Titel-Analyse - Trainer, Taktik, Teamgeist

Mario Götze (li.) und Joachim Löw

Darum ist Deutschland zum vierten Mal Weltmeister

Titel-Analyse - Trainer, Taktik, Teamgeist

Von Christian Hornung

Dass Deutschland den vierten Stern auf dem Trikot tragen darf, hat Gründe. Trainer, Taktik und Teamgeist sind die prägendsten - eine Analyse.

Das Turnier begann wie gemalt. Mit Portugal traf die DFB-Elf im ersten Gruppenspiel auf einen Gegner, der mitspielen wollte, der dadurch Räume öffnete - und der sich durch die Undiszipliniertheit von Pepe gegen Thomas Müller selbst dezimierte. Doch so einfach, wie dieses 4:0 gegen Portugal suggerierte, wurde es nicht. Natürlich nicht. Es wurde mühsam gegen Ghana, gegen die USA, dann im Achtelfinale gegen Algerien. Und es kam Kritik auf.

Joachim Löw sei zu stur, er halte starrköpfig an seiner Taktik fest mit den vier Innenverteidigern in seiner Viererkette, mit Philipp Lahm im defensiven Mittelfeld. Es lässt sich letztlich nicht ganz aufklären, ob der Bundestrainer auch ohne die Verletzung von Shkodran Mustafi umgedacht hätte, den er völlig überraschend für alle Außenstehenden als Rechtsverteidiger neu erfunden hatte. Fakt ist: Er hat es getan. Löw hat sich doch bewegt, obwohl ihn manche Medien schon mit den berühmesten Dickköpfen der Welt wie Galileo Galilei verglichen hatten.

Außenverteidiger sind keine Flügelstürmer

Löw behielt zwar seine Taktik bei, in der die Außenverteidiger angesichts des heiß-feuchten Klimas eben nicht die hängenden Flügelstürmer mimen sollten. Aber erst mit dem gemeinsamen Wirken von Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira im Mittelfeld bekam das deutsche Spiel weltmeisterliches Niveau. Dass sich Schweinsteiger so sehr in den Dienst der Mannschaft stellte, dass er im Finale alle Fouls wegsteckte, damit seine Kollegen glänzen konnten - auch das war ein ausschlaggebender Grund für die Krönung in Rio.

Doch nicht nur Schweinsteigers Einstellung war sinnbildlich für den überragenden Teamgeist dieses 23 Mann starken Kaders. Dass Mario Götze bei der Siegerehrung ein Trikot des verletzten Marco Reus hochhielt, dass zuvor an der Seitenlinie auch alle Ersatzspieler mitfieberten, anfeuerten und der Elf auf dem Platz Energie gaben - auch das gab den Ausschlag. Lukas Podolski hatte sich von diesem Turnier sicher mehr Einsatzzeit erhofft - doch er blieb immer positiv. Per Mertesacker spielte stark, flog dennoch aus der Mannschaft - und reichte mit der gleichen Hingabe fortan den Kollegen die Wasserflaschen. Auch Miroslav Klose, der mit nun 16 WM-Toren die historische Bestmarke von Ronaldo knackte, nahm jede Rolle an, die ihm Löw gerade zuteilte.

Bei Standards umgedacht

Dass der Bundestrainer diesen Titel feiern konnte, verdankt er aber auch der Tatsache, dass er in einem anderen Punkt eben nicht beratungsresistent war. Als bekennender Verachter von Standards ließ er sich von Co-Trainer Hansi Flick und seinen Spielern umstimmen, trainierte plötzlich intensiv Ecken und Freistöße - und wurde durch die Tore von Mats Hummels oder Thomas Müller belohnt.

Dass am Ende im Finale zwei Einwechselspieler die Partie entschieden, Vorbereiter André Schürrle und Vollstrecker Mario Götze, war kein Zufall. Wenn sich die Kräfte der Gegner dem Ende zuneigten, sie vielleicht schon das Elfmeterschießen herbeisehnten - dann konnte Deutschland eben nochmal reagieren. Schürrle hätten sich vermutlich viele Fans anstelle des schwächelnden Mesut Özil in der Startelf gewünscht. Doch gerade bei diesem Turnier mit den meisten Jokertoren der WM-Geschichte war es eben besonders wichtig, noch einmal extrem wirkungsvoll einwechseln zu können. Trainer, Taktik, Teamgeist - diese Gründe haben Deutschland den Weg zum vierten WM-Stern bereitet. Und noch ein "T" spielte natürlich eine Riesenrolle: In Manuel Neuer hatte das DFB-Team auch den besten Torwart des Turniers - vielleicht sogar den Besten der WM-Geschichte.

Stand: 14.07.2014, 02:08

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