Bundestrainer Löw - Zeit für Experimente

Joachim Löw

Vor dem Länderspiel in Amsterdam

Bundestrainer Löw - Zeit für Experimente

Von Marcus Bark in Amsterdam

Nach den vielen Absagen bietet sich der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erst recht die Chance, beim Spiel in den Niederlanden etwas zu testen. Bundestrainer Joachim Löw und die Experimente – ein schwieriges Kapitel.

Es wird eine "falsche Neun" sein. Eine andere Möglichkeit hat Joachim Löw nicht mehr. Mario Gomez ist noch nicht wieder fit. Miroslav Klose sagte – wie so viele andere – für das Spiel am Mittwoch (14.11.12, ab 20.15 Uhr live im Ersten, im Stream und im Ticker bei sportschau.de) ab. Damit steht kein "echter" Stürmer mehr im Kader. Das Problem, in der vordersten Position wenig bis keine Alternativen zu haben - Stefan Kießling wäre eine, aber sein Verhältnis zu Löw gilt trotz anderslauternder Bekundungen seit der WM 2010 als gestört - ist vom Bundestrainer längst erkannt worden. Der Deutsche Fußball-Bund will die "echte Neun", die im Gegensatz zu der im Taktikdeutsch so genannten "falschen" vorne im Sturmzentrum bleibt und sich nicht dauernd ins Mittelfeld zurückfallen lässt, verstärkt in der Ausbildung fördern.

"Reus auf der Neun"

Die Übergangsphase sei kein Problem, so Löw. Seitdem er den derzeit verletzten Cacau aus dem Aufgebot für die Europameisterschaft gestrichen hatte, sagte der Bundestrainer stets, dass "auch ein Marco Reus ganz vorne spielen kann". Ob die Praxis diese Theorie belegt, ist offen. Ein Test über einen längeren Zeitraum von etwa 90 Minuten hat es noch nicht gegeben. Zuletzt musste Lukas Podolski ganz vorne aushelfen, von dem Löw auch sagte, er könne das. Während der Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel sagte er nun: "Ganz vorne in der Spitze ist nicht unbedingt seine Position." Wer in der Arena wo auflaufen wird, ließ Löw offen, aber die Zwischentöne ergaben, dass nun die Zeit für das Experiment "Reus auf der Neun" gekommen sei, genau wie für andere. Der Bundestrainer: "Durch die Absagen haben wir die Chance, dass einige spielen können, um sich zu bewähren."

Mangel an Stümern und Außenverteidigern

Der Stürmer im immer noch von Löw bevorzugten 4-2-3-1- oder 4-1-4-1-System ist eine Position, auf der die deutsche Nationalmannschaft mittelfristig Bedarf an neuen Spielern hat. Bei den Außenverteidigern ist das Problem seit einiger Zeit akut. Philipp Lahm wechselt beständig die Seiten, je nachdem, wo er gerade beim FC Bayern oder beim DFB gebraucht wird. Bei der EM wünschte er sich die linke Seite und bekam sie. Danach sollte es dann wieder die rechte sein, und sie wurde es. In der Arena von Amsterdam wird er wohl wieder nach links müssen, weil Marcel Schmelzer genau wie Holger Badstuber fehlen wird.

Löw setzt auf junge Spieler

Joachim Löw nominierte Sebastian Jung von Eintracht nach. Er könnte der 53. Debütant unter Löw seit 2006 werden. Anders als der Schalker Roman Neustädter, der diese Chance ebenfalls besitzt, ist Jung ein Spieler, der eine vakante Position besetzt. So sehr sich Neustädter genau wie sein Vereinskollege Lewis Holtby die (Nach)-Nominierung durch beständig gute Leistungen im Verein verdient haben, so wenig besteht im defensiven und offensiven Mittelfeld Bedarf an Experimenten. Bei den rechten Verteidigern, wie es Jung einer ist, aber sehr wohl. Löw sprach, als analysiere er ein Spiel, als er sagte: "Wenn wir Zugriff brauchen, dann nehmen wir Spieler aus der U21, um sie für die Zukunft aufzubauen." Das sei Teil der arg strapazierten "Philosphie". Löw: "Bevor wir jetzt (ältere) Spieler nominieren, die schon länger nicht dabei waren, machen wir es so."

Verpasste Chancen

Unter dem Eindruck des nahenden Turniers gab sich Löw vor der Europameisterschaft wenig experimentierfreudig. Es gab zwar die schnell wieder verschüttete Idee einer Dreierkette beim Spiel in der Ukraine, aber personell setzte der Bundestrainer auf das Bewährte. Tony Jantschke war nie eingeladen worden, obwohl er bei Borussia Mönchengladbach eine starke Saison spielte, jung ist – und auf der Position des Rechtsverteidigers zu Hause. Auf der Position des Stürmers nannte Löw im Frühjahr 2011 Julian Schieber und Pierre-Michel Lasogga als Alternativen zu Gomez und Klose. Getestet hat er keinen von beiden. Inzwischen ist Schieber zu Borussia Dortmund gewechselt und kommt dort kaum zum Einsatz, Lasogga arbeitet nach einem Kreuzbandriss daran, wieder fit zu werden.

Auch wenn in Amsterdam noch häufig das 4:4 gegen Schweden zur Sprache kam, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 immer noch sehr gut. Die Zeit für Experimente ist gegeben, erst recht nach der Absagenflut für das Spiel in Amsterdam.

Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen:

Niederlande: Krul/Newcastle United (24 Jahre/4 Länderspiele) - van Rhijn/Ajax Amsterdam (21/4), Heitinga/FC Everton (28/84), Vlaar/Aston Villa (27/13), Martins Indi/Feyenoord Rotterdam (20/5) - de Jong/AC Mailand (27/66), van Ginkel (Vitesse Arnheim (19/0) - van der Vaart/Hamburger SV (29/102) - Afellay/Schalke 04 (26/43), Huntelaar/Schalke 04 (29/59), Robben/Bayern München (28/62).

Deutschland: Neuer/Bayern München (26/35) - Höwedes/Schalke 04 (24/9), Mertesacker/FC Arsenal (28/84), Hummels/Borussia Dortmund (23/22), Lahm/Bayern München (29/94) - Lars Bender/Bayer Leverkusen (23/10), Gündogan/Borussia Dortmund (22/3) - Müller/Bayern München (23/37), Götze/Borussia Dortmund (20/19), Podolski/FC Arsenal (27/105) - Reus/Borussia Dortmund (23/13).

Stand: 13.11.2012, 13:25