Zwischen Scheichs und Philosophie - Guardiolas neues Spielzeug

Pep Guardiola und Fernandinho von Manchester City

Nach Wechsel-Bekanntgabe

Zwischen Scheichs und Philosophie - Guardiolas neues Spielzeug

Von Robin Tillenburg

Josep Guardiola wird ab Sommer Trainer bei Manchester City. Den finanzkräftigen, international "schlafenden Riesen" soll er an Europas Spitze führen. In England erwarten ihn ein hochkarätiger Kader, ein prall gefülltes Portemonnaie und hohes Anspruchsdenken.

900 Millionen Euro - eine Summe, die wie ein diamantverziertes Damokles-Schwert über Manchester City schwebt, denn das ist der Betrag, den der Verein seit der Übernahme durch diverse Scheichs, in etwa wohl insgesamt für neue Spieler ausgegeben hat. Zwei Meistertitel (2012 und 2014) sprangen dabei heraus, 2011 gab es den FA-Cup, 2014 den Ligapokal. Aktuell steht das Team auf Rang zwei in Lauerstellung. International bekleckerte sich das teure Starensemble (mit wechselnden Akteuren in den Hauptrollen) aber eher weniger mit Ruhm - Josep "Pep" Guardiola soll das nun ändern und verdrängt zur kommenden Saison Manuel Pellegrini, immerhin 2014 Meistertrainer, von der Bank der Citizens.

Möglichkeiten ohne Limit

Das Engagement des scheidenden Bayern-Trainers dürften sich die Scheichs ebenfalls eine ordentliche Summe kosten lassen. Geld spielt aber ohnehin in den Dimensionen des Klubs nur eine untergeordnete Rolle. Mit wirtschaftlichen und dementsprechend auch sportlichen Möglichkeiten in diesem Ausmaß hatte es der Spanier wohl nicht einmal bei seinen doch schon sehr namhaften Stationen Barcelona und eben München zu tun: Fast völlig freie Hand bei Transfers, "Außenstellen" des Vereins überall in der Welt und eine Nachwuchsakademie, die über eine Viertelmilliarde Euro gekostet haben soll, dürften das Herz des ambitionierten Katalanen höher schlagen lassen.

Guardiolas Projekt ist es nicht, City erneut zum Meister zu machen - die Ambitionen sind andere: Ein Double oder ein Triple soll es sein, mindestens. Das Anspruchsdenken ist der Trainer aus München und auch aus Barcelona gewöhnt, doch in Barcelona bekam er eine starke Mannschaft mit dem wohl besten Spieler der Welt und einer funktionierenden Jugendakademie zur Verfügung gestellt, die er auf ein noch höheres Niveau hieven konnte. In München übernahm er eine Truppe, die im Vorjahr das Triple gewonnen hatte, also international bereits mehr als konkurrenzfähig war. Die Citizens müssen letzteres erst noch schaffen.

Touré die erste Baustelle?

Pep Guardiola und Yaya Touré beim Training

Wohl keine Wiedervereinigung: Yaya Touré und Pep Guardiola

Der aktuelle Kader liest sich schon einmal beeindruckend: Torhüter Joe Hart, drei starke Innenverteidiger mit Nicolas Otamendi, Vincent Kompany und Eliaquim Mangala, dazu auf den Außenbahnen Alternativen wie Aleksander Kolarov und Pablo Zabaleta. Im Mittelfeld Englands Toptalent Raheem Sterling, Deutschlands Fußballer des Jahres Kevin de Bruyne, Samir Nasri, David Silva, im Sturm Sergio Agüero, der ebenfalls bereits seit Jahren auf Spitzenniveau agiert. Eigentlich gehört in diese Aufzählung auch Mittelfeld-Ass Yaya Touré, doch der Ivorer und Guardiola arbeiteten bereits in Barcelona zusammen und fanden dort nicht zueinander. So äußerte Tourés Berater auch kurz vor der Bekanntgabe der Verpflichtung des Spaniers: "Nach dem was in Barcelona passiert ist, bereitet es mir natürlich Kopfzerbrechen, dass Yaya vielleicht weg ist, wenn er kommt."

