Qualifikation zur WM in Russland

Zwischen Hoffen und Bangen - die Türkei braucht zwei Siege

Tim Beyer

Es wird eng für die Türkei. Zwei Spieltage vor Ende der WM-Qualifikation liegt das Team auf Rang drei der Gruppe I, jetzt kommt es zum Wiedersehen mit Island. Ein Sieg ist Pflicht.

Es ist schon kurios. Wenn die Türkei am Freitagabend (06.10.2017) die Isländer in Eskişehir empfängt, steht die stolze Nation mehr denn je unter Druck. Nur bei einem Sieg hätte die Türkei noch eine reelle Chance auf die WM-Teilnahme 2018, ein Unentschieden oder gar eine Niederlage wären gleichbedeutend mit dem Aus. Dass man im Lager der Nationalmannschaft dennoch optimistisch bleibt, hat viel mit dem neuen Trainer zu tun.

Hoffnungsträger Lucescu

Mircea Lucescu heißt der, er ist der neue Hoffnungsträger der Türkei. Der Rumäne Lucescu, 72, trainierte in seiner lange Trainerkarriere auch schon Besiktas und Galatasaray Istanbul, er hatte also eine Ahnung, worauf er sich bei seiner Unterschrift vor gut zwei Monaten einließ. Bislang coachte er in zwei Spielen, gegen die Ukraine setzte es eine bittere 0:2-Niederlage, im zweiten Anlauf gegen Kroatien langte es dann für den ersten Sieg.

Kurfristig geht es für die Türkei darum, sich doch noch für die WM zu qualifizieren. Langfristig soll Lucescu das Land wieder dahin führen, wo es schon einmal ganz kurz war: in die Spitze des europäischen Fußballs. 2002 war das, damals erreichte die Türkei bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea völlig unerwartet Platz drei.

Rechenschieber nötig

Heute wäre man schon zufrieden, wenn die Türkei mal wieder eine WM-Endrunde erreichen würde, fanden die letzten drei doch ohne das Land statt. Doch dafür muss die Mannschaft die letzten beiden Spiele gegen Island und Finnland gewinnen, sonst wird es nichts mit der Reise nach Russland im kommenden Sommer.

Und selbst zwei Siege sichern die Endrundenteilnahme nicht unbedingt: Kroatien und Island (je 16 Punkte) liegen vor der Türkei, auch die Ukraine ist gleichauf (14 Punkte). Platz eins reicht für die direkte Teilnahme, schon Rang zwei aber nur dann für die Play-offs, wenn in den anderen Gruppen ein anderer Zweiter schlechter ist. Denn es gibt nur vier Play-off-Partien, sprich: Ein Zweiter bleibt auf der Strecke.

Positive Erinnerungen an Island

Da Lucescu nach seiner Schiri-Schelte im Spiel gegen die Ukraine im September gegen Island auf der Tribüne Platz nehmen muss, trifft es sich gut, dass man in der Türkei nur positive Erinnerungen an den kommenden Gegner aus dem hohen Norden hat. Vor zwei Jahren war man in der Qualifikation für die EM-Endrunde eigentlich schon gescheitert, ehe Selcuk Inan in der 89. Minute des letzten Spiels traf und die Türkei auf Rang drei vorrückte, der gleichbedeutend mit der Reise nach Frankreich war.

Vielleicht liegt es auch daran, dass man im türkischen Lager noch an die WM-Teilnahme glaubt. "Die Stärke der Isländer ist uns bekannt, aber wir wollen die beiden letzten Spiele gewinnen, und dann hoffen wir, dass es reicht", sagte Nuri Sahin kürzlich dem "kicker". Der Dortmunder ist einer der Profiteure des Trainerwechsels. Unter Ex-Trainer Fatih Terim kam Sahin in der Qualifikation nur zu einem Kurzeinsatz, erst Lucescu holte Sahin zurück und vertraute ihm zuletzt gegen Kroatien gleich die Schlüsselrolle im defensiven Mittelfeld an. Mit Erfolg, die Türkei siegte mit 1:0 und Sahin ist wieder mittendrin. Das gilt auch für etliche andere Spieler, die in Deutschland ausgebildet wurden oder dort jetzt ihr Geld verdienen.

Bekannte Gesichter aus der Bundesliga

Bekanntes Gesicht: Kaan Ayhan | Bildquelle: imago/Abdurrahman Antakyali

Kaan Ayhan (Fortuna Düsseldorf), Ömer Toprak (Borussia Dortmund), Caglar Söyüncü (SC Freiburg) und Yunus Malli (VfL Wolfsburg) sind aktuell in Deutschland unterwegs, wo man auch den Ex-Herthaner Tolga Cigerci (Galatasaray), den ehemaligen Dortmunder Emre Mor (Celta Vigo) und natürlich Hakan Calhanoglu (AC Milan, davor Hamburg und Leverkusen) in bester Erinnerung hat. An Cenk Tosun werden sich dagegen nur Insider erinnern, doch der heute Besiktas-Star begann seine Karriere in der Jugend von Eintracht Frankfurt. Heute hofft die ganze Türkei auf seine Tore - gegen Kroatien klappte das schon mal.

Der Nachwuchs fehlt

Welch große Probleme Lucescu auf anderen Positionen hat, zeigt die Nominierung von Sabri Sarioglu, 33, vom Erstliga-Aufsteiger Göztepe Izmir. Das bislang letzte seiner 46 Länderspiele hatte der Rechtsverteidiger im November 2011 absolviert, dass Lucescu jetzt wieder auf ihn baut, ist auch ein Zeichen dafür, dass aus den türkischen Vereinen nur wenige Talente den Weg nach oben schaffen. Stattdessen hatte man in den vergangenen Jahren immer wieder teure Altstars in die Süper Lig gelockt. Die Vereine kriegten sich vor Freude gar nicht mehr ein ob der Fan-Magnete wie Lukas Podolski, Samuel Eto'o oder Wesley Sneijder. Doch in diesem Sog kam auch viel fußballerisches Mittelmaß, der türkische Nachwuchs hatte es schwer oder war vielleicht auch einfach nicht gut genug.

Und heute? Lucescu wird es schon richten, so der Tenor in der Türkei. Nur wann, das bleibt offen. In den nächsten beiden Spielen helfen nur noch Siege, der Neuaufbau muss erst einmal warten.