Löw nimmt sich und seine Mannschaft in Schutz

Joachim Löw

Brandrede des Bundestrainers vor dem Spiel gegen Argentinien

Löw nimmt sich und seine Mannschaft in Schutz

Bundestrainer Joachim Löw hat sich vor dem Länderspiel gegen Argentinien verärgert über die Kritik nach der EM gezeigt.

In einer 28-minütigen Brandrede rechnete der Bundestrainer mit den Kritikern der Nationalmannschaft ab. "Teile der Kritik halte ich für nicht zielführend und sie ermüden mich. Ich bin es leid, dass man das, was vorher alles gut war, als Beleg dafür nimmt, warum es nicht klappt. Das trifft mich", sagte der 52-Jährige mit lauter Stimme und scharfem Ton gleich zu Beginn seines Monologes vor dem ersten Länderspiel der Saison am Mittwoch (15.08.12) in Frankfurt am Main gegen Argentinien.

Dass zum dritten Mal unter seiner Regie die Jagd nach einem großen Titel ins Leere lief, habe nichts damit zu tun, dass es keine echte Typen mehr in der Mannschaft gebe, betonte Löw. "Wir haben keine flachen Hierarchien. Die Spieler sind dem Führungsanspruch voll und ganz gerecht geworden. Mit diesem Führungsstil haben wir in den vergangenen Jahren fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose haben stets das gemacht, was ich von ihnen verlangt habe. Andere Mannschaften mit ihren klassischen Führungsspielern sind lange vor uns nach Hause gefahren", sagte Löw.

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Löw rechnet mit Kritikern ab | 01:16 min | 13.08.2012 | ARD Mittagsmagazin | Das Erste

"Es gibt keine Hymnenpflicht!"

Noch bedenklicher findet der Bundestrainer aber die von einigen Politikern und auch von DFB-Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder neu entfachte Diskussion um den Hymnenzwang. "Ich halte es für fatal, den Spieler unterschwellig den Vorwurf zu machen, dass sie, wenn sie die Nationalhymne nicht singen, 'keine guten Deutschen' sind. Die Hymne zu singen ist schön, aber es ist noch lange kein Beleg für Qualität und schon gar kein Beweis für eine Unlust zu kämpfen. Alle Spieler identifizieren sich mit dem Trikot, mit der Nationalmannschaft und mit Deutschland", sagte Löw.

Er wolle dieses Thema noch einmal mit den Spielern ansprechen, stellte aber klar: "Es gibt beim DFB keine Hymnenpflicht. Ich habe mit einzelnen Spielern gesprochen und kenne ihre tiefsten Beweggründe und die Art, wie sie sich auf ein Spiel vorbereiten. Ich kenne teilweise auch die Gründe ihrer Familien. Das werde ich akzeptieren und respektieren."

Absurd sei auch der Vorwurf, die Nationalspieler seien zu verwöhnt. "Auch die Spanier haben einen Koch, fahren nicht immer mit dem Bus und haben andere Voraussetzungen geschaffen. Wir erwarten eine Top-Performance und müssen die perfekten Voraussetzungen bieten", äußerte der Bundestrainer und rechtfertigte die Rahmenbedingungen für die Nationalspieler.

Klares Bekenntnis zu Miroslav Klose

Miroslav Klose

Ein klares Bekenntnis gab Löw zu Miroslav Klose ab. "Selbstverständlich werde ich in den nächsten zwei Jahren auf ihn setzen", sagte der Bundestrainer. Klose wäre beim nächsten großen Turnier immerhin 36 Jahre alt wäre. "Miro ist ein Spieler, bei dem ich die Altersgrenze im Moment nicht sehe. Ich weiß, wenn er einen Rhythmus hat, gehört er zu den weltbesten Stürmern."

Klose könnte gegen Argentinien sein 122. Länderspiel für Deutschland bestreiten. Mit 64 Toren ist er als Zweiter der deutschen Torjägerliste nur noch vier Treffer von Rekordschütze Gerd Müller entfernt. Bei einer insgesamt vierten WM-Teilnahme 2014 könnte er auch den Brasilianer Ronaldo als WM-Rekordtorjäger ablösen. Ronaldo hat 15 Endrundentore erzielt, Klose steht bei 14.

