SSC Neapel - sind das Maradonas Erben?

In Neapel darf gejubelt werden

Italien, Serie A

SSC Neapel - sind das Maradonas Erben?

Von Tim Beyer

Als der SSC Neapel vor über 27 Jahren mit Diego Maradona Meister wurde, hoffte eine ganze Region, es werde von nun an immer so weitergehen. Tat es aber nicht, lange blieb nur der Blick zurück. Doch jetzt ist Neapel wieder auf Kurs Meisterschaft, es darf geträumt werden.

Was Diego Maradona sagt, hat in Neapel bis heute Gewicht. Im Süden Italiens verehren sie Maradona und lassen sich davon auch von allen Verfehlungen, die sich der Argentinier abseits des Platzes leistete, nicht abbringen. Immerhin war es "El Pibe de Oro" - zu Deutsch: der Goldjunge - der Neapel zu den bislang einzigen beiden Meistertiteln 1986/87 und 1989/90 führte. Das haben die Neapolitaner nicht vergessen. Und so kommt es beinahe einem Wunder gleich, dass Maurizio Sarri auch im Jahr 2018 noch Trainer des SSC Neapel sein wird.

Maradona senkte den Daumen

Denn als Neapel im Sommer 2015 den selbst in Italien weitgehend unbekannten Sarri als neuen Trainer vorstellte, soll Maradonna gesagt haben: "Er ist der falsche Trainer für Neapel. Ich fürchte, unter ihm werden sie gegen den Abstieg kämpfen." Viele Fans und auch Experten schlossen sich dem Urteil an, Sarri hatte anfangs mit erheblichen Vorbehalten zu kämpfen. Ausgerechnet ein Mann, der es als eisenharter Verteidiger nie in den Profifußball geschafft und auch als Trainer lange nur im Amateurbereich und zuletzt den kleinen Erstligisten FC Empoli trainiert hatte, sollte in Neapel die Arbeit seines renommierten Vorgängers Rafael Benitez fortführen, gar übertrumpfen?

Neapels Erfolgstrainer: Maurizio Sarri

Neapels Erfolgstrainer: Maurizio Sarri

Gut zweieinhalb Jahre später sind diese Zweifel längst verflogen. Sarri, 58, der lange als Banker arbeitete, führte Neapel 2015/16 direkt zur Vizemeisterschaft, im vergangenen Jahr reichte es immerhin zu Rang drei. Und jetzt, in den letzten Tagen des Jahres 2017, steht Napoli nach dem Sieg beim FC Crotone mit 48 Punkten aus 19 Spielen auf Platz eins - vor Juventus Turin, dem Serienmeister der vergangenen Jahre. Und plötzlich träumen sie in Neapel wieder von der Meisterschaft.

Hamsik, der Liebling der Fans

Das hat viel mit der akribischen Arbeit Sarris zu tun. In Italien weiß man mittlerweile, dass Sarri, der erst mit 55 Jahren zum Serie-A-Übungsleiter aufstieg, größten Wert auf eine stabile Defensive legt. Wieder und wieder lasse Sarri die Arbeitsabläufe üben, erzählt man sich, manchmal stundenlang und geradezu verbissen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen lässt Sarri seine Abwehrspieler nur bei Standards mit nach vorne, ansonsten verteidigt die Viererkette konsequent auf einer Linie, den Außenverteidigern kommen ausschließlich Defensivaufgaben zu.

Kaum zu stoppen: Neapels Stars Dries Mertens (l.), Marek Hamsik (m.) und Lorenzo Insigne

Kaum zu stoppen: Neapels Stars Dries Mertens (l.), Marek Hamsik (m.) und Lorenzo Insigne

Im Dreiermittelfeld sind Jorginho und Allan vor allem als Organisatoren und Laufwunder im aggressiven Gegenpressing gefragt, der Chef ist unbestritten Marek Hamsik, 30. Vor über zehn Jahren wechselte der Slowake zu Neapel, längst ist der Mann mit dem auffälligen Irokesen-Schnitt Kapitän, Führungsspieler und hat kurz vor Weihnachten mit seinem 116. Pflichtspieltreffer auch noch Maradona (115 Tore) als Rekordtorjäger des Klubs abgelöst. Angebote größerer Vereine hat Hamsik bislang regelmäßig abgelehnt, in Neapel verehren sie ihn dafür so sehr wie sonst nur Maradona. Sollte er Neapel in dieser Saison zur ersten Meisterschaft nach dann 28 Jahren führen, werden sie ihm wohl ein Denkmal bauen.

Der Aufstieg des Dries Mertens

Und vorne wirbeln Lorenzo Insigne, Dries Mertens und José Callejón bislang jede noch so massive Abwehr in der Serie A durcheinander. Während Insigne schon durch seinen Werdegang als Eigengewächs Kultstatus genießt, musste sich Mertens einen ähnlichen Status hart erarbeiten. Als der Belgier 2013 von der PSV Eindhoven kam, löste das keine Jubelstürme aus. Heute ist Mertens, 30, unumstritten und gehört trotz seiner geringen Größe von nur 1,69 Metern zu den besten Mittelstürmern Europas. In den vergangenen anderthalb Jahren traf er in 53 Ligaspielen 38 Mal, lieferte zudem 17 Vorlagen.

Zusammen mit Insigne (1,63 Meter) bildet er Neapels Wirbler-Angriff, Callejón wirkt daneben mit 1,78 Metern beinahe wie ein Riese. Glaubt man Medienberichten aus Italien, dann könnte in Zukunft mit Amin Younes (Ajax Amsterdam) ein weiterer Mini-Wirbler dazukommen. Im Sommer läuft der Vertrag des deutschen Nationalspielers bei Ajax aus, spätestens dann soll er nach Neapel wechseln, vielleicht aber geht der Transfer schon im Winter über die Bühne.

Auch Helden können irren

Was Diego Maradona darüber denkt, ist noch nicht bekannt, vielleicht ist der Held aller Neapolitaner mit seinem Urteil aber auch ganz einfach vorsichtiger geworden. Bei Sarri jedenfalls hatte er sich ordentlich verschätzt, wie Maradona hinterher beinahe kleinlaut sagte: "Ich lag falsch bei ihm. Ich bitte um Vergebung. Unter ihm kann Neapel endlich wieder Meister werden."

Stand: 29.12.2017, 22:42

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