann doch ein wenig, als ihn sein Pressesprecher fragte, ob es dabei bliebe. "Frag' mich in einer Stunde nochmal", sagte der Bundestrainer. Er wollte ein bisschen scherzen, obwohl es bis dahin einen anderen Eindruck gemacht hatte.

Löw bezeichnete das 2:3 gegen England als verdient, was bei den Beobachtern als richtige Meinung durchging. Die Mängelliste des Bundestrainers war lang: "Fehler im Spielaufbau", "wenig Kombinationsspiel", "kaum Chancen", "kaum Kontrolle", zu große Lücken in der Defensive nach dem Seitenwechsel.

Nur ein Bruchteil überzeugender Spiele nach der WM

Die jüngere Geschichte zeigt, dass die ersten Länderspiele des Jahres oft holprig verliefen. Die Gelassenheit, mit der im deutschen Fußball damit umgegangen wurde, nahm aber stetig zu. Im Sommer erwies sich eben doch, dass ein großer Unterschied zwischen Wettbewerb und Test besteht.

Thomas Müller untermauerte dies am Samstag (26.03.16) in den Katakomben des Berliner Olympiastadions: "In Testspielen kommen wir nicht immer an die 100 Prozent. Da ertappt man sich auch mal dabei, nicht den letzten Schritt zu machen."

Im Frühjahr 2016 mehren sich aber die Zweifel, dass die Gelassenheit noch angebracht ist. Seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Juli 2014 überzeugte die Nationalmannschaft nur in zwei von 16 Spielen, bei einem 1:0-Sieg in Spanien und beim 3:1 in der Qualifikation zur Europameisterschaft gegen Polen.

Podolski? Schürrle? Rüdiger? Can?

Gegen England war Mario Gomez ein Lichtblick, vor allem wegen seines Tores, das die Vorzüge eines klassischen Stürmers zeigte. Aber direkt dahinter enttäuschte ein Mittelfeld mit so hochwertigen Spielern wie Müller, Mesut Özil und Marco Reus. Sie kamen nicht annähernd an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Das Wissen darum ist auch beruhigend für Löw.

Lukas Podolski (l.) im Zweikampf mit Nathaniel Clyne

Lukas Podolski (l.) im Zweikampf mit Nathaniel Clyne

Bei anderen Spielern muss sich der Bundestrainer aber fragen, ob es noch oder überhaupt für die Nationalmannschaft reicht. Lukas Podolski? André Schürrle? Aber auch Antonio Rüdiger und Emre Can, die weitaus weniger Länderspiele in ihren Statistiken zu Buche stehen haben, aber eben auch noch keine guten. Einen Tag vor der Partie gegen England hatte Löw gesagt, dass "fünf bis sechs Spieler" aus der U21 "berechtigte Hoffnungen haben dürfen, bei der Europameisterschaft dabei zu sein".

Sanés Moment, Kimmichs Ruhe, Weigls Fokus auf die Defensive

Es scheint so, als brauche er die äußerst talentierten Leroy Sané, Joshua Kimmich und Julian Weigl schon früher als gedacht, nicht als Lehrlinge auf den Positionen 18 bis 20 des Kaders, sondern als Druckmittel und ernsthafte Option. Sané ist ein Offensivspieler, der sich auch von vielen misslungenen Aktionen nicht beirren lässt und ein weiteres Solo wagt, das entscheidend sein kann. Kimmich kann innen und außen verteidigen, hat eine hohe Pass- und Ballsicherheit. Der Münchner kann sich dem aggressiven Pressing eines Gegners entziehen, das hätte gegen die erstaunlich mutigen Engländer geholfen, genau wie sein Aufbauspiel mit Pässen, die Raumgewinn versprechen.

Auch Weigl ist, nach einem Tief zu Beginn der Rückrunde, wieder sicher am Ball und dem gegnerischen Druck gewachsen. Er denkt zudem in erster Linie defensiv, was in Berlin weder bei Sami Khedira noch Toni Kroos der Fall war. Die beiden "Sechser" gehörten zu den besten Spielern in der deutschen Mannschaft, aber beim zweiten Tor der Engländer fehlten sie beide in dem Raum, den Weigl gewiss im Auge behalten hätte. Das Ergebnis, hatte Löw gesagt, sei gegen England zweitrangig. Erfreulich sei es für ihn, wenn er wichtige Erkenntnisse gewinne. Das ist ihm in Berlin gelungen. Sie werden ihm nur nicht gefallen haben.

Statistik

Fußball · Länderspiele Männer · 1. Spieltag 2016

Samstag, 26.03.2016 | 20.45 Uhr

Deutschland

Neuer – Can, Rüdiger, Hummels (46. Tah), Hector – S. Khedira, Kroos – T. Müller (75. Podolski), Özil, Reus (64. Schürrle) – Gomez (80. Götze) –

2

England

Butland (45. Foster) – Clyne, Cahill, Smalling, Rose – Dier – Alli, Henderson – Lallana (71. Barkley), Welbeck (71. Vardy) – Kane

3

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Kroos (43.)
  • 2:0 Gomez (57.)
  • 2:1 Kane (61.)
  • 2:2 Vardy (74.)
  • 2:3 Dier (90.)

Strafen:

  • gelbe Karte Can (1 )
  • gelbe Karte Dier (1 )

Zuschauer:

  • 71413

Schiedsrichter:

  • Gianluca Rocchi (Italien)

Stand: 27.03.2016, 08:00

Darstellung: