Die chinesische Fußball-Offensive

Renato Augusto

Stars wechseln nach Asien

Die chinesische Fußball-Offensive

Von Frank Hellmann

In diesem Winter hat die chinesische Super League bislang mehr investiert als die englische Premier League. Dahinter verbirgt sich ein Staatsprojekt. Und die Sehnsucht nach einer WM-Ausrichtung.

Für Mike Hanke stand damals fest: mehr als ein halbes Jahr reicht. Nur so lange hielt es der ehemalige Nationalstürmer mit seinem ein Dutzend Länderspielen in China aus. Im Dezember 2014 kehrte Hanke, heute 32, aus der Chinese Super League zurück, nachdem er zuvor beim Erstligisten Guizhou Renhe F.C. unter Vertrag gestanden hatte. Ursprünglich bis Ende 2015.

Damals waren auch seine  hübsche Ehefrau Jenny und seine Kinder Janatha-Fey und Jayron-Cain mitgekommen, doch weil sie keine internationale Schule fanden, blieb der Fußballprofi bald allein im Reich der Mitte. "Es war eine komplett andere Welt. Allein das Essen war für einen Europäer totales Neuland. In meiner Stadt gab’s immerhin ein Paulaner. Der Verkehr war kaum geredet. Jeder Flug hatte mindestens eine Stunde Verspätung. Wahnsinn." Das China-Abenteuer beendete er nach fünf Monaten – und kurz darauf seine ganze Karriere.  

Befehl vom Staatspräsidenten

Gervinho

Neuzugang für Hebei Fortune: Gervinho

Doch was den mittlerweile wieder in Neuss beheimateten Hanke empfand, kann andere nicht abschrecken. Stars wie Ramires (32 Millionen Euro von Chelsea zu Jiangsu Suning), Renato Augusto (8/Corinthians - Peking Guoan), Paulinho (14 / Tottenham Hotspurs – zu Guangzhou Evergrande), Gervinho (18/AS Rom - Hebei Fortune) oder Fredy Guarin (13/Inter Mailand – Shanghai Shenhua) haben die vergangenen Tage, Wochen und Monate lukrative Verträge in China unterschrieben. Zu den 5,5 Millionen Euro jährlich habe er "nicht nein sagen" können, begründete der frühere Leverkusener Augusto sein Ja - und die Absage an den lange interessierten Bundesligisten FC Schalke 04.

Dass der chinesische Fußball gewaltige Anstrengungen unternimmt, um prominente Belegschaft zu locken, folgt einem staatlichen Plan. Der Tag, an dem die chinesische Fußball-Revolution begann, war der 23. Februar 2015. Staatspräsident Xi Jinping höchstselbst hatte die mächtigsten Männer des Landes nach Zhongnanhai ins Hauptquartier der Kommunistischen Partei geladen, um sie in seinen "chinesischen Traum" einzuweihen.

50.000 Leistungszentren im ganzen Land

Was Xi befahl, nannte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua später "die Wiederbelebung des chinesischen Fußballs". Xi, seit März 2013 im Amt, gilt als fußballverrückt.  Denn schlussendlich soll die WM 2026 oder 2030 in China stattfinden. Diesem übergeordneten Ziel dienen alle Anstrengungen, erzählen Insider aus der internationalen Sportvermarktung.

Die meisten Klubs sind im Besitz großer Firmen, die locker Etats von 150 Millionen Euro und mehr stemmen. "Der Klubunternehmer, der zeigt, dass er ein gutes Team beisammen hat, wird die Anerkennung des chinesischen Präsidenten gewinnen", heißt es. 50.000  Leistungszentren werden noch im ganzen Land aus dem Boden gestampft, Fußball an Schulen zum Pflichtfach gemacht. Mit Lehrbüchern werden angeblich bald Ballbehandlung, Stellungsspiel und Viererkette vermittelt. Ob’s hilft?

In der Weltrangliste nur auf Platz 82

Denn die Nationalmannschaft fristet ein Mauerblümchendasein, hat sich zuletzt 2002 für eine WM qualifiziert, ist aber damals sang- und klanglos mit 0:9 Toren ausgeschieden, während die Ausrichter Südkorea und Japan auf dem eigenen Kontinent bis in die K.-o.-Runde kamen. Südkorea sogar bis ins Halbfinale.

In China aber ging nichts vorwärts. Im Gegenteil: Die "Drachen" belegen nach Jahren voller Demütigungen und Peinlichkeiten Platz 82 der Weltrangliste - 43 Ränge hinter dem Inselstaat Kap Verde (Einwohner: 500.000). In einem von Vetternwirtschaft geprägten System soll es bisweilen möglich gewesen sein, sich in die Auswahl einzukaufen - ein Kaderplatz kostete 30.000 Euro.

Ausländer sollen Niveau heben

 Luiz Felipe Scolari

Trainer beim Meister Guangzhou: Luiz Felipe Scolari

Nun sollen die Ausländer das Niveau heben und damit auch die Einheimischen besser machen. Und die Basis braucht Vorbilder, weshalb die chinesische Super League diesen Winter schon 150 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hat – und damit sogar die englische Premier League in den Schatten stellt. Auf der Trainerbank sitzen bereits eine Reihe bekannter Gesichter.

Abonnementmeister Guangzhou Evergrande, 2013 und 2015 Champions League Sieger Asiens, vertraut nach dem italienischen Weltmeistertrainer Marcello Lippi nun keinem geringeren als Brasiliens ehemaligen Nationalcoach Luiz Felipe Scolari, der genau wie seine Vorgänger Mano Menezes und Vanderlei Luxemburgo ein prächtiges Auskommen in einer prosperierenden Liga vorfindet, die auch nach Fifa-Ansicht "eine neue Weltordnung" für den europäischen Transfermarkt bedeuten kann.

"Ich kann nicht spielen, bis ich 50 bin"

Aus der Bundesliga wurde in diesem Winter nur ein Bekannter gelockt:  Werder Bremen bekam für seinen Verteidiger Assani Lukimya unerwartete zwei Millionen in die Kasse. Sein neuer Klub heißt Liaoning FC und spielt in der 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt Panjin. 300 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea. "Mitten in der Pampa", sagten Kenner. Deswegen hat der 30-Jährige seine Frau und die zwei Kinder vorerst in Bremen gelassen. Warum geht der kantige Deutsch-Kongolese? "Ich würde lügen, wenn ich sage, dass das Geld keine Rolle gespielt hat. Ich kann nicht spielen, bis ich 50 bin.“

Auch  Szabolcs Huszti verließ 2014 Hannover 96, weil er bei Changchun Yatai angeblich drei Millionen Euro verdienen konnte. Glücklich war er in China trotzdem nicht. Als seine mit ihm in die Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt gezogene Frau schwanger wurde, war für den Ungar klar: Er müsse zurück nach Europa. Das Leben sei nicht so einfach gewesen. "Wenn meine Frau krank war, konnte sie niemand anrufen, und im  Krankenhaus hat sie niemand verstanden." Das Urteil des gerade erst in die Bundesliga zu Eintracht Frankfurt zurückgekehrten 32-Jährigen fiel schlussendlich ähnlich negativ aus wie bei Mike Hanke: "Mit zwei Kindern ist es nicht möglich, dort zu leben."

mit sid | Stand: 29.01.2016, 14:58

Darstellung: