Die Demut des Joachim Löw
Neuer Abschnitt
Vor dem WM-Qualifikationsspiel in Österreich
Die Demut des Joachim Löw
Von Marcus Bark
Mit der Rückkehr zu bewährten Tugenden will die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihren alten Rivalen Österreich in die Knie zwingen.
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Der Kurier ist eine der größten Tageszeitungen in Österreich. Er hat am Montag vom "Fußballspiel des Jahres" geschrieben und aus diesem Grund sogar an der prominentesten Stelle einer Zeitung ein ausführliches Interview mit Joachim Löw angekündigt. Das Foto auf der Titelseite zeigt einen nachdenklichen deutschen Bundestrainer, der einen Zeigefinger auf seine Lippen legt. Das Zitat, das es am Tag vor dem WM-Qualifikationsspiel im Wiener Ernst-Happel-Stadion zur Überschrift gebracht hat, lautet: "Österreich ist stark im Kommen."
Die Titelzeile und das Foto sagen vieles über die Art, wie sich Joachim Löw im neuen Turnierzyklus präsentiert. Im Interview mit der Sportschau sagt er zwar, dass er sich seit der Niederlage im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien "nicht verändert" habe, doch zumindest sein öffentliches Auftreten widerlegt dieses These. Die Lockerheit, das smarte Lächeln, das ist wiedergekommen nach einer Phase der "enormen Enttäuschung". Doch das Uns-kann-keiner-etwas, das ist verloren gegangen.
Abnutzungskampf auf Augenhöhe
"Wir haben in den vergangenen Jahren gegen Brasilien, Argentinien und die Niederlande gewonnen. Ich glaube, dass der Punkt gekommen ist, einen weiteren 'Großen' zu schlagen. Das können wir schaffen, und das werden wir auch schaffen", hat Löw vor dem Spiel gegen Italien gesagt. Er werde jeden Gegner respektieren, aber die deutsche Nationalmannschaft sei inzwischen so gut, dass sie sich nach keinem mehr orientieren werde. Wir sind Deutschland, wir sind sehr stark, wir wollen den Titel. Das ist die Botschaft von Joachim Löw.
Zweieinhalb Monate später, Pressekonferenz in Wien: Der Saal im Ernst-Happel-Stadion ist bis in die Seitengänge gefüllt. Löw kündigt "ein Spiel auf Augenhöhe" an, er erwartet einen "aggressiven Abnutzungskampf". Der Trainer des Weltranglistenzweiten redet den 49. stark, als sei der kurz davor, die Lücke zu schließen.
Interpretationsspielraum, wo keiner ist
Die Demut, die Fußballtrainer häufig verlangen, wird in diesen Tagen von Joachim Löw vorgelebt. Was ist passiert? Hat die Analyse der Europameisterschaft vielleicht nicht nur ergeben, dass auch die deutsche Mannschaft ein sehr frühes und sehr aggressives Pressing spielen sollte wie Spanien, sondern dass sie wieder leiser auftreten sollte. Sami Khedira hat dem Fachmagazin kicker gesagt, worin er den Grund für die Niederlage gegen Italien sieht: "Der entscheidende Punkt war wohl, dass wir uns zu sicher waren und schon ein bisschen in Richtung Finale gegen Spanien geschaut haben."
Auf die Frage, ob dies zu einem Umdenken geführt habe, deutet Löw die Aussage seines Mittelfeldspielers um, biegt sie zurecht und räumt ihr einen Interpretationsspielraum ein, den sie nicht hat.
Wieder Wien
Vor mehr als acht Jahren hat die Trainerlaufbahn von Joachim Löw beim DFB in Wien begonnen. Er ist Assistent von Jürgen Klinsmann, der den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und auch den deutschen Fußball auf den Kopf stellen will. Die Mission endet mit einem dritten Platz bei der WM 2006. Klinsmann geht, Löw wird sein logischer Nachfolger. Er ist kein Revoluzzer, sondern einer, der die Mannschaft stetig noch ein bisschen besser machen will.
Bei der EM 2008 steht er in Wien am Scheideweg: Die deutsche Mannschaft benötigt einen Punkt gegen Österreich, um die Gruppenphase zu überstehen. Sie gewinnt 1:0, verliert später das Finale gegen Spanien. Die WM 2010? Super, toll, klasse - aber wieder gegen Spanien verloren. Dennoch wird der Titel bei der Euro 2012 als Ziel ausgegeben. Löw baut vor dem Halbfinale gegen Italien die Mannschaft ohne Not um und verliert. Es hagelt Kritik. Er ist darauf vorbereitet gewesen. "Die Fallhöhe war extrem hoch."
Die Schritte werden kleiner und schwieriger
Heute redet Löw nicht vom Titel, die Weltmeisterschaft 2014 schiebt er weit weg. Für ihn zählt die WM-Qualifikation, ein "Langstreckenwettbewerb mit zehn Spielen". Der Pflichtsieg gegen die Färöer ist eingefahren, nun geht es gegen Österreich. Wieder steht in Wien ein bedeutsames Spiel für Joachim Löw an.
Eine Niederlage, vermutlich schon ein Unentschieden nach durchwachsener Leistung, wird neuerliche Kritik hervorrufen, die er vor der Europameisterschaft im Sommer kaum kannte. Ein bisschen Demut wird nicht schaden, um die Erwartungshaltung in Deutschland wieder langsam herunterzuschrauben. Während er "Österreich stark im Kommen" sieht, sagt Löw: "Wenn du Zweiter der Weltrangliste bist, werden die Schritte nach vorne kleiner.
Stand: 11.09.2012, 08:30