Eine erste Baustelle hat Guardiola bei dem etwas chaotischen Klub also schon mal, bevor er überhaupt seinen Dienst angetreten hat. Doch auch spielerisch hat er einige Schwächen auszumerzen. Zwar hat Manchester in der Premier League seit Jahren Erfolg, doch ein echtes Spielsystem lässt das Team oft vermissen, lebt eher von der individuellen Klasse seiner Akteure, wie es auch Real Madrid viele Jahre getan hat - allerdings mit mehr internatioalem Erfolg. So sind der beste Angriff der Liga und immerhin die viertbeste Defensive zwar tabellarisch gut platziert, haben aber keine eigene Fußballphilosophie, für die sie als Team stehen und sind in Europa "nur" 1-B-Ware - noch.

Neymar im Anflug?

Sich vor allem auf Individualität zu verlassen, ist dem Fußball-Feingeist Guardiola fremd. Er braucht für seine Idee vom Fußball zwar individuell spielstarke Akteure, aber vor allem Spieler, die sich in seine Systeme einpassen, zumindest bis ins letzte Drittel. Dort bekamen schließlich auch in Barcelona und München seine Angreifer der Extraklasse ihre Freiheiten. Solche Spieler hat er in de Bruyne, Agüero und Co bereits zu Genüge, doch die Mannschaft wird ihr Spiel umstellen und zu Guardiolas Spielidee finden müssen. Gelingt das nicht auf Anhieb, könnte bei den hohen Ansprüchen der Verantwortlichen schnell Unzufriedenheit und Unruhe auftreten.

Damit das nicht passiert, geistern bereits die ersten Namen für Neuverpflichtungen durch Internetforen und Zeitungen - allen voran: Neymar. Den brasilianischen Angreifer wollte Guardiola angeblich bereits zum FC Bayern holen, wurde aber vom FC Barcelona ausgestochen. Finanziell könnte sein neuer Klub dem Topstar der Selecao aber Beträge bieten, die sein Gehalt bei den Katalanen wohl noch toppen würden - ganz unrealistisch erscheint ein Wechsel also nicht. Dass einige Spieler vom FC Bayern ihrem scheidenden Trainer folgen werden, gilt indes als unwahrscheinlich. Selbst dessen Lieblingsschüler Thiago, den er damals mit dem Satz "Thiago oder nix" von seinen Vorgesetzten bei den Bayern gefordert haben soll, wird seinem Mentor wohl nicht folgen, wie er selbst vor einigen Wochen betonte: "Ich bleibe unabhängig von Pep in München."

Wie groß wird Pellegrinis Schatten?

Pep Guardiola und Manuel Pellegrini

Wird Manuel Pellegrini zu Guardiolas Schatten?

Auch wenn Noch-Trainer Pellegrini in Manchester zum 30. Juni seinen Hut nehmen wird, bedeutet die aktuelle Konstellation eine kleine Gefahr für seinen Nachfolger: In der Champions League ist City gegen Dynamo Kiew im Achtelfinale der leichte Favorit und auch in der Liga könnte es, trotz angeblich fehlender "Philosophie" durchaus noch zum Titel reichen. Sollte das Team in diesem Jahr erstmals in der Königsklasse bis unter die besten vier oder sogar noch weiter vorstoßen und die Premier League gewinnen, würde sich Guardiola einer Situation gegenübersehen, die ihn auch in München lange, nämlich bis heute, verfolgt hat: Er würde an den Erfolgen seines direkten Vorgängers gemessen.

Der Name "Jupp" Heynckes steht an der Säbener Straße immer noch über dem Guardiolas, so lange er nicht den Champions-League-Pokal noch im letzten Anlauf an die Isar holt. Auch wenn eine ähnliche Konstellation für seinen nächsten Arbeitgeber unwahrscheinlich erscheint, völlig abwegig ist sie nicht. Sollte sie ihn dort schließlich im Sommer entgegen der Resultate der letzten Jahre erwarten, darf er sich aber dennoch mit einem enormen Gehaltszettel trösten - und am Ende ist das ja dann doch unabhängig von allen Fußballromantik- und Philosophie-Gedankenspielen nicht das allerschlechteste.

Stand: 02.02.2016, 08:30

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