Gernot Rohr - Held von Nigeria nach WM-Quali

Gernot Rohr

FIFA WM 2018

Gernot Rohr - Held von Nigeria nach WM-Quali

In Afrika fallen die letzten Entscheidungen der Qualifikation zur WM 2018. Trainer Gernot Rohr erzählt im Interview, wie er Nigeria zur WM führte und was er den afrikanischen Teams zutraut.

Gernot Rohr (64) hat eine bewegte Fußball-Karriere hinter sich. Mit dem FC Bayern wurde der gebürtige Mannheimer als Spieler 1974 und 75 Deutscher Meister, anschließend zog er nach Frankreich, wo er jahrelang bei Girondins Bordeaux als Spieler, Trainer und Sportdirektor arbeitete. 2010 übernahm er mit Gabun erstmals ein afrikanisches Nationalteam. Seit 2016 arbeitet er als Nationaltrainer Nigerias. Jetzt gelang ihm mit der Mannschaft der ersehnte Sprung zur WM-Endrunde nach Russland.

sportschau.de: Herr Rohr, man kannte sie als französischer Fußballexperte. Mit Afrika hatte man sie vor 2010, als sie Gabun übernahmen, nicht so sehr in Verbindung gebracht. Wie kam es zum Engagement in Afrika?

Gernot Rohr: Gerade Gabun hatte zuvor bereits einige französische Trainer. Außerdem habe ich seit einigen Jahren eine afrikanische Ehefrau. Von daher wurden die Kontakte zum afrikanischen Fußball intensiver. Und irgendwie war es dann auch logisch, dass sich das beruflich einmal wiederspiegeln würde.

Als Sie im August 2016 das Team Nigerias übernahmen, waren die Voraussetzungen nicht ideal. Das Team hatte die beiden vergangenen Afrika-Cups verpasst und galt als schwieriger Fall.

Rohr: Ja, die Verbandsoffiziellen wollten einen kompletten Umbruch, einen Neuaufbau der Mannschaft mit jungen Spielern. Die Schwierigkeit: Das Ganze musste sehr schnell gehen, denn die WM-Qualifikation 2018 war das große Ziel.

Komplett neue Mannschaft aufgebaut

Sie haben es mit dem Team geschafft. Wie konnte das in der Kürze der Zeit gelingen?

Gernot Rohr

Hoch lebe der Trainer - der Jubel um Gernot Rohr war nach der geglückten Qualifikation riesig

Rohr: Es gibt in Nigeria - ganz anders zum Beispiel als im kleinen Gabun - unwahrscheinlich viele talentierte Fußballer. Das Land hat 180 Millionen Einwohner und ist eine eingefleischte Fußballnation. Die Aufgabe bestand darin, aus dieser Fülle der Spieler die richtigen auszusuchen. Vor allem in England sind wir da fündig geworden. Dort spielen zum Beispiel bei Arsenal, Manchester City oder Leicester richtig gute Jungs.

Als Nationaltrainer Nigerias wohnt man entsprechend wahrscheinlich nicht im Land vor Ort, sondern irgendwo in Europa, um die Wege kurz zu halten?

Rohr: Doch, ich habe mir schon eine Wohnung vor Ort genommen. Aber natürlich bin ich gerade in der Anfangsphase unheimlich viel gereist, habe die Spieler bei ihren Vereinen besucht und auch mit den dortigen Klubtrainern Kontakt aufgenommen. Ich habe aber auch einen vertrauensvollen Mitarbeiter, der in England sitzt und dort viel vom Scouting übernimmt. Überhaupt ist das Team um mich herum wichtig. Allein könnte man eine solche Aufgabe nicht bewältigen.

Nigeria - kein leichtes Feld für europäische Trainer

Nigeria ist bekannt dafür, dass es kein leichtes Feld für europäische Trainer ist. Gerade die Expertenschar von Ex-Nationalspielern mischt sich gern und lautstark ein. Ist das ein Problem?

Rohr: In allen Ländern, wo der Fußball eine so wichtige Rolle spielt, ist das so. Ich habe einige Ex-Stars in meinem Mitarbeiterstab und bin sehr zufrieden mit ihnen. Viktor Ikpeba (ehemals Borussia Dortmund, d. Red.) zum Beispiel ist eine wichtige Bezugsperson für mich. Er sitzt im technischen Komitee des nigerianischen Fußballverbandes und ich stimme mich viel mit ihm ab. Viktor Agali (ehemals Hansa Rostock, d. Red.) habe ich in meinen Mitarbeiterstab geholt und auch Jay Jay Okocha arbeitet fleißig mit. Das klappt alles gut.

Nigeria hatte 2007/08 mit Berti Vogts schon einmal einen deutschen Trainer. Das hatte damals nicht funktioniert. Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um als europäischer Trainer in Afrika Erfolg haben zu können?

Rohr: Man sollte mit viel Toleranz an die Sache herangehen und die Leute respektieren. Zwar muss man schon Wert auf gute Organisation und Disziplin legen. Das geht nicht anders. Aber man darf die Leute auch anhören und sich mit deren Lebensweise auseinandersetzen. Sonst bleibt man außen vor und die Sache funktioniert nicht.

"Man muss die Leute respektieren"

Sie haben keine Schwierigkeiten mit der afrikanischen Mentalität?

Rohr: Ich komme mit den Leuten gut klar, was natürlich sicherlich auch daran liegt, dass ich von Anfang an Erfolg hatte. Wir haben gleich im September zwei wichtige Qualifikationsspiele gegen Algerien und Sambia gewonnen. Beim Afrika-Cup im Januar war ich dann als Experte des französischen Fernsehens und habe unseren Gruppengegner Kamerun studieren können. Danach haben wir Kamerun zu Hause mit 4:0 geschlagen und vier Tage später in Kamerun ein 1:1 erreicht. Damit hatten wir den stärksten Gegner distanziert.

Nigeria ist ein riesiges Land, fußballfanatisch. Kann man die Strukturen mit europäischen Verhältnissen vergleichen?

Rohr: Überhaupt nicht. Das Niveau der ersten nigerianischen Liga ist gar nicht mal so schlecht, aber die Vereine haben überhaupt keine Nachwuchsmannschaften. Auch die Infrastruktur ist verheerend. Es gibt im ganzen Land ein einziges Stadion mit einem vernünftigen Rasenplatz. Alles andere sind alte Kunstrasenplätze oder kaputte alte Rasenplätze.

Kümmern sie sich auch um die Verbesserung solcher Strukturen?

Rohr: Ja, da bin ich involviert. In meinem Vertrag steht auch, dass ich den Fußballverband im Aufbau neuer Strukturen unterstützen muss. Ich plane bei der Trainerausbildung mit, beim Aufbau des Jugendfußballs. Wichtig ist auch der "CHAN", ein Afrika-Cup, bei dem nur Spieler eingesetzt werden, die noch in der Heimat spielen. Der findet im kommenden Januar in Marokko statt, auch dafür hat sich Nigeria qualifiziert. Um da mitreden zu können, schaue ich so viele Spiele in der heimischen Liga, wie es nur geht.

Gelder müssen dort eingesetzt werden, wo sie hingehören

Wenn man Strukturen verbessern will, benötigt man dafür auch einen Etat. In vielen afrikanischen Fußballverbänden verschwinden zum Beispiel FIFA-Gelder immer irgendwie ...

Rohr: Mittel stehen zur Verfügung. Nur wurden sie in der Vergangenheit nicht immer dort eingesetzt, wo sie hingehörten. Auf solcherlei Missstände weise ich - bei höchstmöglicher diplomatischer Formulierung - die Offiziellen hin und fordere Veränderungen ein. Und im Moment werde ich auch angehört. Was natürlich nur dann funktioniert, wenn man Erfolg hat.

Was trauen Sie den afrikanischen Teams bei der WM 2018 zu?

Rohr: Ägypten und wir stehen ja als Teilnehmer fest, die anderen Plätze entscheiden sich am letzten Spieltag. Es wird sehr spannend. Insgesamt setzen sich gerade schon die stärksten afrikanischen Mannschaften durch. Bei uns erwartet man in Russland mindestens das Erreichen des Achtelfinales. Insgeheim eher mehr. Aber das kennt man in Afrika: Die Erwartungen sind gleich immer sehr hoch. Meistens zu hoch.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 17.10.2017, 10:38

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