Levin Öztunali - das unerfüllte Versprechen

Levin Öztunali

DFB-Pokal

Levin Öztunali - das unerfüllte Versprechen

Von Frank Hellmann

Der hoch talentierte Levin Öztunali hat in Bremen noch immer nicht die Kurve bekommen. Nun tritt er mit dem SV Werder im Pokalviertelfinale bei Bayer Leverkusen an - jenem Klub, der Öztunali noch bis Sommer verliehen hat.

Es gibt Themen, über die Levin Öztunali wenig oder am liebsten gar nicht redet. Nur weil seine Mutter Frauke Seeler die Tochter des berühmten HSV-Idols Uwe Seeler ist, muss man den in Norderstedt aufgewachsenen Fußballers nicht immer darauf ansprechen. Und über seine Vergangenheit beim Hamburger SV möchte er auch nicht reden. Doch diese Fragen sind ja eigentlich unausweichlich, wenn einer für den SV Werder aufläuft. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht zu erklären, warum kaum ein Akteur selten in den obligatorischen Medien- und Gesprächsrunden auftaucht, als der 19-Jährige Offensivmann.

Ihn als zurückhaltend zu beschreiben, ist beinahe noch untertrieben. Längere Interviews lehnte er seit seiner Ausleihe nach Bremen im Winter 2014/2015 zwar nicht grundsätzlich ab, aber sie sind nicht sein Ding. "Ich brauche auch mal meine Ruhe", schrieb etwa der "Weser Kurier"“ über den Dialog aus dem Mai vergangenen Jahres, als Öztunali verriet, dass er eigene Wohnung in Nähe des Weserstadions habe und die Flutlichter sehen könne. "Die kurzen Wege finde ich ganz gut. Auch dass man nach dem Spiel den Abend für sich hat."

Der HSV war damals sauer

Doch dummerweise bringt der Beruf des Fußballprofis eine größere Öffentlichkeit mit sich, der sich niemand der Protagonisten entziehen kann. Gerade Öztunali steht nun unweigerlich im Blickpunkt, wenn der SV Werder, der ihn noch bis Sommer ausgeliehen hat, am Dienstag (09.02.2016, 19 Uhr) im DFB-Pokalviertelfinale bei Bayer Leverkusen antritt. Denn die Werkself hat ihn vertraglich bis immerhin 2018 gebunden, nachdem sein Wechsel im Sommer 2013 mit einigen Störgeräuschen verbunden worden war.

Angeblich hatte der HSV seinem Eigengewächs einen Vertrag mit 500.000 Euro Jahresgehalt angeboten, doch Vater und Sohn entschieden sich, die Offerte aus Leverkusen vorzuziehen. Es gab eine Menge unschöner Schlagzeilen, die letztlich vor allem den jungen Spieler belasteten, der zu diesem Zeitpunkt als eines der hoffnungsvollsten Talente des deutschen Fußballs galt. Und siehe da: Öztunali war Stammspieler und Leistungsträger der deutschen U 19-Nationalmannschaft, die am 31. Juli 2014 in Budapest gegen Portugal mit 1:0 gewann und den EM-Titel holte.

Kein Tor, nur eine Torvorlage

Aber was ist seitdem passiert? Noch immer ist Öztunali keiner, der beim Abstiegskandidaten Werder vorangehen kann. Er saß viel häufiger auf der Bank, als ihm das lieb sein konnte. Diese Saison hat er wieder nur drei Spiele über 90 Minuten gemacht, insgesamt stand er bei 13 Einsätzen nur 734 Minuten auf dem Feld. Tore? Null. Torvorlagen? Eine. Das geht gewiss besser. Das gilt auch für seine Passquote (66 Prozent) und Zweikampfwerte (39 Prozent).

Denn seine geschmeidigen Bewegungen, feinen Finten und schnelle Drehungen helfen wenig, wenn er danach den Ball verliert. Den letzten körperliche Widerstand zu leisten - gerade da muss das Talent noch lernen. Dabei hätte er gute Voraussetzungen. "Er ist stark im Eins-gegen-Eins, und er hat einen sehr guten Schuss mit beiden Füßen", lobt Bremens Sportdirektor Rouven Schröder. Die Nummer elf muss in der Rückschau auf seine Bremer Zeit bislang eher als Mitläufer denn als Leistungsträger kategorisiert werden, obwohl ihn auch Trainer Viktor Skripnik und Geschäftsführer Thomas Eichin unterstützen, wo es nur geht.

Bestes Spiel im DFB-Pokal

Oder ist die Position das Problem? Derzeit stößt Öztunali vorwiegend über den Flügel nach vorne, hier kann er seinen Trickreichtum und seine Schnelligkeit ausspielen. Sein bestes Spiel im grün-weißen Dress hat er gemacht, als sich die Bremer im Pokal-Achtelfinale bei Borussia Mönchengladbach auf einen offenen Schlagabtausch einließen und 4:3 gewann. Immer wieder rissen seine Vorstöße Lücken in die Gladbacher Deckung. Doch am vergangenen Freitag, als die Norddeutschen chancenlos mit 1:5 untergingen, war auch Öztunali wieder überfordert. Klar, er holte dem Elfmeter zum 1:3-Anschlusstreffer heraus und legte danach einen gefährlichen Drehschuss hin, aber unter dem Strich war das auch von ihm zu wenig.

Öztunali ist eines dieser Talente, von denen manch einer vorgeschwärmt hat, als reife hier wie selbstverständlich der nächste Nationalspieler heran. Und doch hat es die gesamte Generation der U19-Europameister von 2014 nicht so einfach. Uneingeschränkter Stammspieler ist eigentlich nur Marc Stendera bei Eintracht Frankfurt. Selbst der wohl fußballerisch Beste, der in Bremen geborene Julian Brandt, pendelt in Leverkusen zwischen Ersatzbank und Startelf hin und her, aber bei Brandt bestehen am weiteren Werdegang unter dem Bayer-Kreuz viel weniger Zweifel als bei Öztunali.

Leverkusen wartet noch ab

So hat Leverkusen als sein Besitzer auch längst noch nicht entschieden, was am Saisonende wird. Grundsätzlich wolle man ihn zurückholen, aber das letzte Wort über die Zukunft sei noch nicht gesprochen, ließ Sportdirektor Rudi Völler zuletzt verlauten. Ähnlich äußerte sich Mete Öztunali, als der Vater im Trainingslager in Belek bei der Bremer Delegation vorbeischaute. "Levins Weg ist ja erstmal vorgezeichnet. Wir müssen abwarten, es ist ja noch viel Zeit", sagte er damals.

Doch so viel Zeit ist auch nicht mehr. Denn Werder wird eine mögliche Verlängerung des Leihgeschäfts oder einen Kauf davon abhängig machen, was Levin Öztunali die nächste Wochen auf dem Platz anbietet. Das Pokalspiel in der BayArena wäre ein gutes Zeichen, es neben dem ehemaligen und aktuellen Verein auch einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Enkel von Uwe Seeler dauerhaft mehr gibt als nur ein großes Versprechen.

Stand: 08.02.2016, 13:00

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