Spanien kämpft gegen Barca-Syndrom

David Silva (Mitte) im Clinch mit Gegnern aus Finnland

Richtungsweisendes Duell gegen Frankreich

Spanien kämpft gegen Barca-Syndrom

Ungeachtet des drohenden Scheiterns in der WM-Qualifikation setzt Spanien auf Systemtreue und beschwört vor dem richtungsweisenden Spiel gegen Frankreich am Dienstagabend (26.03.13) die eigenen Stärken.

Die FIFA-Weltrangliste ist ja eine Wissenschaft für sich. Dabei ist es noch abschließend zu klären, ob sie der höheren Mathematik gehorcht - oder doch nur einer spontanen Laune von Sepp Blatter. Die Gruppenaufteilung für die WM-Qualifikation könnte man zumindest so auslegen, als hätte der allmächtige FIFA-Boss seinem Lieblingsfeind Michel Platini, Blatters Rivale im Kampf um den Thron im Weltfußball, eins auswischen wollen. Bei der Auslosung im Juli 2011 in Rio wurden Platinis Franzosen nicht bei den gesetzten Teams einsortiert - und landeten wie durch einen bösen Zufall in einer Gruppe mit Welt- und Europameister Spanien.  

WM-Turnier ohne Titelverteidiger?

Blatters Volte, wenn sie denn eine war, könnte nun aber nach hinten losgehen. Denn während Frankreich die Qualifikationsgruppe souverän anführt, schwächeln die Seriensieger aus Spanien. Bei einer Niederlage im Topspiel am Dienstagabend im Stade de France würde Spaniens Rückstand auf fünf Punkte anwachsen - und die direkte Qualifikation für die WM zugleich in weite Ferne rücken. Dem Weltmeister bliebe dann nur der Umweg als einer der acht besten Gruppenzweiten über die Playoffs, gegen mögliche Hochkaräter wie Portugal, Russland oder England. Erstmals könnte ein amtierender Weltmeister in der Qualifikation scheitern. Eine WM ohne Stars und Werbeträger wie Xavi, Iker Casillas oder Gerard Pique - dies wäre mit Sicherheit auch nicht im Sinne des FIFA-Präsidenten.

Ballkontrolleure mit Systemausfällen

In Spanien vertraut man zunächst weiter auf die eigene Stärke und den langen Atem, der dem Team in der jüngeren Vergangenheit am Ende immer den Erfolg zurückgebracht hat. Spanien ist in Pflichtspielen weiterhin seit 24 Spielen ungeschlagen, in der WM-Qualifikation sogar seit 49 Spielen - daran änderte auch die gefühlte Niederlage am Samstagabend beim 1:1 gegen Finnland nichts. "Wir haben das Spiel kontrolliert und waren gut organisiert. Das Unentschieden ist eigentlich unerklärlich", klagte Coach Vicente del Bosque nach dem Spiel in Gijon.

Doch das ernüchternde Resultat legte auch einmal mehr die Schwächen von Spaniens Ballkontrolleuren offen: Deren Spiel kreiselt immer häufiger ziellos vor sich hin, ohne dabei echte Torgefahr zu entfalten. Barcelonas Mittelfeldstrategen um Xavi und Sergi Busquets haben das Barca-System auch in der Nationalelf implementiert - inklusive der Probleme, die zuletzt auch das Spiel der Katalanen heimsuchten: Fehlende Durchschlagskraft bis hin zu kompletten Systemausfällen, vor allem gegen stark defensiv eingestellte Teams. In der Torschuss-Statistik der UEFA liegt der Welt- und Europameister derzeit nur auf Platz 17, trotz beeindruckender Ballbesitzquoten von häufig mehr als 70 Prozent. Gegen Finnland hatten Xavi und Co. sogar über 78 Prozent des Spiels den Ball in den eigenen Reihen. Dennoch reichte den Finnen ein Konter, um aus Gijon einen Punkt zu entführen.

Zweifel in den Medien

In den spanischen Medien wachsen die Zweifel am "obsessiven Ballbesitz" (Marca). In den letzten sieben Partien, bei denen "La Roja" eine Ballbesitzquote von mehr als 75 Prozent hatte, gelang nur ein Sieg mit mehr als einem Tor Unterschied, hat die Sportzeitung ermittelt und stöhnt: "Es ist schon fast zur Gewohnheit zur geworden. Spanien hat am meisten zu kämpfen, je mehr sie den Ball haben."

Vor dem richtungsweisenden Duell in Frankreich, wo in den vergangenen 45 Jahren nur ein einziger Sieg in einem Freundschaftsspiel gelang, ist die Stimmung angespannt. "Sobald wir nicht gewinnen, scheint es, als würden wir untergehen", klagte Gerard Pique und stellte klar: "Das ist kein Spiel auf Leben und Tod." Die Nervosität im Land des Welt- und Europmeisters ist dennoch größer als vor dem EM-Viertelfinale im vergangenen Jahr, als die Spanier nach mäßiger Vorrunde ebenfalls von Selbstzweifeln geplagt gegen Frankreich antreten mussten. Der 2:0-Erfolg wirkte seinerzeit wie ein Befreiungsschlag, im Anschluss stürmten die Iberer zum nächsten Titel.

Del Bosque setzt auf Altbewährtes

Auch vor der Neuauflage in Saint-Denis hat del Bosque seine Spieler an ihre Qualitäten erinnert: "Es sind noch vier Partien. Wir halten unser Schicksal weiter in den eigenen Händen", sagte Spaniens Coach und deutete mögliche Umstellungen in der Startelf an. Als wahrscheinlich gilt, dass anders als noch gegen Finnland Xavi und Xabi Alonso gemeinsam für Stabilität im Mittelfeld sorgen werden. Im Angriff ruhen die Hoffnungen wieder auf David Villa (52 Tore in 86 Länderspielen) vom FC Barcelona. Mit einem Sieg im Stade de France würden die Spanier die Equipe Tricolore als Tabellenführer ablösen und wären ihrerseits wieder auf dem direkten Kurs in Richtung Brasilien und Titelverteidigung. "Es gibt keinen Grund am Nationalteam zu zweifeln", meinte Arsenals Santi Cazorla nach der Ankunft in Paris. "Wir sind weiter hungrig nach Titeln."

mixa/sid | Stand: 25.03.2013, 17:14