Les Bleus - Das schwerste Spiel ihres Lebens

Spieler der französischen Nationalmannschaft nehmen sich in den Arm

Testspiel England gegen Frankreich

Les Bleus - Das schwerste Spiel ihres Lebens

Es ist ein Fußballspiel. Doch der Fußball ist heute Abend beim Testspiel zwischen England und Frankreich ohne Bedeutung. Vielmehr geht es nach den Anschlägen von Paris darum, dem Terror die Stirn zu bieten. 90.000 Zuschauer werden die Marseillaise singen.

Bleierne Schwere hat sich nach dem Terror von Paris über ganz Frankreich gelegt. Trotz der bedrückenden Erinnerungen an das gespenstische Länderspiel gegen Deutschland will die französische Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag (17.11.2015) im Londoner Wembley-Stadion gegen England ihr Testspiel absolvieren. Sportlich hat die Partie keinen Wert. Es geht einzig und allein darum, den IS-Terroristen nicht nachzugeben und ein Zeichen der Normalität und der Solidarität zu setzen.

Deschamps: "Nicht nur eine sportliche Dimension"

Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps bei einer Pressekonferenz vor dem Testspiel in England

Frankreichs Coach Didier Deschamps

Dass das Spiel nach dem Schock von Paris überhaupt stattfindet, bezeichnete Großbritannniens Innenministerin Theresa May als Zeichen, dass "die Terroristen nicht gewinnen werden". Es sei sehr wichtig, "dass wir unser normales Leben fortsetzen", sagte Premierminister David Cameron. Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps gab am Montag (16.11.2015) auf einer Pressekonferenz in London zu Protokoll: "Dieses Spiel hat nicht nur eine sportliche Dimension, sondern noch viel mehr. Wir werden zeigen, dass wir stolz sind, Franzosen zu sein."

Größte Sicherheitsvorkehrungen

Unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen wird das letzte Länderspiel der Franzosen und Engländer in diesem Jahr stattfinden. Die Fans sind bereits aufgefordert worden, früher als sonst zu kommen, weil die Kontrollen mehr Zeit in Anspruch nehmen könnten. Rund 1.400 Anhänger aus Frankreich werden erwartet. Die Engländer wollen Zeichen setzen, indem sie ihre Solidarität zeigen. Der Bogen über dem Wembley-Stadion wird weiter in den französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot leuchten. Auf den Videotafeln außerhalb und in der Arena sollen die Leitworte der französischen Revolution "Liberté, Egalité, Fraternité" aufleuchten.

Diarra: "Zusammenstehen gegen den Horror"

"In Zeiten des Terrors müssen alle, die ihr Land und dessen Vielfältigkeit repräsentieren, zusammenstehen gegen den Horror, der keine Farbe und keine Religion hat", sagte auch Nationalspieler Lassana Diarra. Den 30-Jährigen von Olympique Marseille hat die Terrorwelle auch ganz persönlich getroffen. Seine Cousine kam bei der Anschlagserie am Freitagabend (13.11.2015) in Paris ums Leben. Die Schwester von Offensivspieler Antoine Griezmann (24/Atletico Madrid) überstand dagegen körperlich unbeschadet das Massaker im Pariser Konzertsaal "Le Bataclan".

Training ohne Öffentlichkeit

Raphael Varane

Frankreichs Abwehrspieler Raphael Varane

"Les Bleus", die Blauen, trainierten bereits am Samstagnachmittag (14.11.2015) wieder, freilich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am Montag (16.11.2015) flogen sie dann nach London - zum wohl schwersten Spiel ihres Lebens. Die schrecklichen Bilder, die sie nach der Partie gegen Deutschland in den Katakomben des Stade de France auf Bildschirmen sehen mussten, werden sie nach Großbritannien begleiten. Noch Stunden nach dem Schlusspfiff verharrten die französischen Spieler genau wie die die deutsche Mannschaft im Stadion. "Ein grausamer Abend", sagte Abwehrspieler Raphael Varane. Der 2:0-Sieg im Testspiel gegen den Weltmeister war da schon längst kein Thema mehr.

Überhaupt ist der Fußball bei der Equipe Tricolore derzeit völlig in den Hintergrund getreten. Selbst der Skandal um Stürmerstar Karim Benzema, der seinen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena mit einem pikanten Video erpresst haben soll, ist momentan kein Gesprächsthema.

Prinz William im Stadion

Unterdessen werden die englischen Fans in sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, im Wembley-Stadion die französische Nationalhymne zu singen. "Wenn du ein Ticket für das Spiel hast, ist es jetzt an der Zeit, die Marseillaise zu lernen. Es ist Zeit, der Welt zu zeigen, was Brüderlichkeit bedeutet", twitterte zum Beispiel der britische Fernsehreporter Mark Pougatch. Vor Spielbeginn wird der Text auf der Anzeigetafel gezeigt. Mit den 90.000 Zuschauern singen wird auch Prinz William. Er kommt ins Stadion, kündigte der Kensington-Palast an. "Wembley öffnet seine Arme für ein Land in Trauer", titelte die "Times" am Montag. Frankreichs Kapitän Hugo Lloris rechnet mit einem "sehr emotionalen Moment".

Vor dem Anpfiff in Wembley wird es mit Sicherheit eine Schweigeminute geben, die Spieler beider Nationen werden Trauerflor tragen. Verhindern kann das Spiel nur eine sich zuspitzende Sicherheitslage. "Sollten die britischen Behörden zu einer neuen Einschätzung der Lage kommen, würden wir die Angelegenheit neu überlegen", teilte ein Sprecher des französischen Fußballverbandes FFF mit.

Große Sorgen um die Euro 2016

Der Terror von Paris ändert auch für die Organisatoren der EM 2016 alles. Vier Wochen vor der Gruppenauslosung ist die Vorfreude auf das Fußballfest buchstäblich mit einem Schlag verflogen, die Sorgen sind groß. "Der Grad des Terror-Risikos ist gestiegen", sagte Jacques Lambert, Präsident des Organisationskomitees, in einer bedrückenden Analyse: Der Terror sei kein theoretisches Risiko mehr, sondern ein mögliches. Einhundertprozentige Sicherheit kann es für ein Großereignis mit zehn Stadien in zehn Städten niemals geben - auch dies war eine Erkenntnis, als der erste Schock sich gelegt hatte. FFF-Präsident Noel Le Graet ließ anderweitige Illusionen gar nicht erst aufkommen: "Wir haben sehr viele Vorsichtsmaßnahmen ergriffen", sagte er nachdenklich, "aber man sieht jetzt, dass Terroristen jederzeit zuschlagen können. Wir hatten vorher bereits eine gewisse Unruhe bezüglich unserer Europameisterschaft. Diese ist natürlich noch stärker geworden."

Die Folgen der Pariser Terrorwelle werden nicht nur die französische Nationalmannschaft noch lange beschäftigen.

sid/dpa/red | Stand: 17.11.2015, 08:30

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