Sechs Tore für die Stimmung im DFB-Team

Jerome Boateng, Marco Reus und Miroslav Klose (v.l.)

Irland - Deutschland 1:6 (0:2)

Sechs Tore für die Stimmung im DFB-Team

Von Marcus Bark

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt mit 6:1 in Irland, aber fühlt sich weiter missverstanden. Sie steckt in einem Dilemma.

Die Nachrichten um 23 Uhr hatten einige Gemeinheiten für die Iren parat. Ein Radiosender berichtete von der höchsten Heimniederlage in der Geschichte und dann wurden auch noch Stimmen von Fans der "Boys in Green" gesendet. "Es ist Zeit für einen neuen Trainer", sagte jemand, und er wird nicht der einzige gewesen sein, das war schon im Stadion an der Lansdowne Road zu hören gewesen.

Giovanni Trapattoni war etwa eine Stunde vorher von einem irischen Journalisten gefragt worden, warum er sich das mit seinen 73 Jahren noch antue, eine Mannschaft mit solch limitierten Fußballern zu trainieren. "Ich bin stolz auf das Team", antwortete der Italiener und verwies auf viele verletzte Spieler aus der ersten Reihe. Dann stellte er die Gegenfrage, warum der Journalist nur für eine wenig bedeutende Zeitung arbeite. "Ich brauche das Geld. Brauchen Sie auch das Geld?", entgegnete der Reporter respektlos. Trapattoni war außer sich, hämmerte mit der Hand auf den Tisch. Wenn er des Englischen mächtiger wäre, hätte eine zweite "Was-erlauben-Struuunz?"-Wutrede folgen können, aber so verwies er nur auf seine Titel, die er in vier verschiedenen Ländern gewonnen habe und kündigte an, dass seine Mannschaft am Dienstag (16.10.12) auf den Färöer wieder mit Leidenschaft um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 streiten werde.

Sensationen ausgeschlossen

Die deutsche Mannschaft ist auf dem besten Weg nach Brasilien. Sie hat maximal mögliche neun Punkte aus drei Spielen gesammelt und dominiert Gegner von schwachem Niveau wie Irland, Kasachstan und die Färöer mit einer Selbstverständlichkeit, dass Sensationen ausgeschlossen werden können. Die WM-Qualifikation ist für Deutschland eine Pflicht geworden, die locker zu meistern ist. Sechs Tore in Irland zu schießen, heißt etwas, wie nicht nur den Nachrichten um 23 Uhr zu entnehmen war.

Joachim Löw hätte der Gegenentwurf zu Trapattoni sein können. Seit der Niederlage im EM-Halbfinale (erstmals) in der Kritik, war der Bundestrainer nun in der Lage, den Stimmungsumschwung zu moderieren und herbeizureden. Doch er ließ diese Gelegenheit verstreichen. Mit ernster Miene saß Löw auf dem Stuhl, sprach über "Themen, die von außen hereingetragen wurden" und "bei uns kein Gesprächsstoff waren". Diese "Themen" waren der mangelnde Teamgeist, den Bastian Schweinsteiger in einem Interview angeprangert hatte, und Löws Kritik an Marcel Schmelzer, den er einen Tag vor dem Irland-Spiel als Notlösung auf der Position des Linksverteidigers brandmarkte. "Vielleicht bin ich da auch ein bisschen falsch verstanden worden", versuchte Löw am Freitag (12.10.12) noch einmal zurückzurudern.

Bilder vom Spiel Irland - Deutschland

Im 3. Spieltag der WM-Qualifikation spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Irland.

Jerome Boateng und Simon Cox

Jerome Boateng und Irlands Simon Cox im Luftduell.

Jerome Boateng und Irlands Simon Cox im Luftduell.

Irlands Verteidiger Darren O'Dea versucht den Pass von Bastian Schweinsteiger abzufangen.

Thomas Müller schirmt den Ball vor Stephen Ward ab.

Marcel Schmelzer springt über den grätschenden Keith Fahey.

Marco Reus schießt den Ball unter die Latte des irischen Tores und erzielt das 1:0 für Deutschland in der 32. Minute.

Mesut Özil wird herzlich gefeiert. In der 55. Minute verwandelte Özil einen Elfmeter zum 3:0.

Durcheinander in Irlands Strafraum. Miroslav Klose versucht den Ball erhaschen.

Wieder Jubel für Deutschland. Hier wird Toschütze Toni Kroos für seinen Volley-Treffer zum 5:0 gefeiert.

Mit einem Schuss aus 22 Metern erzielt Toni Kroos das 6:0 und wie Marco Reus seinen zweiten Treffer im Spiel.

Jubel nach dem Schlusspfiff. Deutschland gewinnt in Irland mit 6:1.

Drehen an "jedem kleinen Rad"

Doch die gewünschten Interpretationen im Nachhinein wirken recht hilflos. Auch Schweinsteiger fühlte sich ja falsch verstanden. An den Printjournalisten ging er am Freitag kommentarlos und mit starrer Miene vorbei. Im Fernsehen hatte er vorher gesagt: "Wir sind insgesamt auf einem sehr guten Weg. Ich möchte aber sagen, dass wir den einen Schritt mehr gehen müssen, um Titel zu gewinnen. Wir müssen an jedem kleinen Rad gut sein, um die großen Spanier auch mal zu schlagen." Dieses "kleine Rad" wurde von ihm nicht näher erläutert, war aber am Vortag schon mit seinem inzwischen berüchtigten Interview mit der Süddeutschen Zeitung in einen Zusammenhang gesetzt worden.

Die Befürchtung, eine Mannschaft aus der Weltklasse zusammen zu haben, aber kein großes Turnier zu gewinnen, nagt am DFB-Team. Das ist sein Dilemma. Irland, auch Österreich, erst recht die Färöer, sind Gegner, gegen die nur die Punkte, weniger die Art und Weise zählen, die in der zweiten Halbzeit von Dublin sehr ansehnlich war. Auch gegen Schweden, den vermutlich stärksten Kontrahenten in der Qualifikationsgruppe C, gibt es am Dienstag in Berlin nur etwas zu verlieren.

Löws letzte Chance

"Vergesst nicht, Deutschland hat das zweitbeste Team der Welt", sagte Trapattoni, der sich gerne auf die Rangliste des Fußball-Weltverbandes FIFA berief, um seine Arbeit in Irland gewürdigt zu wissen. Diese eine Stufe hochzusteigen und dabei dann einen Pokal in den Händen zu halten, ist der Auftrag für Joachim Löw. Dass "Brasilien 2014" seine letzte Chance sein wird ist so wahrscheinlich wie eine erfolgreiche Qualifikation.    

Giovanni Trapattoni und Joachim Löw Play-Icon Audio-Icon

Reaktionen nach dem DFB-Sieg gegen Irland | 02:13 min | 13.10.2012 | Mittagsecho | WDR 5

Stand: 13.10.2012, 09:40