Klassefußball aus dem Überangebot

Mesut Özil

2:1-Sieg in Frankreich wirft Systemfrage auf

Klassefußball aus dem Überangebot

Von Marcus Bark (Paris)

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihre stärkste Phase gegen Frankreich in der letzten halben Stunde, als kein klassischer Stürmer auf dem Platz steht. Das bereitet Mario Gomez Sorgen.

Gemächlicher als auf dem Rasen, aber doch sehr zügig ging es für Mesut Özil durch die Mixed Zone, in der Journalisten mit den Spielern sprechen. Es sei denn, die Spieler wollen nicht sprechen, so wie Özil am Mittwochabend (06.02.13). Vielleicht dachte er sich, es sei schon alles von ihm geschrieben worden. Nur 22 der möglichen 140 Zeichen brauchte der Profi von Real Madrid, um den Abend zusammenzufassen. "2:1-Sieg: Geiles Spiel", teilte Özil beim Kurznachrichtendienst Twitter mit. Das kann aus deutscher Sicht so stehen bleiben.

Es lohnt dennoch, ein bisschen genauer auf eine Partie zu schauen, für die Bundestrainer Joachim Löw eine "Top-Leistung" gefordert hatte. Er sollte sie bekommen. Es war keine Glanzvorstellung über 90 Minuten, aber für einen Test im Februar äußerst ansehnlich, und die deutsche Elf steigerte sich, je näher der Schlusspfiff kam. "Die Leute können beruhigt sein, dass beim DFB nicht alles schlecht ist", sagte Thomas Müller mit sarkastischem Unterton.

Deutliche Dominanz im letzten Spieldrittel

Als der Münchner nach der Halbzeitpause (51. Minute) das 1:1 schoss, war Mario Gomez noch auf dem Spielfeld. Kurz darauf ging der klassische Stürmer herunter (57.). Das sei so abgesprochen gewesen, sagte Müller. Mehr als eine halbe Stunde lang spielte Deutschland dann mit einer "falschen Neun", einem 4-6-0-System oder wie immer das Konstrukt auch zu bezeichnen war. Es war jedenfalls sehr effektiv. Deutschland dominierte den Gegner im letzten Drittel des Spiels eindeutig, auch wenn die Franzosen im Alles-oder-Nichts-Stil zum Schluss noch zu Chancen kamen.

Das Spiel von Mesut Özil kann auch ganz gut in Drittel eingeteilt werden. Im ersten lief es mäßig, im zweiten schon wesentlich besser, im dritten überragend gut. Zunächst schien es nach Gomez' Auswechslung, als solle Özil die Rolle einer "falschen Neun" einnehmen, sich also ins Mittelfeld fallen lassen, um dort das Spiel zu lenken, aber auch immer schnell genug in der Spitze sein, wenn dort der Abschluss gesucht wird.

"Wir haben das nicht speziell trainiert"

Dann aber tauchte Müller in der zentralen Position auf, und auch Toni Kroos, der für den schwachen Gomez gekommen war, rochierte ab und an dorthin. Nur André Schürrle, der Lukas Podolski ersetzte (68.), hielt es überwiegend auf der linken Seite. "Wir haben das nicht speziell trainiert", sagte Müller. Das sei auch nicht nötig gewesen, denn "wir verstehen uns gut". Ilkay Gündogan, der sich in seinem zweiten Länderspiel hintereinander für weitere Einsätze empfahl, ergänzte: "Es war in den letzten 20 Minuten zu sehen, dass wir sehr flexibel sind. Das geht aber nur, wenn jeder mitmacht und den anderen auch absichert."

Es war eine verzwickte Situation für die Spieler, über die gelungene Taktikumstellung zu sprechen. Jedes Lob traf Mario Gomez, auch wenn es gar nicht so gemeint sein sollte. Der Bundestrainer schwärmte in der Pressekonferenz von der "Ballsicherheit" Özils, dank der beinahe jeder Angriff in der letzten halben Stunde zu einem Torabschluss geführt habe.

Eine Planstelle mehr?

