Große Auswahl für die Fußball-EM

Jonas Hector, Thomas Müller und Julian Draxler

Nach den Tests gegen England und Italien

Große Auswahl für die Fußball-EM

Von Marcus Bark

Der Test gegen Italien hat gezeigt, dass die deutsche Nationalmannschaft ihrer Rolle als Weltmeister gerecht wird, wenn sie es nachdrücklich will. Joachim Löws taktischer Plan ging zudem auf, für den EM-Kader hat der Bundestrainer nun eine große Auswahl.

Thomas Müller ist jetzt 26 Jahre alt, 70 Länderspiele stehen für ihn in der Statistik. Die Annahme, dass er die Aufgeregtheiten des Fußballgeschäfts kennt, liegt nahe, zumal als Spieler des aufregenden FC Bayern. Im Nachgang des Länderspiels gegen England, das am Karsamstag mit 2:3 verloren gegangen war, erlebte er jedoch etwas Neues. Zumindest sagte er das am Dienstag (29.03.16), nachdem das Länderspiel gegen Italien mit 4:1 gewonnen worden war. Manchmal, so Müller, sei es doch besser, die Wahrheit so zu beugen, dass es als Notlüge durchgehen kann. Die Reaktionen auf sein ehrliches Geständnis, dass auch er gegen England zu lasch an die Aufgabe herangegangen sei, hatten ihn überrascht und auch ein bisschen getroffen.

Falls Müller in Berlin nicht die Wahrheit gesagt hätte, wäre er spätestens in München überführt worden. Die Einstellung der deutschen Spieler, gerade auch seine, hatte sich von Larifari in Wettbewerb geändert. Wenn die deutsche Mannschaft will, dann sieht sie auch nach dem aus, was sie ist, einem Weltmeister. Das ist die wichtigste Erkenntnis aus dem klaren Sieg gegen ein Italien, das allerdings Züge von Larifari trug und in der Defensive bisweilen so wirkte, als habe Hannover 96 azurblaue Trikots übergestreift.

Kroos und Özil auf der Doppelsechs - innovativ und schlüssig

Eine weitere gute Erkenntnis für Joachim Löw: Sein Plan ging auf. Der Bundestrainer setzte dem italienischen 3-4-3 ein 3-4-3 entgegen. Das hatte er auch schon im November 2015 beim Test in Frankreich probiert, der von den Terroranschlägen überschattet worden war. Allerdings wählte er damals sein Personal auf der Doppelsechs mit Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira recht konservativ aus. Die Besetzung in München mit Toni Kroos und Mesut Özil war nicht nur innovativ, sie erwies sich auch als schlüssig.

Mit Hilfe der beiden sehr pass- und ballsicheren Spieler gelang es der deutschen Mannschaft gegen Italien viel besser als gegen England, die erste Pressingreihe des Gegners zu überwinden. So ergaben sich Räume im Mittelfeld und sogar Überzahlsituationen im Angriff, was gegen Italiener sonst sehr selten vorkommt.

Viele junge Spieler mit guten Chancen auf die EM

"Einige Spieler haben gezeigt, dass sie um den Platz im Kader für die EM kämpfen", sagte Löw in München. Er wird sicher nicht Kroos und Özil gemeint haben, denn die gehören wie Mats Hummels, Jerome Boateng, Müller, Marco Reus, Ilkay Gündogan, Sami Khedira, Mario Gomez und Mario Götze zu den Spielern, die fest damit rechnen dürfen, nominiert zu werden. Bleiben bei Manuel Neuer und zwei weiteren Torhütern noch zehn Plätze im 23 Spieler starken Kader, der am 30. Mai um 23.59 Uhr endgültig benannt werden muss.

Einer dieser Plätze geht an Schweinsteiger, falls der Kapitän seine Verletzung rechtzeitig überwunden hat. Äußerst gute Chancen haben Jonas Hector, Shkodran Mustafi, Julian Draxler und André Schürrle, dem Löw trotz der Schwierigkeiten in Wolfsburg die Treue hält.

Rudy ist ein Gewinner

Sebastian Rudy

Sebastian Rudy

Einer der Gewinner der beiden ersten Testspiele im EM-Jahr ist Sebastian Rudy, der gegen Italien auf der rechten Seite im Mittelfeld viele starke Szenen hatte, die beste, als es nach einem Foul an ihm Elfmeter gab. Rudys gute Leistung schmälert die Chancen von Emre Can und Matthias Ginter, wobei allerdings einer der beiden in Frankreich dabei sein dürfte.

Um die restlichen Plätze streiten etliche Kandidaten, etwa Antonio Rüdiger. Der Innenverteidiger des AS Rom wurde von Löw für sein taktisches Verhalten gelobt, aber er zeigte gegen Italien Schwächen im Zweikampf, technische Mängel und einen zögerlichen Aufbau, der den Vorstellungen Löws widerspricht. Für Rüdiger spricht, dass er ein bisschen erfahrener ist als Jonathan Tah. Sollte Benedikt Höwedes rechtzeitig verletzungsfrei sein, dürfte der Schalker aber die Wahl als weiterer Innenverteidiger sein.

Enttäuschungen vorprogrammiert

Höwedes hat zudem den Bonus des Weltmeisters, genau wie Lukas Podolski. Doch der spielte in den Tests kaum eine Rolle, genauso wenig wie Christoph Kramer und Karim Bellarabi, für die es schwierig werden dürfte, das Turnier in Frankreich aktiv zu erleben.

Denn da gibt es noch eine Gruppe der jungen Spieler wie Leroy Sané, Joshua Kimmich und Julian Weigl, dazu einen Erik Durm und einen Kevin Volland, die sich ebenfalls berechtigte Hoffnungen machen dürfen. Die Auswahl ist groß, und es wird einige geben, die bitter enttäuscht sein werden, wenn Joachim Löw ihnen die Wahrheit sagt.

Stand: 30.03.2016, 08:00

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