Syrien - Höhenflug der Adler

Torjubel bei den Spielern aus Syrien

WM-Qualifikation

Syrien - Höhenflug der Adler

Von Tim Beyer

Syriens Nationalmannschaft hat sich in letzter Minute die Chance auf die erstmalige WM-Teilnahme erhalten. Dank eines Treffers in der Nachspielzeit steht Syrien in den Playoffs gegen Australien. Es wäre der bislang größte Erfolg eines vom Krieg erschütterten Landes.

Als Syriens Omar Al-Soma in der 93. Minute der Partie gegen Iran zum 2:2 ausglich, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Dabei sah es noch Sekunden zuvor danach aus, als habe Syrien all seine Chancen auf die erstmalige WM-Teilnahme verspielt. Usbekistan war zu diesem Zeitpunkt in der Tabelle vorbeigezogen, Syrien hätte wieder mal nur zuschauen dürfen. Doch dann traf Al-Soma mit dem vielleicht letzten Angriff.

Ein Kommentator rührt die Massen

Und sein Last-Minute-Treffer bescherte Syrien Rang drei in der Qualifikationsgruppe zur Weltmeisterschaft 2018, das reicht für die Teilnahme an den Playoffs - es ist der größte Erfolg der "Kasiun-Adler", wie die Nationalmannschaft nach einem Gebirgszug im Zentrum des Landes genannt wird, überhaupt. Der Kommentator des Spiels beim Sender "beIN-Sports" brach daraufhin in Tränen aus und rührte damit Millionen Menschen weltweit. Auf Syriens Straßen feierten die Fans derweil mit Fahnen und Hupkonzerten.

Ein Spiegelbild der Nation

Die Playoff-Teilnahme ist ein Erfolg, der so nicht zu erwarten war. Denn Syrien wird seit 2011 von einem Bürgerkrieg gebeutelt, in dem laut der Vereinten Nationen bislang 400.000 Syrer ihr Leben verloren. Millionen sind auf der Flucht. Die Rolle des Fußballs ist deshalb eine andere als in weiten Teilen der Erde. Wer um sein Leben fürchten muss, für den ist der Fußball eine willkommene Ablenkung, mehr aber nicht.

Eine Meisterschaft wird zwar weiter ausgetragen, gespielt wird aber nur in wenigen Regionen, so auch in der Hauptstadt Damaskus. Viele Menschen haben das Land verlassen, darunter auch etliche Nationalspieler wie zum Beispiel Kapitän Firas Al-Khatib, der sein Geld in Kuwait verdient, und auch Al-Soma, der Held der "Adler".

Er steht für Al-Ahli in Saudi-Arabien unter Vertrag und wird wie Al-Khatib zum Lager der Opposition gezählt. Dass beide zur syrischen Auswahl zählen, wird in Teilen der Bevölkerung nicht gerne gesehen. Denn Politik spielt in Syriens Team eine große Rolle, die Mannschaft gilt als Spiegelbild der Nation. Hier die Anhänger des Regimes von Baschar al-Assad, dort die der Opposition.

Über die Rolle der Nationalmannschaft gibt es deshalb heftige Debatten, Kritiker sagen, das Team sei nur eine Marionette von Assad. "Für mich sind die Spieler potenzielle Soldaten", sagt Dschamal, ein 45-Jähriger aus der von Rebellen kontrollierten Stadt Al-Bab im Norden Syriens. Der "Traum von der WM" sei ganz nah, schrieb die Zeitung Al Baath. Herausgegeben wird das Blatt von der regierenden Baath-Partei.

Al-Soma ärgert die Regierung

Fußball und Politik, das lässt sich in Syrien nur schwer trennen. Und so war es auch heftig kritisiert worden, dass Al-Khatib im Frühjahr nach mehreren Jahren Abstinenz ein vielbeachtetes Comeback im Nationalteam gefeiert hatte. Ähnlich war es bei Al-Soma, der im Iran erst sein zweites Spiel nach vierjähriger Pause bestritten hatte.

Dass er nach einem Länderspiel 2012 auf dem Spielfeld mit der Fahne der Opposition jubelte, hat Assad nicht vergessen. Wie die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) kürzlich berichtete, sprach das Regime zuvor in verschiedenen arabischen Medien auch davon, einen Haftbefehl gegen Al-Soma vorliegen zu haben. Dass er trotzdem im Iran spielen durfte, wird jetzt nicht mal mehr die Regierung ärgern.

Heimspiele in 7500 Kilometer Entfernung

Denn bislang hatte Syriens Nationalmannschaft zwar mal die Westasienmeisterschaft gewonnen, 2012 in Kuwait war das. In der WM-Geschichte schaffte es das Team bislang nur einmal in die Nähe einer Weltmeisterschaft - bei der WM-Qualifikation für Mexiko 1986 verpasste man die Endrundenteilnahme knapp.

Das soll sich jetzt ändern, auch wenn der Weg bis nach Russland für Syrien weiterhin ein langer ist. Zunächst stehen die Playoffs gegen Australien, Gruppendritter der anderen asiatischen Qualifikationsrunde an. Sollte sich Syrien dort durchsetzen, stünde noch das Duell mit dem Vierten der Qualifikationsrunde aus Nord- und Mittelamerika an.

Auf die Spieler kommen so reiseintensive Wochen und Monate zu, Australien und auch die USA liegen ja nicht gerade um die Ecke. Und Länderspiele finden in Syrien schon lange nicht mehr statt. Das, was für andere Nationen Heimspiele sind, trägt die Nationalmannschaft in Malaysia aus - von der Haupstadt Damaskus sind es knapp 7500 Kilometer dorthin.

Bezahlt wird das alles von Hilfsgeldern. Unterstützung der Fans sind die Spieler kaum noch gewohnt, auch wenn in Malaysia einige Tausend Geflüchtete aus Syrien leben.

Ablenkung vom Krieg

Und so ist die Rolle der Nationalmannschaft Syriens eine besondere. Man habe den Menschen im vom Krieg gebeutelten Syrien dabei helfen wollen, "den Krieg vergessen zu machen", sagt Nationaltrainer Ayman al-Hakim im Gespräch mit der "NZZ". Schon vor dem Spiel hatte sich Muwaffaq Fathallah, der sportliche Leiter der Nationalmannschaft, zu Wort gemeldet. "Wir möchten die Menschen einfach glücklich machen", sagte Fathallah. Es dürfte ihm und seinen Spielern unabhängig vom Ausgang der Playoffs zumindest für einige Momente gelungen sein.

Sollte sich Syrien in den Playoffs gegen Australien durchsetzen, könnte als weitere Pointe erneut ein politisch aufgeladenes Spiel anstehen. Dann ginge es gegen den Vierten aus Nord- und Mittelamerika. Heißer Kandidat für diesen Platz: die USA, die im Bürgerkrieg lange die Rebellen unterstützt haben.

Stand: 06.09.2017, 12:15

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