Auch wenn die beiden Dortmunder Mario Götze und Marco Reus für den offensiveren Part sowie Bastian Schweinsteiger für den defensiveren gefehlt haben, gab es im Aufgebot für Paris immer noch ein Überangebot an Klassespielern im Mittelfeld. Bei der ohnehin dürren Auswahl an Stürmern stellt sich die Frage, ob Löw auch künftig daraus ergiebiger schöpt, indem er eine Planstelle mehr bereitstellt. Für die Stürmer, bei denen sich die Auswahl des Bundestrainers ohnehin nur auf Gomez und den derzeit verletzten Miroslav Klose beschränkt, würde es dann schwieriger, auf Einsatzminuten zu kommen.

Die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Kasachstan im März werden zeigen, ob Löw es forciert, den Spielstil grundlegend auf ein System ohne klassischen Stürmer zu ändern. Er könnte es dann sogar speziell trainieren lassen.

Statistik

Fußball · Länderspiele Männer · 1. Spieltag 2013

Mittwoch, 06.02.2013 | 21.00 Uhr

Frankreich

Lloris – Sagna, Koscielny (46. Rami), Sakho, Evra – Cabaye, Matuidi (46. Capoue), Mou. Sissoko (80. Giroud) – Valbuena (86. Menez), Benzema, Ribery

1

Deutschland

R. Adler – Lahm, Mertesacker, M. Hummels, Höwedes – S. Khedira, Gündogan – T. Müller (89. L. Bender), Özil, Podolski (68. Schürrle) – M. Gomez (57. T. Kroos)

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Valbuena (44.)
  • 1:1 T. Müller (51.)
  • 1:2 S. Khedira (74.)

Zuschauer:

  • 75000

Schiedsrichter:

  • Paolo Silvio Mazzoleni (Italien)

Stand: 07.02.2013, 08:53

Kommentare zum Thema

67 Kommentare

Neuester Kommentar von "Pumuckl", 08.02.2013, 09:04 Uhr:

Gündogan hat sich vor allem durch eine starke Arbeit nach hinten ausgezeichnet aber auch durch gute strategeische Pässe in des Gegeners Hälfte. Ich denke man kann ihn sicher mit Schweinsteiger und Khedira messen. Durch die Auswecheselung von Gomez war einfach vorne mehr Platz für Ideen und Pässe. Mir ist auch in der Bundesliga aufgefallen, dass wenn Gomez bei BAyern nicht spielt, Müller wesentlich besser ist, weil der dann auch nach innen zieht und Raum hat, wenn MAnzukic ausweicht. Gomez steht dagegen nur im Zentrum sperrt dadurch die Räume für seine Kollegen, ist daurch leicht auszurechnen und wird außerdem meistens so abgeschirmt, dass die Pässe die ihn erreichen sollen, vom Gegner abgefangen werden. Ohne Mittelstürmer ist das deutsche Spiel vermutlich wesentlich schlechter vom Gegner vorauszusehen.

Kommentar von "Zweifler", 08.02.2013, 08:21 Uhr:

Gündogan war gut, aber die Franzosen haben den doch machen lassen. Schweinsteiger hätten sie permanent auf den Füßen gestanden. Özil dribbelt die ganze Zeit vor sich hin. Reine Schönspielerei. Kroos hätte in dem Spiel 5 Pässe wie den zum 2:1 gespielt. Özil sieht immer elegant aus, aber effektiv und gefährlich war das alles nicht... Und Kroos nach 60 min. zusätzlich vorn rein zu stellen konnte doch nicht klappen. Der wusste garnicht, wo er hinrennen soll...

Kommentar von "Finn R.", 07.02.2013, 23:28 Uhr:

Ich denke hier wird mit Toni Kroos etwas hart ins Gericht gegangen.Da dies ja nur ein Freundschaftsspiel war und Kroos eigentlich sonst herrausragende Leistung in der Nationalelf als auch beim Fc Bayern München zeigt müsste man dies in seinen Kommentaren berücksichtigen.Außerdem ist der Junge erst 23 Jahre alt und dann zu schreiben er hätte es nicht verdient in die Nationalmannschaft nominiert zu werden ist meines Erachtens blödsinn.

Kommentar von "Uwe Nennstiel", 07.02.2013, 19:42 Uhr:

Das war wieder mal ein gutes Spiel zum Jahresanfang. Gündogan und Özil stachen durch technische Finesse aus einer stark laufbereiten Mannschaft hervor. Schweinsteiger mit seiner Behäbigkeit wäre diesem Tempo eh nicht gerecht geworden. Und Kroos leidet mittlerweile an Selbstüberschätzung und hat in der Nationalelf nix verloren. Und über Rene Adler brauchen wir erst recht nicht diskutieren.Er ist die eigentliche Nr.Eins! Für die Zukunft lässt das einiges erwarten- wenn nicht der Bundestrainer selbst wieder Böcke taktischer Natur schießt.

Kommentar von "Sebastian", 07.02.2013, 19:13 Uhr:

ich hab lieber Afro-Cup geguckt, Burkina Faso gegen Ghana. War ein klasse Spiel! Spannung ohne Ende, inklusive Elfmeterschießen!

Kommentar von "Paul", 07.02.2013, 18:08 Uhr:

Özil gehört fast zu den weltbesten Fussballern. Es fehlt ihn noch etwas an Charakter, an Sicherheit, die ihn auch mehr Tore erzielen lassen würde. Sein Pass zum 2:1 ist krank. Ich kann nicht verstehen, wieso Löw Podolski weiterhin bringt. Er fühlt sich wohl in der Premier League, ist ein englischer Typ mit Robustheit, Schnelligkeit und gutem Schuss, hat aber in dieser Technikermannschaft der Deutschen nichts mehr verloren. Ohne Stürmer zu spiele finde ich eine gute Idee, Gomez ist technisch und spielerisch zu schwach, Klose macht es leider nicht mehr lange :( Müller, Reus, Götze etc. Strahlen genug Torgefahr aus. Spanien ist Doppeleuropameister und Weltmeister ohne Stürmer.

Kommentar von "charly aus kenya", 07.02.2013, 17:41 Uhr:

nichst zu meckern das war gute teamarbeit danke!

Kommentar von "Christian S.", 07.02.2013, 17:37 Uhr:

Ein tolles Spiel mit einem grossen Gewinner - Gündogan. Er hat als 6er vor der 4er -Kette ein grossartiges Spiel gemacht. Er war immer anspielbar und hat den Ball stets möglich schnell weitergeleitet, wenn es in die Offensive ging. Sein Ballsicherheit und Uebersicht ist ausserordentlich gut und strahlt auf das ganze Team aus. Ganz neben bei bereitete er auch noch den wichtigen Ausgleichstreffer vor. Lustlosigkeit bzw. fehlende Dynamik strahlte hingegen Toni Kros aus. Als Einwechselspieler hätte man Laufbereitschaft erwarten können. Gerade als offensiver Mittelfeldspieler muss man mehr Vorstösse in die Tiefe erwarten können. Unterm Strich eine enttäuschende Vorstellung. Höwedes war eine positive Ueberraschung in der Viererkette. Zwar kamen die Flanken (noch) nicht gut. Aber immerhin unternahm er diese Vorstösse und kam zum Flanken, was für seine Laufbereitschaft und Schnelligkeit spricht. Ob Neuer oder Adler ist in der Tat ein Luxusproblem, um welches uns viele beneiden.

Kommentar von "Karl Erhard", 07.02.2013, 17:14 Uhr:

Özil ist einer der besten Fußballer der Welt; seine Ballbehandlung ist einmalig. Sein Pass zum 2:1 absolute Weltklasse. Gündogan fand ich ebenfalls ganz stark im Spielaufbau, er sollte öfter eine Chance bekommen. Sind außerdem noch Klose, Götze und vor allem Reus dabei, kann die dt. Mannschaft jede Mannschaft schlagen, aber es dürfen keine solche Fehler von Trainerseite mehr gemacht werden wie bei WM und EM-Halbfinals.

Kommentar von "Klaus Busse", 07.02.2013, 16:58 Uhr:

Ein sehr gutes Länderspiel beider Mannschaften. Wenn Kiesling gespielt hätte, wäre das Ergebnis höher ausgefallen. Gündukan hat als Schweinsteiger Ersatz eine Starke Leistung erbracht.

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