Alarmsignale für die Liga

Am Boden: Manuel Neuer

Abschneiden im Europapokal

Alarmsignale für die Liga

Von Frank Hellmann

Die Halbfinals in Champions League und Europa League gehen ohne deutschen Vertreter über die Bühne. Die Bundesliga ist gut beraten, das Abschneiden als Weckruf zu verstehen. Nicht nur für die Vermarktung ist die aktuelle Situation unbefriedigend.

Fast genau drei Monate ist es jetzt her, dass sich Christian Seifert gegenüber der versammelten Führungsetage des deutschen Fußballs positionierte. Und den Machern der 36 Lizenzvereine einen unmissverständlichen Auftrag erteilte: bitte nicht nachzulassen in den Anstrengungen nach internationaler Anerkennung. "Es wird mittelfristig nur noch zwei, drei internationale Ligen geben, die weltweit (von den Fans) verfolgt werden", sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) am 17. Januar beim Neujahrsempfang in einer Frankfurter Eventlocation.

Seifert forderte an dem Tag mehr Trainingslager und Turnierteilnahmen in Asien und den Vereinigten Staaten, wohl wissend, dass der beste Treiber nach wie vor die internationalen Wettbewerbe sind, um die Bundesliga bekannter und beliebter zu machen. Die Strahlkraft, die beispielsweise das deutsch-deutsche Champions-League-Finale 2013 in London erreichte, ist selbst durch die besten Werbestrategien und teuersten Imagekampagnen nicht wettzumachen.

Bayern nach dem Aus in der Champions League: Umbruch in München?

WDR 2 Bundesliga ToGo | 20.04.2017 | 18:35 Min.

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Abstinenz statt Präsenz

Und nun? Glänzt die Liga auf der Zielgeraden von Champions League und Europa League mit Abstinenz statt Präsenz. Am Freitag befanden sich für die Auslosung der Halbfinals in beiden Wettbewerben drei spanische und zwei französische Klubs, ein italienischer, englischer und niederländischer Verein.

Erstmals seit 2005 steht keine deutsche Mannschaft in einem europäischen Semifinale. In Zeiten der Expansionsbestrebungen ein mächtiger Schuss vor den Bug der Bundesliga, die sich zwar als Liga mit dem besten Zuschauerzuspruch und der solidesten wirtschaftlichen Grundlage feiern lassen kann, aber sportlich Nachholbedarf hat.

Das Aus kam nicht zufällig zustande

Einen anderen Schluss darf es bei realistischer Betrachtung auf das Ausscheiden des FC Bayern, Borussia Dortmund und FC Schalke 04 nicht geben. Dass der "Mia-san-mia"-FCB und der "Echte-Liebe"-BVB derart gerupft aus der Königsklasse kommen würden, hatten selbst die Berufspessimisten nicht erwartet.

In der Summe endete der Bayern-Real-Vergleich genauso 3:6 wie das Dortmund-Monaco-Duell, auch wenn bei letzterem mildere Umstände wegen des Attentats vor dem Hinspiel gelten müssen. Der Ruhrrivale Schalke hat überdies auch fünf Gegentreffer gegen Amsterdam geschluckt – gegen ein junges wie hungriges Ajax-Ensemble, dem viel eher die Zukunft gehört als dieser königsblauen Garde.

Auch die Trainer waren nicht in Topform

Was also ist passiert? Drei Viertelfinalisten haben dem Bundesliga-Trio auf ihre Art den Weg gezeigt, den der moderne Fußball nimmt. Hohe technische Fähigkeiten mit immenser physischer Präsenz und enormer Effektivität zu paaren - das ist die hohe Kunst. Taktisch wirkte das Starensemble aus Madrid flexibler als die Bayern, körperlich der Tabellenführer aus Frankreich gegenüber Dortmund überlegen, spielerisch die Rasselbande aus der Tulpenstadt besser als die Gelsenkirchener.

Auch die Trainer können nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Beispiel Bayern: Carlo Ancelotti reagierte auf die Unterzahl in Hin- und Rückspiel nicht wirklich glücklich: Das wäre (spiel)entscheidend besser gegangen. In München versäumte es der Italiener, die Auflösungserscheinungen mit der Hereinnahme eines Stabilisators zu stoppen, in Madrid glaubte der Italiener, Arturo Vidal würde sein Temperament zügeln können.

Ebenso ein Irrtum wie die Formation, die Thomas Tuchel beim zweiten Aufeinandertreffen mit Monaco wählte. Noch immer wirkt der BVB beim Ballbesitz viel zu hektisch. Und warum bitte müssen auf Schalke die spielerischen Fortschritte unter Markus Weinzierl mit der Lupe gesucht werden? Im Bundesliga-Alltag ist außer fehlender Konstanz fast gar kein Merkmal auszumachen.

Nur Umschaltspiel ist als Stilmittel zu wenig

Das führt direkt zur Gretchenfrage: Eine Liga, die sich nicht nur in China als Trendsetter mit hohem Unterhaltungsfaktor präsentieren will, muss mehr Strategien anbieten als nur das Umschaltspiel, das fast allerorten als einzig wirklich funktionierende Option zur Anwendung kommt.  Vor allem die Mittelklasse, vom 1. FC Köln über Eintracht Frankfurt bis hin zum derzeit formstabilen SV Werder Bremen, kommt am besten zurecht, wenn der Gegner Dominanz ausübt - und überfallartige Konterattacken gestartet werden.

Und beim 1. FSV Mainz 05 gibt es beispielsweise gar kein anderes eingeübtes Stilmittel, bei längeren Ballpassagen führt der Zufall Regie. Auf internationalem Parkett kamen die Rheinhessen denn auch nicht über die Europa-League-Gruppenphase hinaus. Und auch die nächsten Champions-League-Anwärter setzen im Grunde auf diese Herangehensweise: Vor allem der aktuelle Zweite RB Leipzig definiert sich über das blitzschnelle Gegenstöße nach einer kraftraubenden Pressingmethode. Die TSG Hoffenheim wirkt unter Julian Nagelsmann variantenreicher, ist allerdings international wie Leipzig noch völlig unerfahren.

Schneckenrennen um die Europa League kein Gütesiegel

Neben den vier Kandidaten für die Königsklasse werden auch noch drei Europa-League-Teilnehmer gesucht, wobei das Schneckenrennen um diese Plätze nicht als Gütesiegel gilt. Im Gegenteil: Kein Team spielt konstant, und es mutet wie ein Treppenwitz an, dass Hertha BSC als aktueller Fünfter trotz acht Auswärtsniederlage in Folge beste Perspektiven für den nächsten Anlauf nach Europa besitzt. Vergangenen Sommer blamierten sich die Berliner bekanntlich in der Qualifikation gegen Bröndby Kopenhagen. Gewiss kein Schwergewicht.

Ob die Bundesliga daher in der nächsten Saison ihre Einbußen in der Fünfjahreswertung wieder wettmacht, wirkt höchst zweifelhaft. Die Bundesliga bleibt hier definitiv bei 79,498 Punkten stehen. Spanien, hat nun einen Vorsprung von fast 25  Punkten auf Deutschland und wird diesen dank Real Madrid, Atletico Madrid und Celta Vigo noch locker ausbauen. Diese Zahlen halten der Bundesliga den Spiegel vor - es wäre Zeit, dass die Liga-Vertreter selbstkritisch hineinsehen. Aber vermutlich redet ihnen Christian Seifert in Bälde kräftig ins Gewissen.

Stand: 21.04.2017, 12:38

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