Philipp Lahm - meistens Diplomat

Philipp Lahm

Der Kapitän vor seinem 100. Länderspiel

Philipp Lahm - meistens Diplomat

Von Marcus Bark

Philipp Lahm, der gegen Österreich zu seinem 100. Länderspiel kommen wird, ist über jeden sportlichen Zweifel erhaben. Er redet viel und meistens wie ein Diplomat. Seine Mutter hat beides nicht erwartet.

Der Tau auf dem Rasen glitzert in der Sonne. Etwa 30 Kinder sind bereit für einen der letzten Tage in der Ferien-Fußballschule. Ein Trainer möchte "Iniesta" mit Sonnencreme einsprühen, aber der ziert sich. "Robben", "Ribéry" und "Shaqiri" üben ein paar Pässe. Jetzt kommt auch "Drogba". Drogba? Auf der Anlage der Freien Turnerschaft Gern wäre das vor einem Jahr noch die größtmögliche Provokation für jemanden gewesen, der ein paar hundert Meter weiter aufgewachsen ist.

Gegenüber vom Sportplatz wohnen die Eltern des berühmtesten Spielers, den die FT Gern hervorgebracht hat: Daniela und Roland Lahm. Wenn ihr Sohn Philipp zu Besuch kommt, "zieht er sich inzwischen doch schon mal eine Kapuze ins Gesicht", verrät ein Nachbar. Es sei ja auch lästig, ständig fotografiert zu werden.

"Immer der Beste" bei der FT Gern

Sonst könne er nur Gutes über Sohn Philipp sagen. "Der ist ganz normal geblieben. Das täuscht nicht, wenn sie ihn im Fernsehen sehen.“ Als Lahm schon Profi gewesen sei, habe er ihm die Taschen aus dem Supermarkt nach Hause getragen. Eine Selbstverständlichkeit.

Die FT Gern ist auch heute noch ein gutes Stück Familie Lahm. Philipps Onkel ist Vorsitzender, Mutter Daniela Jugendleiterin. "Dass der Philipp so weit kommt, haben wir uns nie vorstellen können", sagt Daniela Lahm im Gespräch mit sportschau.de. Klar, bei der FT sei er "immer der Beste" gewesen. Und jetzt?

Heute ist Philipp Lahm Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er ist vier Mal mit dem FC Bayern deutscher Meister geworden, genauso häufig Pokalsieger. Im Mai hat er mit den Münchnern die Champions League gewonnen, nachdem er ein Jahr zuvor das Finale in "seinem" Stadion gegen den FC Chelsea verloren hatte. Ein Name reicht, um das Drama zu beschreiben: Drogba.

Jubiläum in "seinem Stadion"

Philipp Lahm

Lahms Länderspieldebüt 2004 in Kroatien

Am Freitag (06.09.13) wird Philipp Lahm in München zu seinem 100. Länderspiel auflaufen. "Hier in München die 100 voll zu machen, ist ein schöner Nebenaspekt. Wichtig ist, dass wir gegen Österreich gewinnen, weil wir uns möglichst schnell für die Weltmeisterschaft qualifizieren wollen."

Philipp Lahm spricht diese Sätze im 13. Stock eines Büroturmes - Pressekonferenz der Nationalmannschaft, gut drei Kilometer vom Elternhaus entfernt. Es sind zwei typische Sätze von Lahm. Solche Sätze haben das Bild des freundlichen Diplomaten geprägt, des um Harmonie bemühten Klassensprechers. Viele finden das langweilig, die Mutter sagt: "Ich bin unheimlich stolz, wie er das meistert. Früher hat er ja kaum etwas gesagt. Wir haben manchmal das Gefühl, dass er sich alle Worte für heute aufgespart hat."

Das Bild des unverbindlichen Plauderers wird ihm gerecht – meistens jedenfalls. Lahm kann auch anders. Als sein FC Bayern aus der Bahn zu geraten drohte, baten Lahm und sein Berater die Süddeutsche Zeitung im November 2009 zu einem Gesprächstermin. Das Interview schlug hohe Wellen. Der scheinbar harmlose Philipp Lahm, dem Verein seit 1995 treu (zwischen 2003 und 2005 war er lediglich an den VfB Stuttgart verliehen), giftete gegen die Klubbosse.

Alles ausgeräumt mit Ballack

Die zweite Wortmeldung, die Aufsehen erregte, gab es ein paar Monate später. Lahm spürte, dass sich die Hierarchie in der Nationalmannschaft änderte. Er hatte das Vertrauen des Bundestrainers und wagte daher, den Putsch gegen den zu jener Zeit verletzten Michael Ballack öffentlich zu führen. Er würde gerne Kapitän bleiben, auch wenn Ballack wieder da sei, sagte Lahm während der Weltmeisterschaft. Ballack spielte danach nie wieder in der Nationalmannschaft, Lahm trägt seitdem die schwarz-rot-goldene Binde.

Es sei alles ausgeräumt zwischen den beiden, versichert der Sieger des Machtkampfes. Ballack wird vor dem Anstoß gegen Österreich offiziell verabschiedet.

Philipp Lahm

Aus im EM-Halbfinale 2012: Lahm verlor gegen Italien mit Mario Balotelli.

Lahm meistert auch den Rückblick auf 99 Länderspiele souverän. Neben ihm sitzt Thomas Müller, der Fußballprofi mit dem großen Talent zum Entertainer. Das tut dem Mannschaftskollegen sichtlich gut. Sein schönstes Länderspiel sei "mit das erste gewesen, im Februar 2004 in Kroatien, sieben Monate vorher war ich noch Amateur". Das schönste Tor? Eröffnungsspiel der WM 2006, das 1:0 gegen Costa Rica in München. Die bitterste Niederlage? EM-Finale 2008, 0:1 gegen Spanien. "Ich musste zur Pause verletzt raus, und am Tor war ich nicht unbeteiligt." Überhaupt: "Jedes Aus bei einem großen Turnier ist bitter."

Ein Titel mit der Nationalmannschaft fehlt

Ein Titel mit der Nationalmannschaft fehlt Lahm noch. Er will ihn "möglichst schon in Brasilien bei der WM holen". Er werde ja nicht jünger. Im November feiert Lahm seinen 30. Geburtstag.

Er ist sportlich über jeden Zweifel erhaben. Für seinen Vereinstrainer Josep Guardiola ist Lahm "der intelligenteste Spieler, den ich je trainiert habe". Deshalb hat er ihn auch schon häufiger im defensiven Mittelfeld eingesetzt, obwohl Lahm als Links- wie auch Rechtsverteidiger zum Weltklassespieler aufstieg.

Was wird, wenn Philipp Lahms Vertrag beim FC Bayern 2016 ausläuft? "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht", sagt der Sohn. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Verein wechselt, und wir wünschen uns das auch nicht", sagt die Mutter, "aber man weiß nie."

Stand: 06.09.2013, 08:00