WM-Qualifikation - Löw erweitert sein Grundgerüst

Joachim Löw beim Training mit der DFB-Elf

Vor WM-Qualifikationsspielen gegen Tschechien und Norwegen

WM-Qualifikation - Löw erweitert sein Grundgerüst

Von Robin Tillenburg

Zum Start in die WM-Saison mit dem Qualifikationsspiel gegen Tschechien sucht Bundestrainer Joachim Löw so langsam die richtige Mischung für den potenziellen WM-Kader, ohne dabei große Experimente einzugehen.

"Zu Beginn einer neuen Saison stehen wir vor der Situation, dass wir nicht ganz so eingespielt sind", erklärte Löw vorsichtshalber schon mal im Vorfeld der beiden Qualifikationsspiele gegen Tschechien und Norwegen in Prag und Stuttgart, an deren Ende bei zwei Siegen und einem gleichzeitigen Punktverlust Nordirlands die sichere Qualifikation für das Turnier in Russland stehen kann.

Dieses Statement darf getrost als leichtes Understatement, aber auch als Hinweis auf das langsame "Ende der Experimente" bezeichnet werden. Löws Mannschaft soll sich so langsam für die WM einspielen und eben auch die Qualifikation am liebsten schon jetzt perfekt machen. Schon bei der Kader-Nominierung, bei der mancher auch auf ein paar U21-Europameister spekuliert hatte, hatte Löw einen relativ klaren Fingerzeig geliefert.

Weltmeister als Korsettstangen

Bis auf Torhüter Manuel Neuer, dem der Bundestrainer nach Verletzungspause noch ein wenig Ruhe gönnt, sowie dem gerade erst wieder gesunden Mario Götze und dem angeschlagenen Jerome Boateng dürfte das Grundgerüst des Kaders für das Turnier in Russland schon jetzt im Aufgebot stehen. Die erfolgreiche Qualifikation und ein positiver Gesundheitszustand der genannten Spieler mal vorausgesetzt.

Nur die Weltmeister Benedikt Höwedes, der aber nach seinem Wechsel zu Juventus Turin durchaus gute Chancen auf die WM haben dürfte, und Shkodran Mustafi sind gestandene Kräfte, die nicht aus Gesundheitsgründen fehlen. Das Korsett, auf das Löw weiterhin trotz gestiegener Konkurrenzsituation auch in den Qualifikationsspielen setzen wird, bilden die Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller, Toni Kroos und der bei Arsenal momentan formschwache Mesut Özil, sowie eigentlich auch der gegen Tschechien noch geschonte Sami Khedira. Rund um diese "Säulen" reihen sich die 17 Confed-Cup-Sieger ein, die der Bundestrainer nominiert hat.

Offensive und Abwehrzentrale mehr als gut bestückt

Jonas Hector, Joshua Kimmich, Keeper Marc-André ter Stegen und auch Leipzigs junger Angreifer Timo Werner haben von ihnen die besten Chancen, ebenfalls zu sportlichen "Fixpunkten" in Löws Aufgebot zu werden - sowohl in den Qualifikationsspielen als auch im kommenden Sommer. Sebastian Rudy, Lars Stindl, Niklas Süle, Mario Gomez, Leon Goretzka und auch der in Paris aktuell wohl nicht mehr gesetzte Julian Draxler sind ebenfalls heiße Kandidaten für einen Platz in, oder zumindest direkt hinter der Startelf.

Julian Brandt, Emre Can, der verletzt abgereiste Serge Gnabry, Benjamin Henrichs, Matthias Ginter und Antonio Rüdiger sowie Amin Younes müssen aus dem aktuell nominierten Kader wohl genauso hart um ihren Platz kämpfen, wie die Keeper Kevin Trapp und Bernd Leno. Sie alle - abgesehen von Gnabry - müssen die Einsatzchancen, die sie am Freitag (01.09.2017) und am Montag bekommen könnten, am ehesten nutzen, um sich im Hinblick auf den Sommer möglichst gut zu präsentieren. In Karim Bellarabi hat sich schließlich ein weiterer Kandidat für die ohnehin üppig besetzte Offensive zuletzt nach langer Pause stark zurückgemeldet und im Abwehrzentrum ist das theoretische Angebot mit Hummels, Boateng, Süle, Höwedes, Mustafi, Rüdiger und Ginter übergroß. Auch die Schaltzentrale hat mit Khedira, Kroos, Goretzka, Rudy, Can, Draxler, Götze und Özil durchaus viel Auswahl zu bieten.

Nicht nur "Wohlfühloase"

Auffällig ist, dass der Bundestrainer sich weiter treu bleibt: Auch im Verein kriselnde oder zumindest aktuell nicht mehr unumstrittene, aber über Jahre verdiente Spieler wie Müller, Özil oder Draxler stehen unter ihm zunächst nicht zur Disposition. Die Nationalmannschaft ist unter Löw auch, aber eben nicht nur "Wohlfühloase". Natürlich sollen die Spieler beim DFB wieder Vertrauen spüren und sich in bessere Form spielen, doch das Eigeninteresse, das der 57-Jährige an diesem Vorgang hat, ist offenkundig: Ein Müller, Özil oder Draxler in Topform können schließlich für nahezu jede Mannschaft der Welt eine enorme Bereicherung sein.

Und sollte das mit der gesteigerten Form in den beiden Qualifikationsspielen nicht funktionieren, hat der Weltmeister etliche hungrige Akteure in der Hinterhand, die in die Bresche springen können, wie der Sommer mit Confed-Cup-Sieg und U21-EM-Titel eindrucksvoll bewiesen hat. Löw ist nunmehr vor allem einmal mehr als "Chemiker" gefragt - die richtige Mischung muss gefunden werden.

Stand: 01.09.2017, 10:42

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