Argentinien - zwei Jahre Ärger

Zwei Jahre sind seit dem 0:4 Argentiniens gegen Deutschland bei der WM in Südafrika vergangen. Für Argentinien war es eine Zeit voller Ärger, doch nun gibt es Hoffnung.

Maxi Rodriguez

Gut zwei Jahre sind vergangen, seit Deutschland bei der WM 2010 Argentinien mit einem famosen 4:0 aus dem Turnier schoss (im Foto trauert damals Maxi Rodriguez). Am Mittwoch (13.08.12, 20.45 Uhr) gibt es in Frankfurt bei einem Freundschaftsspiel ein Wiedersehen. Seither hat sich bei den Argentiniern viel getan – und zwar wenig Gutes. sportschau.de blickt auf zwei durchwachsene Jahre der Himmelblau-Weißen zurück.

Gut zwei Jahre sind vergangen, seit Deutschland bei der WM 2010 Argentinien mit einem famosen 4:0 aus dem Turnier schoss (im Foto trauert damals Maxi Rodriguez). Am Mittwoch (13.08.12, 20.45 Uhr) gibt es in Frankfurt bei einem Freundschaftsspiel ein Wiedersehen. Seither hat sich bei den Argentiniern viel getan – und zwar wenig Gutes. sportschau.de blickt auf zwei durchwachsene Jahre der Himmelblau-Weißen zurück.

Im Anschluss an das Turnier in Südafrika wurde Diego Maradona auf den Straßen Buenos Aires' zwar wie gewohnt als Held gefeiert, doch beim Verband senkten die Verantwortlichen den Daumen über dem Landesheiligen. Denn der wollte unbedingt mit seinen bisherigen Assistenten weiterarbeiten, die an oberer Stelle jedoch nicht mehr erwünscht waren. "Wenn sie an meine Mitarbeiter wollen, bin ich weg", sagte Maradona. Der Verband nahm dieses Angebot an, der auslaufende Vertrag wurde nicht verlängert – auch wenn einige Fans dagegen protestierten.

Sergio Batista, der mit Diego Maradona 1986 in Mexiko gemeinsam Weltmeister wurde, wurde sein Nachfolger. Er hatte bis dahin die argentinische U 20 trainiert und außerdem die Olympia-Mannschaft zur Goldmedaille in Peking 2008 geführt. "Das einzige Ziel für 2014 ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen", sagte "Checho" bei seinem Amtsantritt.

Doch selbst wenn es dazu kommen sollte, wird Sergio Batista nicht als Trainer dabei sein. Seine Amtszeit dauerte nur ein gutes Jahr. Die Copa América 2011 in Argentinien endete für den großen Favoriten in einem Fiasko: Mit zwei Unentschieden und nur einem Sieg quälte sich die Mannschaft durch die Vorrunde und scheiterte anschließend in einem spektakulären Viertelfinale am alten Rivalen Uruguay.

"Argentinien, wir sehen Dich nicht, wo bist Du?", sangen die Fans von Paraguay und Uruguay wenige Tage später, als ihre Mannschaften das Finale in Buenos Aires bestritten. Uruguay feierte den Sieg in der Hauptstadt des Erzfeindes – eine Demütigung für die argentinischen Fans.

Der zu diesem Zeitpunkt 48-Jährige Batista überstand diese Demütigung erwartungsgemäß nicht und musste seinen Platz als Trainer räumen.

Immer offensichtlicher wurde jedoch, dass Argentiniens Probleme auf dem Platz größer als auf der Trainerbank waren. Das gesamte Spiel war auf Lionel Messi ausgerichtet. Auf dem Superstar lasteten alle Hoffnungen, alle Erwartungen – und damit auch großer Druck, mit dem Messi wohl nicht immer fertig wurde. "Komm mal in die Gänge, du Idiot", sagte sein Mannschaftskollege Nicolas Burdisso (im Foto links neben Messi) nach Darstellung verschiedener Medien in der Halbzeit des Traumas gegen Uruguay zu ihm – was wiederum eine Menge über das Mannschaftsgefüge aussagt.

