Bei der DFB-Elf schwindet die Zuversicht
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Nach dem WM-Qualifikationsspiel in Österreich
Bei der DFB-Elf schwindet die Zuversicht
Von Marcus Bark
Die DFB-Elf ist von einem Titelanwärter zu einer Elf geworden, die von der Hoffnung auf bessere Zeiten leben muss. Es stimmen nur noch die Ergebnisse.
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Christian Fuchs posierte lächelnd für Fotos mit den begeisterten Fans. "Nächstes Mal packt ihr sie", rief einer dem Kapitän der Österreicher zu. Dann stimmte der rot-weiß-rote Anhänger wieder in den Chor ein, der kurz vor Mitternacht noch recht zahlreich vor dem Ernst-Happel-Stadion nach einer Legende rief: "Wir wollen den Herbert sehen!" Herbert Prohaska bräuchte auf seine Visitenkarte nur "Cordoba" drucken zu lassen, um zumindest im deutschsprachigen Raum von jedem erkannt zu werden.
Dicht am Volkshelden
Ein Punktgewinn gegen Deutschland zum Auftakt der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 hätte Marko Arnautovic gewiss noch nicht gereicht, um den Status eines Volkshelden zu erlangen wie Prohaska durch den 3:2-Sieg bei der WM 1978. Doch wenn der Offensivspieler des SV Werder Bremen in der 87. Minute die äußerst günstige Gelegenheit zum 2:2 genutzt hätte, wäre er sicherlich zum Held auf Zeit ernannt worden. Arnautovic schoss aber daneben. Das war ihm so peinlich, dass er über den Öffentlich-Rechtlichen ORF eine "Entschuldigung an das ganze Land" aussprach.
So weit ging Philipp Lahm natürlich nicht. Seine Mannschaft hatte schließlich gewonnen. Mehr war dem Kapitän der deutschen Mannschaft aber auch nicht eingefallen, was auf die Positivliste des Abends in Wien hätte genommen werden können. Lahm, der häufig durch diplomatische Aussagen mit Klassensprecher-Mentalität auffällt, ließ am Dienstag (11.09.12) deutliche Worte fallen. "In allen Bereichen" sah der Münchner einen Bedarf an Verbesserungen. Besonders wurmte ihn, "dass wir keine Lösung gegen das frühe Pressing der Österreicher gefunden haben".
Lernziel verfehlt
Frühes, aggressives Pressing - das hatte Joachim Löw seiner Mannschaft als Lernziel für die nächste Entwicklungsstufe ausgegeben. Bei der 3:0-Pflicht gegen die Färöer war es nicht zu sehen. Der Bundestrainer schob es auf die semiprofessionellen Fußballer von den Schafsinseln. In Österreich war wieder nichts davon zu sehen. "Wir wollten nur phasenweise pressen, weil wir selber Räume haben wollten", erklärte Löw.
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Das DFB-Team in der Einzelkritik
Die Leistung des DFB-Teams in der WM-Qualifikation gegen Österreich in der Einzelkritik.
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Die Feinheiten dieses taktischen Zuges mögen diplomierte Fußball-Lehrer verstehen. Für die Mehrheit der interessierten Beobachter bot die deutsche Mannschaft das Bild, dass sie keine Lösungen hatte für die Aufgaben, die ihnen das Spiel stellte. Sich mit schnellem, präzisen Passspiel aus dem Pressing-Druck zu befreien und dann die Überzahl im Mittelfeld zu nutzen, war der DFB-Elf nicht möglich.
Mangelhafte Spieleröffnung
Die Spieleröffnung aus der Viererkette heraus war sogar so mangelhaft, dass die Österreicher besonders in der ersten Halbzeit zu einer beachtlichen Anzahl an Torchancen kam. Zur Pause stand es jedoch 1:0 für Deutschland durch den Treffer des kurz danach wegen einer Verletzung ausgewechselten Marco Reus. "Das ist für mich Weltklasse, wenn du die wenigen Momente sofort nutzt, in denen die Spannung beim Gegner etwas nachlässt", sagte Österreichs Trainer Marcel Koller. Der Schweizer mühte sich redlich, die Komplimente zurückzugeben, die Löw vor dem Spiel an seinen Kollegen verteilt hatte.
Sie waren vermutlich zurecht ausgesprochen worden. Österreich scheint auf dem Weg von einer immer etwas milde aus Deutschland belächelten Mannschaft zu einem ernsthaften Kandidaten für die Qualifikation zu sein. Die DFB-Elf ist hingegen von einem gefestigten, harmonischen Titelanwärter bei der Europameisterschaft 2012 zu einen großen Fragezeichen geworden. Über Linksverteidiger Marcel Schmelzer, der eine außergewöhnlich schwache Leistung zeigte, sagte Löw: "Wir haben links nicht viele Alternativen, deshalb müssen wir mit ihm weiter arbeiten. Ich hoffe, dass er sich auf internationalem Niveau verbessert." Das war mehr ein Vertrauensentzug denn ein -beweis.
Verbindungen sind gestört
Joachim Löw lebt derzeit viel mehr von der Hoffnung als von der Zuversicht, dass seine Mannschaft die positive Entwicklung weitermacht, die unter ihm begann. Er muss hoffen, dass Philipp Lahm wieder ein Weltklasse-Niveau erreicht, unter dem er schon bei der EM spielte. Er muss hoffen, dass der exzellente Fußballer Toni Kroos an Dynamik gewinnt, um auf Top-Niveau konstant gute Leistungen zu zeigen. Die Verbindung zwischen defensivem Mittelfeld und den meistens vier Spielern davor ist derzeit latent gestört. In der vordersten Reihe des in Österreich gewählten 4-2-3-1-Systems spielte Miroslav Klose wie die Hoffnung, dass er noch einmal 25 Jahre alt sein wird. Er lief und sprintete und lief, aber in den entscheidenden Momenten fehlte es dem 34 Jahre alten Stürmer an Spritzigkeit und Handlungsschnelligkeit.
Die Mängelliste der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist in kurzer Zeit länger geworden als zu vermuten war. Kurz bevor Joachim Löw den Medien antwortete, wurde sein Kollege Koller gefragt, ob die verlorenen Punkte nicht besonders schmerzhaft seien, weil Deutschland auch gut in Irland und gegen Schweden Federn lassen könne. Anders ausgedrückt: Die deutsche Nationalmannschaft hat durch den Duselsieg von Wien an Respekt verloren.
Stand: 12.09.2012, 08:30