Wir sind WM - der Triumph einer Mannschaft

Bastian Schweinsteiger und Jérôme Boateng jubeln

Schweinsteiger und Boateng überragen im Finale

Wir sind WM - der Triumph einer Mannschaft

Von Marcus Bark

Einmal der, dann wieder der: Deutschland wird Weltmeister, weil es statt eines Superstars  die beste Mannschaft stellt. Immer wieder ragen andere heraus, im Endspiel gegen Argentinien sind es Bastian Schweinsteiger und Jérôme Boateng.

Sportlich locker, aber dennoch elegant, zur hellen Hose ein schwarzes Hemd – Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war als einer der ersten bereit für die große Sause. Es sei viel Arbeit gewesen auf dem Weg zum vierten Titelgewinn einer deutschen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft, auch für die medizinische Abteilung, sagte der Mannschaftsarzt. Manchmal wurde der Kampf gegen die Uhr verloren, wie bei Sami Khedira, der wegen seiner Wadenprobleme, die einen Tag vor dem Finale aufgetreten waren, passen musste.

Bastian Schweinsteiger gehörte wie Manuel Neuer und Philipp Lahm zu den drei VIP-Patienten, für die im Trainingslager von Südtirol täglich ein Bulletin abgefragt worden war. Die Reizung einer Patellasehne war so schlimm, dass Schweinsteiger zu Beginn des Turniers zunächst auf der Bank saß. "Das war genau richtig", sagte stellvertretende Kapitän, der sich allmählich steigerte und seine beste Leistung im Finale brachte. Eine Platzwunde unter dem Auge hätte beinahe dazu geführt, dass er beim Schlusspfiff von außen auf das Spielfeld hätte rennen müssen. Kevin Großkreutz stand schon bereit, zog letztlich aber wieder von der Seitenlinie ab. "Hier wollte ich mit aller Gewalt so weit wie möglich kommen", sagte Schweinsteiger, der bald 30 Jahre alt wird, nach dem Triumph im Estádio do Maracanã.

Viele ragten heraus

Bastian Schweinsteiger blutet

Gezeichnet vom Finale: Bastian Schweinsteiger

Es war ein Titel für die spielerische und fußballtaktische Klasse der Nationalmannschaft, aber auch des Willens einer Einheit, die anders als 2012 bei der Europameisterschaft auf Eifersüchteleien wegen verschiedener Vereinstrikots verzichtete. Der Star ist die Mannschaft - diese Formel war von Bundestrainer Berti Vogts 1996 verbreitet worden, als mit der Europameisterschaft das zuvor letzte große Turnier gewonnen worden war. Für die Sieger von Brasilien trifft es die Formel in besonderem Maß. Immer wieder ragte in einem der sieben Spiele jemand anderes heraus, ein Superstar fand sich aber nicht. Thomas Müller schoss drei Tore zum Auftakt gegen Portugal, Manuel Neuer rettete den holprigen Erfolg gegen Algerien als Libero, Mats Hummels köpfte das Tor gegen Frankreich im Viertelfinale und überzeugte als Innenverteidiger, Toni Kroos brillierte im Halbfinale gegen Brasilien. Im letzten Spiel war Schweinsteiger an der Reihe. Er rannte in den mehr als 120 Minuten fast 15,4 Kilometer. Das war der Bestwert in einer deutschen Mannschaft, die neun Kilometer mehr abspulte als ihr Gegner. "Ich habe den Spielern vor dem Anpfiff klar gemacht, dass sie so viel geben müssen wie noch nie in ihrem Leben. Das haben sie dann auch getan", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Boateng - "the new Berlin wall"

Jérôme Boateng (r.) und Lionel Messi

Jérôme Boateng (r.) stoppt Lionel Messi

Herausragend wie Schweinsteiger war sein Münchner Vereinskollege Jérôme Boateng. Er rettete auf der Linie, lief die schnellen argentinischen Offensivspieler ab und trennte sie mit einem langen Schritt in höchster Not vom Ball. "The new Berlin wall", schrieb jemand voller Ehrfurcht im Kurznachrichtendienst Twitter über den in Berlin geborenen Boateng. "Die neuer Mauer" gewann 83 Prozent seiner Zweikämpfe und war damit deutlich besser als der andere Innenverteidiger Mats Hummels (64). Die britische Zeitung The Telegraph schrieb: "Argentinien hat hart gekämpft, aber sich insbesondere an Boateng und dem blutenden Schweinsteiger die Zähne ausgebissen."

Boateng war gewiss auch ein Kandidat für den Spieler des Spiels, doch die Jury entschied sich für den Torschützen Mario Götze. So wurde die Weltpresse um einen Jérôme Boateng gebracht, der nach einem gewonnenen Finale der Weltmeisterschaft so zurückhaltend, freundlich und steif Interviews gab, wie sie aus der Bundesliga bekannt sind. In der Wortwahl war er für seine Verhältnisse gerade euphorisch: "Ich bin körperlich müde, aber innerlich überglücklich, dass wir es geschafft haben. Das Spiel war auch auf dem Platz aufregend, superintensiv." An normalen Tagen wäre er besser zu Dr. Müller-Wohlfahrt gegangen. Aber die Behandlung in der Nacht nach dem Endspiel von Rio bestand in einer Party, die vermutlich auch das Adjektiv "superintensiv" verdient hat.

Stand: 14.07.2014, 16:14

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