Tottenham Hotspur - im Schatten Richtung Titel?

Christian Eriksen und Harry Kane jubeln

Nach Sieg im Spitzenspiel

Tottenham Hotspur - im Schatten Richtung Titel?

Von Robin Tillenburg

Leicester Citys Überraschungssaison, Klopps FC Liverpool, Chelseas Auf und Ab - in der Premier League stehen einige Klubs im Rampenlicht. Im Schatten all dieser Teams bringt sich noch jemand anderes im Titelrennen in Position: Tottenham Hotspur.

Die beste Abwehrreihe der Premier League, das mit Abstand beste Torverhältnis und zur besten Offensive der Liga fehlt auch nur ein einziger Treffer - beim FC Tottenham läuft es in dieser Saison bisher mehr als rund. Mit 51 Zählern liegen die Spurs auf Platz zwei in Lauerstellung, zwei Punkte hinter Überraschungs-Gipfelstürmer Leicester City und haben im Spitzenspiel am Sonntagabend in Manchester City auch direkt einen weiteren Titelkandidaten mit 2:1 geschlagen und sich ein kleines Polster erspielt.

Die Tore erzielten dabei in Englands neuer Sturmhoffnung Harry Kane und Geburtstagskind Christian Eriksen zwei Spieler, die mit ihren 22 und 24 Jahren fußballerisch noch die "besten Jahre" vor sich haben sollten - die Tendenz zeigt also nach oben.

Rosige Zukunft

Dass das Team von Mauricio Pochettino, der die Mannschaft in seiner ersten Saison in die Europa League führte wo sie in der Runde der letzten 32 auf den AC Florenz trifft, noch eine glänzende Zukunft vor sich haben könnte, zeigt auch das Alter der anderen Leistungsträger: Dele Alli, Flügelfitzer, ebenfalls seit kurzem große Hoffnung für die "Three Lions" im Nationaltrikot, ist 19 Jahre alt und hat immerhin auch schon 13 Scorerpunkte auf seinem Konto. Erik Lamela und der Ex-Leverkusener Heung-Min Son, die sich auf der anderen Seite auf dem Flügel abwechseln, haben 23 Lenze auf dem Buckel. "Senior" im Team war beim Sieg gegen die Citizens Torhüter Hugo Lloris, mit gerade einmal 29 Jahren.

Starker "zweiter Anzug"

Kevin Wimmer, Heung-Min Son und Kyle Walker nach dem Sieg gegen Manchester

Breiter Kader: Kevin Wimmer, Heung-Min Son und Kyle Walker nach dem Spitzenspiel

Seit kurzem gehört zu den Leistungsträgern auch Kevin Wimmer. Der 23-Jährige war im Sommer vom 1. FC Köln an die White Hart Lane gewechselt und hatte zunächst einen extrem schweren Stand. Der Österreicher kam in der Innenverteidigung nicht am belgischen Top-Duo Toby Alderweireld und Jan Vertonghen vorbei. Nach Verthongens Verletzung am 23. Spieltag kam er erst zu seinem Ligadebüt, stand seither allerdings dreimal in der Startelf und feierte bei seinen vier Auftritten vier Siege mit nur zwei Gegentreffern.

Der zweite Anzug sitzt also ebenfalls bei den Spurs. Muss er auch, schließlich ist das Team noch in drei Wettbewerben dabei. Beim Meister von 1961 konzentriert sich die Torgefahr zwar ein wenig bei Top-Goalgetter Kane (19 Pflichtspiel-Tore), aber Trainer Pochettino hat vor allem in der Offensive genügend Alternativen zur Verfügung, denen er auch allen ausreichend Spielzeit gewährt. Gleich sechs Spieler weisen eine zweistellige Anzahl an Scorerpunkten auf. Nur einer davon ist älter als 24 und alle, abgesehen vom großgewachsenen Stoßstürmer Kane und dem überragenden Regisseur Eriksen, haben eins gemeinsam: Tempo, Tempo und Tempo.