Messi bleibt aber für die argentinische Mannschaft Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich. Während er im Trikot des FC Barcelona schon in jungen Jahren jeden Pokal in der Hand gehalten hat, den es zu gewinnen gibt, bleibt seine Bilanz in der Nationalmannschaft mager. Darüber kann auch der Olympiasieg von 2008 nicht hinwegtäuschen. Bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 war jeweils im Viertelfinale gegen Deutschland Schluss, bei der Copa 2007 reichte es wenigstens zu einem zweiten Platz, bei der Copa 2011 gelang ihm nicht ein einziges Tor.

Auf Batista folgt Alejandro Sabella im Juli 2011 als neuer Trainer der Mannschaft. Er merkte, wie Messi die Vergleiche mit Maradona und seinen eigenen Leistungen in Barcelona belasteten. Maradona sagte: "Mit mir als Trainer war Messi glücklich. Ich habe ihn verstanden wie kein anderer." Batista sagte: "Bei mir fühlt sich Messi so wohl wie beim FC Barcelona." Aber nur unter Sabella blühte "La Pulga" ("Der Floh") richtig auf. In seinen jüngsten neun Spielen gelangen dem 25-Jährigen neun Tore. "Ich hoffe, dass ich Spielraum habe, um noch besser zu werden", sagte der Star selbst.

Doch damit wären die Probleme der Mannschaft längst nicht gelöst "Ohne Frage sind wir offensiv weit besser bestückt als defensiv. Wenn ich dies sage, will ich gar keinem in meiner Mannschaft weh tun, aber es ist nun mal so", sagte der 57 Jahre alte Trainer im "kicker". Zwar stehen in der Abwehr Spieler wie Javier Mascherano (im Foto rechts mit Brasiliens Neymar) vom FC Barcelona oder Pablo Zabaleta von Manchester City, doch die Defensive bleibt die Problemzone. Es gibt mittlerweile echte Nachwuchsprobleme in der Abwehr. Früher war die argentinische Mannschaft für ihre beinharten Verteidiger gefürchtet – heute eifern die Jugendlichen lieber Messi nach.

Was wiederum zur guten Nachricht führt: Gonzalo Higuain, Angel di Maria, Sergio Agüero – an Weltklassespielern mangelt es Trainer Sabella zumindest vorne nicht. Mit Messi in seiner verbesserten Form muss er es nur noch schaffen, aus dem Team eine Einheit zu formen. Das Spiel bleibt wie im Test gegen Deutschland auch für die WM 2014 klar nach vorne orientiert, sagt Sabella: "Es wäre fahrlässig, Spieler solcher Klasse zu haben und das System dann nicht offensiv auszurichten." Dann muss das Turnier in Brasilien für Argentinien nur noch einen glücklicheren Ausgang nehmen als das in Südafrika.

Abfuhr für Markus Babbel

Zurück wies der Bundestrainer die Kritik von Hoffenheims Trainer Markus Babbel nach der ausgebliebenen Nominierung Tim Wieses. "Wie, wann und wo wir das machen, ist unsere Entscheidung. Das kann niemand anders", sagte Löw. "Und ich finde, das ist ein bisschen eine Respektlosigkeit von Markus Babbel gegenüber Andreas Köpke und Hansi Flick, wenn er solche Dinge von sich gibt." Torwarttrainer Köpke sei in "allen sportlichen Fragen" der erste Ansprechpartner für die Torhüter. "Niemand hat gesagt, dass es ein Ausschluss für alle Zeiten ist", sagte Löw: "Das hätte selbstverständlich ich übernehmen müssen."

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Löw über Nationalhymnen-Diskussion genervt | 01:25 min | 13.08.2012 | WDR 2 Zwischen Rhein und Weser

Zusammen mit Co-Trainer Flick hatte Köpke dem 30 Jahre alten Torwart Wiese die Entscheidung in der vergangenen Woche in Hoffenheim mitgeteilt. Es sei aber eine sportliche Entscheidung gewesen. "Wir wissen, was er kann und wir wissen, dass wir immer auf ihn zurückgreifen können", sagte der 52-Jährige. Babbel hatte sich zuvor öffentlich über den Vorgang beschwert und Löw vorgeworfen, unangenehmen Gesprächen aus dem Weg zu gehen.

sid/dpa | Stand: 13.08.2012, 15:23