Bayerns Auferstehung unter Altmeister Heynckes

Hat alles im Blick: Jupp Heynckes

FC Bayern

Bayerns Auferstehung unter Altmeister Heynckes

Von Frank Hellmann

Jupp Heynckes hat dem FC Bayern im Handumdrehen das alte Selbstverständnis vermittelt. In allen drei Wettbewerben haben die Münchner auf einmal wieder prächtige Perspektiven. Der 72-Jährige hält auch der neuen Trainer-Generation den Spiegel vor.

Was Jupp Heynckes in den zurückliegenden Wochen beim FC Bayern geleistet hat, sei nur ein "Freundschaftsdienst". Jedenfalls sieht es der Anfang Oktober so abrupt aus dem Ruhestand ins Rampenlicht zurückgeholte Fußballlehrer so: Bei der Weihnachtsfeier des FC-Bayern-Fanclubs "Rollwagerl 93 e.V." hatte Heynckes Anfang des Monats ausgeplaudert, dass er rund um die Uhr so mit seiner Mission beschäftigt sei, dass er nicht mal einen Vertrag hätte unterschreiben können. Aus Zeitmangel.

Den Fokus voll darauf zu legen, müden Münchner Stars wieder Beine zu machen, war nicht so verkehrt. Zweieinhalb Monate haben dem Altmeister bei seiner insgesamt bereits vierten Anstellung an der Säbener Straße genügt, dem Renommierverein das alte Selbstverständnis zurückzugeben. Der 2:1-Sieg im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund untermauerte nur den bisherigen Eindruck: Der Branchenführer hat sich zurückgemeldet. In allen drei Wettbewerben. Dank des Rückkehrers auf der Trainerbank.

Seinen Anteil redet der Trainer klein

"Die Mannschaft hat in den letzten Wochen seit dem 7. Oktober Großartiges geleistet", hob Heynckes hervor. Seinen Anteil redete der gebürtige Mönchengladbacher wie gewohnt klein. "Wir müssen uns noch weiter steigern", forderte der 72-Jährige noch zu nächtlicher Stunde. Doch der Titelhunger bei den Protagonisten ist längst zurück. In der Bundesliga scheint schon mal niemand mehr in Sicht, der die nächste Meisterschaft verhindert.

Angetreten mit fünf Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund sind es nun fast unfassbare 13 Zähler Vorsprung auf den Klub, der wirtschaftlich dem Primus am nächsten kommt. Und immerhin noch elf Punkte auf den zweitplatzierten FC Schalke 04. Der inoffizielle Titel der Herbstmeisterschaft war verfrüht am 15. Spieltag nach einem Arbeitssieg bei Eintracht Frankfurt unter Dach und Fach. Wenige Stunden vor der ohnehin angesetzten Weihnachtsfeier in edler Lokalität.

Wichtigtuerei hat er nicht nötig

Was Heynckes auch tut, es ist das Richtige. In der Champions League gaben sich die Bayern gar keine Blöße, holten Sieg um Sieg und vor allem gewannen sie das prestigeträchtige Rückspiel gegen Paris St. Germain.

Zum Gruppensieg langte es zwar nicht, aber hätte die Auslosung zum Achtelfinale vor anderthalb Wochen besser laufen können? Der FC Ruhmreich München spielt gegen Besiktas Istanbul, PSG Neureich gegen Real Madrid. So als hätte der Fußballgott da mitgemischt. Oder wollte er nur Heynckes Gutes tun?

Heynckes genießt weltweit hohes Ansehen. Als Grandseigneur, der Wichtigtuerei nicht nötig hat. Als Fachmann, der Elementares vermittelt. Als Fußballlehrer, der für Grundtugenden wie Respekt, Disziplin und Ordnung steht. Notfalls mit fast schon preußischen Lehrmethoden.

Aber sind klare Leitplanken nicht auch das, was die Ich-AGs in kurzen Hosen benötigen? Zumal sich die Regeln des guten Miteinanders ziemlich rasch aufs Binnenklima auswirken - und dass sich dieses in Windeseile mit Heynckes wieder verbessert hat, ist verbürgt. Da spricht ein Trainer auch noch im Rentenalter die Sprache der Spieler.

Ribéry gibt sich versöhnlich

Carlo Ancelotti war eben auch an seinen Sprachproblemen gescheitert. Anders als Ancelotti trifft Heynckes mit den Führungskräften den richtigen Ton. Wo sich der mitunter eigenwillige Franck Ribéry nach einer Auswechslung im Champions-League-Spiel gegen RSC Anderlecht beleidigt auf die Bank trollte und sein Trikot auf die Bank pfefferte, verhielt sich der Franzose bei seiner Herausnahme am Mittwochabend gegen den BVB ganz anders.

Erst grummelte der 34-Jährige, dann trösteten ihn die Kollegen – schließlich begegneten sich Ribéry und Heynckes an der Linie fast herzlich. Eine versöhnliche Szene mit Symbolcharakter.

Spiegel für die jüngere Generation

Nach der Ehrenrunde der Bayern-Stars, untermalt von Weihnachtsliedern, konstatierte der aktuelle Kapitän Thomas Müller zufrieden: "Ich glaube, die letzten Wochen haben wir die Stimmung nochmal ein bisschen nach oben getrieben." Ursächlicher Stimmungsaufheller war dabei der Trainerwechsel.

Mit seinem Führungsstil hält der frühere Torjäger, der in seinen Anfangszeiten als Bundesliga-Trainer oft verbissen, ja mitunter starrsinnig wirkte, auch der jüngeren Generation den Spiegel vor. Ganz so verzichtbar sind die Routiniers an der Linie vielleicht doch nicht, speziell für die hochkomplexen Gebilde in Spitzenmannschaften. Peter Bosz hat das beispielsweise in Dortmund schmerzhaft erfahren.

Winterpause bis 2. Januar

Wer Heynckes kennt, wird wissen: Die bisher erreichten Zwischenziele verschaffen ihm noch keine Befriedigung. Das Frühjahr wird die entscheidende Phase, wenn vor allem in der Champions League die Herausforderungen schwieriger werden. National haben die Bayern scheinbar kaum noch echte Widersacher: In der Liga nicht, und im Pokal haben sie mit Leipzig und Dortmund zwei der härtesten Konkurrenten bereits aus dem Weg geräumt.

Deswegen darf die Winterpause jetzt auch bis zum 2. Januar gehen. Dann fliegen die Münchner für ein kurzes Trainingslager nach Katar, um sich auf die Terminhatz im neuen Jahr vorzubereiten. Der erste Lackmustest steigt dann bereits am 12. Januar zur Rückrunden-Eröffnung bei Bayer Leverkusen. Übrigens noch so ein Verein, der über Jupp Heynckes bis heute nur Gutes erzählt.

mit dpa | Stand: 21.12.2017, 09:32

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