Das Geheimnis von Leicester City hat einen Namen

Torjäger Jamie Vardy

Sensationeller Tabellenführer in der Premier League

Das Geheimnis von Leicester City hat einen Namen

Von Marco Schyns

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte ist es soweit. Jamie Vardy von Leicester City nimmt im Strafraum einen Pass von Leonardo Ulloa an, tunnelt Moussa Sissoko und hämmert den Ball ins linke untere Eck an Rob Elliot vorbei. Ein Moment für die Geschichtsbücher des englischen Fußballs.

Das Tor zur 1:0-Führung gegen Newcastle United war Vardys zehnter Treffer im zehnten Ligaspiel in Folge. Eine solche Serie war in der Premier League bislang nur dem ehemaligen Bundesliga-Stürmer Ruud van Nistelrooy gelungen.

Der Niederländer vollbrachte dieses Kunststück 2003 im Trikot von Manchester United - damals aber saisonübergreifend. Vardy, der jetzt bei insgesamt 13 Saisontreffern steht, ist der erste Spieler, dem das innerhalb einer Saison gelingt. „Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Weiter so, Vardy, alles Gute und viel Glück“, hatte van Nistelrooy vor dem Spiel von Leicester City in Newcastle getwittert. Nun ist sein Rekord egalisiert.

Von einem Spieler, der bis vor drei Jahren noch in der fünften englischen Liga kickte und einst aus besonderem Grunde ausgewechselt werden musste. Sechs Monate lang. "Wenn die Spiele zu weit entfernt waren, war nach einer Stunde Schluss für mich. Ich hätte sonst Bewährungsauflagen nicht einhalten können", berichtet der 28-Jährige. Er trug damals nach einer Schlägerei eine Fußfessel, auch auf dem Platz: "Es war wie ein Knöchelschutz, das Ding war unzerstörbar."

Historische Chance gegen Manchester United

Eine neue Bestmarke würde Vardy jetzt aufstellen, wenn er auch im elften Spiel in Folge trifft. Die Rahmenbedingungen dafür könnten aufregender nicht sein. Denn für Vardy, der seit dem Wochenende mit Leicester City Tabellenführer der Premier League ist, geht es am Samstag (18:30) im heimischen King Power Stadium gegen den aktuellen Tabellenzweiten Manchester United.

Das Spiel in Newcastle gewann Leicester City im Übrigen mit 3:0. Im Vorbeigehen, so scheint es. Denn auch wenn es für viele nur schwer zu begreifen ist, sind die Foxes nicht mehr nur ein Überraschungsteam. Der anhaltende Erfolg lässt einmal mehr darauf schließen, dass kleinere Teams in England die Lücke zu den großen Klubs immer weiter schließen.

Die Lücke wird kleiner

Während Meister Chelsea nach katastrophalem Start immer noch im unteren Tabellendrittel hängt, sind die Abstände in der ersten Hälfte der Tabelle derart klein, dass sich momentan mindestens sechs bis sieben Teams realistische Chancen auf den Titel ausrechnen dürfen. Ganz oben steht erstmals seit 1999 nach 13 Spielen keiner der Big Five (Manchester United, Manchester City, Liverpool, Arsenal, Chelsea). Und das ist weder Zufall noch Zauberei, wie Mittelfeldspieler Danny Drinkwater jüngst meinte: "Unser Boss kam, hat ein paar Dinge verbessert, und dann lief es wie geschmiert."

Riyah Mahrez (2. v. l.) und Jamie Vardy (3. v. l.) sind Leicesters Torgaranten

Riyah Mahrez (2. v. l.) und Jamie Vardy (3. v. l.) sind Leicesters Torgaranten

Der Fußball, den Trainer Claudio Ranierei spielen lässt, ist schnell und lebt von überfallartigen Angriffen. Dazu hat das Team schon mehrfach in dieser Saison große Moral bewiesen. Drei Mal konnte man einen Zwei-Tore-Rückstand noch aufholen, Mitte September gegen Aston Villa sogar in einen 3:2-Sieg umwandeln. Mit 28 Toren stellt man den besten Angriff der Liga, auch wenn die Abhängigkeit von Jamie Vardy (13 Tore) und Riyad Mahrez (7 Tore) nicht von der Hand zu weisen ist.

Den einzigen Dämpfer gab es Ende September, als die Foxes daheim mit 2:5 gegen Arsenal unter die Räder kamen. Ein Viertel aller Saisongegentore setzte es in diesem Spiel. Es muss kein Maßstab sein für weitere Duelle mit den Top-Klubs der Liga, deutet aber an, dass Leicester in den Spielen gegen die Großen vor jene Probleme gestellt wird, vor die sie Klubs wie Newcastle, Watford und Norwich schlichtweg nicht stellen können.

Top-Duelle im Dezember

Nach dem Duell mit Manchester United treffen die Foxes bis zum Jahresende noch auf Meister Chelsea, Jürgen Klopps FC Liverpool und Manchester City. Spätestens dann wird man genauer beurteilen können, wohin die Reise von Leicester City noch geht. Eins steht aber fest: Abstiegssorgen wird der Klub, der in der Vorsaison schon als sicherer Absteiger galt, in dieser Saison keinesfalls mehr haben.

Das weiß auch Englands Fußball-Ikone Gary Lineker, der in Leicester geboren ist. "Ich hatte einen lächerlichen Traum. Ich habe geträumt, City sei Tabellenführer", twitterte der frühere Weltklassestürmer am Sonntag. Denn plötzlich ist die Stadt am geographischen Mittelpunkt Englands, vielen nur bekannt, weil es in London den berühmten Leicester Square gibt, in aller Munde. Auch am Samstag, wenn Rekordmeister United anreist.

mit sid | Stand: 23.11.2015, 13:37

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