Koch nimmt Zeitdruck aus der Grindel-Debatte

Reinhard Grindel, Rainer Koch (rechts)

Verstimmung über Niersbach-Nachfolge

Koch nimmt Zeitdruck aus der Grindel-Debatte

Noch steht Quereinsteiger Reinhard Grindel gar nicht zur Wahl. Die 21 Landesverbände haben den bisherigen DFB-Schatzmeister am Dienstag jedoch bereits als Kandidaten für die Nachfolge des zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach präsentiert. Am Freitag (20.11.15) soll der CDU-Politiker auf der Präsidiumssitzung des DFB als Kandidat offiziell vorgestellt werden.

Die voreilige Personalentscheidung der Landesverbände hat beim ohnehin schon tief in der Krise steckenden DFB und den Vereinen für Verärgerung gesorgt. Am Donnerstag meldete sich unter zahlreichen Kritikern aus der Bundesliga auch Hans-Joachim Watzke zu Wort. "Wir fühlen uns brüskiert. Für den gesamten Fußball ist das eine sehr unschöne Geschichte", sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund im "kicker". Watzke sieht den Profifußball übergangen. "Ich habe in dieser Woche mit vielen Vereinschefs der Liga gesprochen und selten so eine Einigkeit erlebt", ergänzte der BVB-Boss.

Dass Personalpolitik vor lückenlose Sachaufklärung gehe und man in Windeseile einen Kopf durch einen anderen ersetzen wolle, könne er nicht nachvollziehen. Vertreter der Profiklubs hätten sich dafür ausgesprochen, erst die dubiosen Umstände der WM-Vergabe 2006 aufzuklären und danach die Präsidentschaft zu regeln. "Dieser Option beraubt man sich jetzt", wird Watzke zitiert. "Vielleicht hätte man das im Vorfeld auch einmal diskutieren können - um dann für diesen oder einen anderen Kandidaten eine etwas breitere Basis zu schaffen".

Die 21 Landesverbände vereinen beim DFB-Bundestag zwei Drittel der Stimmen. Es reicht für die Wahl des Nachfolgers von Wolfgang Niersbach aber die einfache Mehrheit. Zwar kann der Profifußball jetzt auch noch einen (Gegen-)Kandidaten aufstellen - dieser hätte wohl aber schon vor der Wahl verloren.

Irritation bei den Profi-Klubs und in der Politik

Zuvor hatte bereits das Harald Strutz, Vizepräsident des Ligaverbandes und im DFB-Präsidium, das Vorgehen der Amateur-Vertreter kritisiert. "Das hat uns irritiert", sagte Strutz, "Und das werden wir deutlich artikulieren." Eigentlich sei es geplant gewesen, erst einmal in die Diskussion zu gehen und dann einen Vorschlag zu machen. Die Strategie der Landesfürsten sei ein Konfrontationskurs.

Auch in der Politik wurde die Entscheidung verurteilt: "Noch ist gar nichts aufgeklärt und schon beginnt das Postengeschachere beim DFB. Ich finde das höchstproblematisch und frage mich, warum die Interimspräsidenten nicht bis zum nächsten DFB-Bundestag im Amt bleiben dürfen, um mit Bedacht eine neue Führung vorzuschlagen", sagt Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, am Mittwoch der "Rheinischen Post". "Die alten Funktionärszirkel müssen zerschlagen werden. Es bedarf dringend einer Neuaufstellung des DFB mit transparenten Strukturen. Aus diesem Grund sollte man sich Zeit nehmen und diesen Reformprozess gründlich vorbereiten."

Koch: Erst Aufklärung, dann Bundestag

Interimspräsident Rainer Koch, ebenfalls ein Mann der Basis, will offenbar einen Mittelweg: "Der DFB muss nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach so schnell wie möglich wieder vollständig handlungsfähig gemacht werden." Man wolle daher im Präsidium eine baldige Neuwahl erörtern. Zugleich mahnte Koch die zügige Aufarbeitung der WM-Affäre an: "Die deutschen Amateurfußballvereine haben zurecht den Anspruch und die Forderung, dass in den Führungsebenen des nationalen, des europäischen und des Weltfußball-Verbandes ausgelöste Verwerfungen und Skandale vollständig und schnellstmöglich aufgeklärt, abgearbeitet und behoben werden."

In der "Abendschau" des Bayerischen Fernsehens versprach Koch am Donnerstag (19.11.15) jedoch, mit der Wahl eines neuen Verbandschefs zu warten, bis die WM-Affäre lückenlos und schonungslos aufgeklärt ist. "Erst dann ist nach unserer Vorstellung auch die Zeit für einen Bundestag gekommen, und nur dann." Bis zur Einberufung eines außerordentlichen Bundestages gehe es darum, "vorrangig die externen Untersuchungs- und Aufklärungsarbeiten der Kanzlei Freshfield mit Nachdruck voranzutreiben und zum Abschluss zu bringen".

Grindel will Bundestagsmandat aufgeben

Der 54-jährige CDU-Politiker Grindel ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er kündigte aber an, seine Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter aufzugeben, sollte er zum Präsidenten gewählt werden. Seinen Sitz im Sportausschuss des Deutschen Bundestages legte er bereits am Mittwoch nieder.

Grindel geht es nach eigenen Angaben vor allem darum, mit dem Ligaverband zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. "Im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Arbeit müssen die Konsequenzen aus der Affäre um das WM-Organisationskomitee 2006 stehen", hatte er selbst am Dienstag gesagt. Ziel sei es, "dass Amateure und Profis unter dem gemeinsamen Dach des DFB gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten."

sid/dpa/cc/cs/ch | Stand: 19.11.2015, 21:01

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