WADA-Sonderermittler geht von zweitem Vertuschungssystem für russische Fußballer aus

Richard McLaren nennt Zahl von 155 verdächtigen Dopingproben russischer Fußballer

WADA-Sonderermittler geht von zweitem Vertuschungssystem für russische Fußballer aus

Von Andreas Spinrath und Hajo Seppelt

Wie tief war auch der Fußball ins russische Staatsdoping verstrickt? Ein Jahr vor der Fußball-WM in Russland werden die Dopingvorwürfe immer lauter. WADA-Sonderermittler Richard McLaren sieht die FIFA in der Pflicht.

Im ARD-Interview nennt Richard McLaren, Sonderermittler im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur, erstmals die Zahl der Dopingproben russischer Fußballer, die von ihm als mutmaßlicher Teil einer Doping-Vertuschung identifiziert worden seien und noch forensisch untersucht werden müssten. "Es gibt noch 155 Proben, die nicht analysiert wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat sie beschlagnahmt. Das haben wir der FIFA gemeldet."

McLaren geht davon aus, dass diese Urinproben entweder manipuliert worden seien, um positive Tests zu verhindern, oder Dopingsubstanzen darin zu finden seien. Der Sonderermittler kommt zu dem Schluss, dass es für den russischen Fußball ein separates System der Vertuschung auffälliger Dopingtests gegeben habe: "Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin - und diese Bank wurde offenbar für Fußballer genutzt."

Hinweise darauf finden sich beispielweise im Mailverkehr russischer Funktionäre. "Deutlich über dem Grenzwert", notiert ein anonymer Verfasser in einer Mail vom Juni 2015. "Dexamethason", ein verbotenes Stimulanz, sei im Urin des männlichen Fußballers aus der ersten russischen Liga gefunden worden. Es gehe um Probe "3878295".

Aus verunreinigtem Urin muss sauberes werden

Die Antworten kommen zügig: Es ist von "Vorschlägen", die Rede, von "Optionen" und "Quarantäne". Die Probe, das wird aus den offiziellen Übersetzungen der geheimen Dokumente ersichtlich, soll ausgetauscht werden. Aus mit Dopingmitteln verunreinigtem Urin muss sauberes werden.

"Nach unseren Informationen wurde versucht, diese Probe auszutauschen", kommentiert Richard McLaren die Dokumente zur Urinprobe 387829. Der Sonderermittler hat das russische Staatsdoping nach den Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion in seinen "McLaren Reports" aufgearbeitet.

Wir treffen ihn in Lausanne, unweit der Zentrale des Internationalen Olympischen Komitees. Die Mails sind Teil der Dokumente, die im vergangenen Jahr den russischen Spitzensport in Erklärungsnöte brachten - bis hin zum Auschluss russischer Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Brasilien.

Aktueller russischer Nationalspieler unter Verdacht

Sollte im russischen Fußball ein ähnlicher Skandal vertuscht werden? Gab es wirklich eine Datenbank, um Dopingverstöße reinzuwaschen? Besonders brisant: Aus Ermittlerkreisen erfährt die ARD-Dopingredaktion, dass die Probe 387829 nicht von irgendwem stammt. Sie wurde von einem aktuellen russischen Nationalspieler genommen. Dieser und andere Fälle seien der FIFA bekannt, es lasse auf ein zweites, bislang unentdecktes System schließen.

Der Fußballweltverband solle einen Sonderermittler einsetzen. Für McLaren reichen die Indizien.

In Kiew treffen wir einen Mann, der behauptet, dass im russischen Fußball schon vor Jahren Doping kein Einzelfall gewesen sei. Vladyslav Vashchuk spielte im Jahr 2003 bei Spartak Moskau, genau zu der Zeit, als Spartak-Spieler Yegor Titov nach einem EM-Qualifikationsspiel gegen Wales positiv auf Bromantan getestet wurde.

Keine Konsequenzen - trotz eines positiven Tests

Titov wurde damals gesperrt, doch für die russische Nationalmannschaft hatte das Doping keine Konsequenzen – sie fuhr nach Portugal zur Europameisterschaft, Wales musste trotz Protesten mit dem Platz vor dem Fernseher Vorlieb nehmen.

Beim Interview im Kiewer Olympiastadion erinnert sich Vashchuk: Titov sei positiv getestet worden. "Dann hat man kurz danach bei der gesamten Spartak-Mannschaft Proben abgenommen und bei allen waren die Ergebnisse positiv." Er erinnert sich an "irgendwelche kleinen Pillen", die man den Spielern gegeben habe. Nach den positiven Tests seien sie im russischen Kosmonautenzentrum behandelt, ihr Blut gesäubert worden.

Wurde wirklich das ganze Team von Spartak bei internen Vorabkontrollen positiv getestet? Eine brisante Behauptung – der Verein äußerte sich auf ARD-Anfrage dazu nicht. Vashchuks Schilderungen sind ein weiteres Argument für eine flächendeckende Ermittlung im russischen Fußball. Dazu passen auch die 155 Proben, die McLaren analysieren lassen will.

"Spitze des Eisbergs"

Die bisherigen Zahlen sieht der Doping-Ermittler nur als "Spitze des Eisbergs" – bislang sprach er öffentlich von etwa 30 Fußballern, die sich in den Dokumenten finden. McLaren nimmt mit großer Wahrscheinlichkeit an, dass man bei der Analyse der 155 Proben fündig werden würde: "Entweder hat sich jemand an den Verschlüssen zu schaffen gemacht, um den Inhalt auszutauschen oder der Inhalt ist der gleiche – aber im Urin finden sich verbotene Substanzen."

Der Sonderermittler würde sich der Sache gerne annehmen, sagt er im Interview. Er wolle nur vollständigen Zugang und von der FIFA die Garantie, seine Ermittlungsergebnisse öffentlich zu machen.

Was tut die FIFA?

Gianni Infantino (FIFA) und/and Vladimir Putin

Gianni Infantino (FIFA) und/and Vladimir Putin

Ob es dazu kommt? FIFA-Präsident Gianni Infantino sitzt in diesen Tagen lieber neben Wladimir Putin auf der Ehrentribüne des Confed Cups in Russland. Will die FIFA verhindern, dass ihr lukratives Produkt vor der Fußball-WM 2018 durch einen Dopingskandal erschüttert wird?

Auf ARD-Anfrage reagierten weder FIFA, noch die UEFA, der russische Fußballverband und das russische Sportministerium. Nachdem die "Mail on Sunday" am vergangenen Sonntag von den Vermutungen flächendeckenden Dopings im russischen Fußball berichtete, hieß es aus der FIFA-Zentrale nur knapp, dass man die Dopingvorwürfe prüfe.

Ohne Ermittlungen bleibt das Geheimnis der Urinprobe 387829 und vermutlicher zahlreicher weiterer Proben ungelöst.

Stand: 28.06.2017, 08:30

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