Tempo, Tempo, Tempo

Wenn Alli, Son, Lamela oder Nacer Chadli über die Außen in Richtung Grundlinie unterwegs sind, brennt es in den Abwehrreihen der Kontrahenten meist lichterloh. Dass auf den Außenverteidigerpositionen dahinter in Danny Rose, Ben Davies und Kyle Walker drei Spieler zur Verfügung stehen, die ebenfalls über eine gehörige Portion Dynamik verfügen, macht den Job für die gegnerischen Außenspieler nicht unbedingt leichter. Auf der Doppel-Sechs agieren Moussa Dembele und Eric Dier außerdem so kompromisslos und umsichtig, dass viele Angriffsaktionen der Gegner gar nicht erst auf die Viererkette der Spurs zurollen.

Kein Druck

Dass die Mannschaft nicht ganz so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt - vor allem weil Leicesters Aschenputtel-Märchen alles andere überlagert - könnte ihr im Saison-Endspurt durchaus nützen. Für Tottenham ist die Saison, wenn nicht der völlige Einbruch folgt, und davon ist aktuell nicht auszugehen, jetzt schon ein großer Erfolg. Der Druck liegt bei der Konkurrenz.

Denn während alles auf Leicester schaut und die Titelanwärter der letzten Jahre Arsenal, die beiden Clubs aus Manchester, Chelsea und Liverpool naturgemäß sowieso einen festen Platz ganz vorn in der Sportberichterstattung haben, laufen die Spurs medial aktuell ein wenig unter "ferner liefen" - noch. Die aktuelle Serie von fünf Ligasiegen in Folge hat das Team zu einem echten Meisterschaftskandidaten gemacht und auch das Selbstbewusstsein gestärkt: "Ob wir ein Titelkandidat sind? Das müsst ihr Medien entscheiden. Wir wissen, dass wir in dieser Liga jeden besiegen können und wir rechnen uns daher auch in jedem Spiel gute Chancen aus", erklärte Kane nach dem Sieg über den Scheich-Klub aus Manchester.

Pochettino - in Klopp-Manier zum Meisterkoch?

Auch wenn Kane und Alli aktuell die Shootingstars des Teams sind, wird doch vor allem einem ein Löwenanteil am Erfolg zugewiesen: dem Trainer. "Wenn Leicester es nicht schafft, aber dafür Tottenham die Liga gewinnt, dann ist das die beste Leistung eines Trainers in der Geschichte der Premier League", ordnete Liverpools Abwehr-Legende und inzwischen TV-Experte Jamie Carragher Pochettinos Wirken ein. Mit seinem Auftreten, seiner jugendlich wirkenden Dynamik am Spielfeldrand und vor allem seinem Hochgeschwindigkeits-Pressing und Offensivfußball erinnert das Engagement des 44-Jährigen ein wenig an Jürgen Klopps Erfolgsjahre in Dortmund.

Mauricio Pochettino feiert mit Tom Carroll

Spielerfreund: Mauricio Pochettino herzt Tom Carroll

Noch größer als seine taktische Leistung seien jedoch, so Carragher, Pochettinos Verdienste um die Chemie im Team: "Als er kam gab es im Kader von Tottenham einige faule Äpfel. Die ist er losgeworden oder hat sie bekehrt und der Team-Spirit bei den Spurs stimmt jetzt zu 100 Prozent."

Team-Spirit, ein gut sitzender zweiter Anzug, eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft, ein begeisternder Trainer mit taktischem Geschick, eine aktuelle Siegesserie, eine sehr stabile Defensive und vergleichsweise geringer Druck - müsste man ein Rezept für einen Titelkandidaten zusammenstellen, hätte man in der Stadionküche an der White Hart Lane wohl definitiv die nötigen Zutaten parat. Gut möglich, dass es am Ende für Pochettino tatsächlich zum Meisterkoch reicht.

Stand: 15.02.2016, 11:11

Darstellung: