Das Defensivproblem der DFB-Elf

Sauer über die vielen Gegentore: Manuel Neuer.

Nationalmannschaft

Das Defensivproblem der DFB-Elf

Von Frank Hellmann

Lücken und Löcher, Abstimmungsprobleme und Stellungsfehler: Die deutsche Nationalmannschaft zeigt beim 3:3 gegen Paraguay in der Abwehr eine dilettantische Leistung. Bundestrainer Joachim Löw ist indes nur bedingt besorgt.

Hoch oben auf dem höchsten Fußball-Berg Deutschlands gibt es nicht viel Platz. Selbst wer eine Zufahrt auf den zugebauten Betzenberg ergattert hat, wird an den wenigen Parkplätze von eifrigen Wächtern im Pfälzer Idiom deutlich angehalten, hier keinen Zentimeter frei zu lassen. Eng stehen die Fahrzeuge, genauso dicht drängelten sich die fast 48.000 Augenzeugen in dieses imposante Stadion, um die deutsche Nationalmannschaft im ersten Länderspiel der WM-Saison  zu erleben.

Und dann sahen sie mal wieder ein Team, das beim vogelwilden 3:3 gegen Paraguay  Löcher und Lücken ließ, durch die auf dem Platz noch ganze Mannschaftsbusse gepasst hätten. "Wir hatten einige Konzentrationsfehler, vor allem individuelle Fehler in der Abwehr", beklagte Joachim Löw auf der Pressekonferenz später mit gesenktem Kopf, "das waren unnötige Gegentore und elementare Fehler."

Rüffel für Mats Hummels

Wieder einmal ist sein Ensemble fahrlässig in der Rückwärtsbewegung aufgetreten. Und wieder kam ein Resultat heraus, dass den Ausfall aller Sicherungssystem kennzeichnete.  Ergebnisse wie 4:4 (gegen Schweden), 3:4 (in den USA) oder eben 3:3 gelten in Zeiten der perfektionierten Aufteilung auf dem Spielfeld als Zeichen einer fatalen Sorglosigkeit. 1,66 Gegentore im Schnitt in den vergangenen zwölf Länderspielen, 1,6 in der EM-Saison 2011/12 sprechen eine deutliche Sprache. Unter den 22 besten Nationen der Fifa-Weltrangliste ist Deutschland damit Drittletzter.

"Vor dem ersten Gegentor haben wir keinen Druck ausgeübt. Aber wenn ein langer Ball kommt, darf man sich den Ball nicht in den Rücken spielen lassen - da spekuliere ich nicht." Letzteren Hinweis - an den unsicheren Mats Hummels - versah Löw mit einem gedachten Ausrufezeichen. "Beim zweiten Gegentor haben wir den Ball nicht wegbekommen." Sami Khedira hieß der Verursacher.

Gibt es überhaupt eine defensive Grundidee?

Ziemlich ernüchtert: Joachim Löw.

Ziemlich ernüchtert: Joachim Löw.

Doch ungeachtet der einzelnen Fehlleistungen bestehen offenbar kollektive Versäumnisse. "So geht das nicht. Wir waren nicht auf der Höhe, was unser Defensivverhalten angeht", schimpfte Torwart Manuel Neuer, "vielleicht müssen wir erst wieder lernen, zu Null zu spielen." Aber steht das auf dem Lehrplan? "Es ist wichtig, dass die komplette Mannschaft im Defensivverhalten eine Grundidee hat", merkte Verteidiger Hummels mit durchaus kritischem Unterton dieser Tage an - das hörte sich nicht so an, als werde im Nationalteam dafür jene Akribie aufgewendet wie im Vereinsalltag.

Löw  lächelte das Kardinalproblem in Kaiserslautern hinterher einfach weg. "Das wird nicht in dem Maße so weitergehen", versprach der Mann im weit aufgeknöpften Hemd und den aufgerollten Ärmeln. Vor den nächsten Pflichtspielen  gegen Österreich (6. September) und auf den Färöer Inseln (10. September) solle sich niemand sorgen. "Wir werden der Mannschaft die Fehler zeigen und uns mit Sicherheit stabilisieren." Das mag ja in der WM-Qualifikation noch gelingen, aber die bedingte Abwehrbereitschaft könnte für die Titelträume der nächsten WM-Endrunde in einen Albtraum münden.

Trainer und Kapitän wiegeln ab

Der  Offensivliebhaber Löw, der als Aktiver am liebsten mit wehenden Haaren den Vorwärtsgang einlegte, mag seine Grundidee partout  nicht verraten. Einen Tag vor dem Länderspiel hatte Löw in einem Mainzer Luxushotel seine Liebeserklärung an das offensive Spiel erneuert und gesagt: "Ich liebe das Risiko. Ich will eine Mannschaft sehen, die Spielkultur hat, die Druck ausüben kann."

Genau wie Löw mag auch Philipp Lahm keinen Anlass zur grundsätzlichen Kurskorrektur sehen. "Dann spielen wir so wie Griechenland bei der EM", antworte der Kapitän ironisch auf die Frage nach einer defensiveren Vorgehensweise. "Wir dürfen nicht so viele Chancen zulassen, daraus müssen wir lernen." Erlebnis und Ergebnis schließen sich ja nicht aus: Die Spanier erbringen seit Jahren den Beweis, dass das schöne Spiel durchaus in die richtige Balance gebracht werden kann.

Spanien wäre das Vorbild

Für entscheidende Momente hat der Welt- und Europameister sogar schnöde 1:0-Erfolge standardisiert - niemand ist sich in der spanischen Auswahl bei der Arbeit gegen den Ball zu schade. In der deutschen Elf macht sich bei gegnerischem Ballbesitz phasenweise in Mittelfeld, auf den offensiven Außen und auch im Sturm (Miroslav Klose: "Vor dem 0:2 habe ich dem Gegenspieler zu viel Platz gelassen") eine Nachlässigkeit breit, die dann im Chaos mündet, wenn Verteidiger im Nationalteam häufig zu langsam (Mertesacker), unkonzentriert (Schmelzer) oder wankelmütig (Hummels) agieren. Vielleicht hilft eine Einweisung von den fleißigen Parkwächtern am Betzenberg.

Stand: 15.08.2013, 10:36