Gestillte Frankfurter Sehnsucht

Niko Kovac

DFB-Pokalendspiel

Gestillte Frankfurter Sehnsucht

Von Frank Hellmann (Frankfurt)

Ein DFB-Pokalfinale ist für einen Mittelklasseklub wie Eintracht Frankfurt ein Ausnahmeereignis - und entsprechend groß der Hype, der sich um das Endspiel gegen Borussia Dortmund spannt. Vermutlich sind 35.000 Anhänger am Wochenende in der Hauptstadt.

Für einen Verein wie Eintracht Frankfurt muss das wohl so sein: Für das DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund (Samstag 20 Uhr/live ARD) werden die Hessen  ein eigens entworfenes Finaltrikot tragen, das "einhundert Prozent schwarz-weiß" ist und "die Jahre der Pokalsiege verewigt" hat, wie es in einer extra Pressemitteilung hieß.

Dem Vernehmen nach findet das Textil reißenden Absatz. Was nicht weiter verwundert, denn die Berlin-Reise, die der Finalgegner seit vier Jahren gepachtet hat, ist in Frankfurt ein Ausnahmeereignis - und führt daher fast zum Ausnahmezustand. "Vereine wie wir sind alle zehn, 15 oder 20 Jahre dabei, das ist ja kein alltägliches Ereignis", erklärt Sportvorstand Fredi Bobic.

Sogar Lajos Detari ist in Berlin dabei

Zum ersten Male seit 2006 (0:1 gegen den FC Bayern) steht die Eintracht wieder im Pokalendspiel, der letzte Pokalsieg datiert auch dem Jahre 1988 (1:0 gegen den VfL Bochum). Der Siegtorschütze von damals, der Ungar Lajos Detari, ist diesmal wieder im Berlin dabei und tritt im Bühnenprogramm am Alexanderplatz am Spieltag auf.

Kein Geschäftsstellenmitarbeiter, der nicht mit Kartenanfragen geflutet wurde. Selbst Bobic konnte unmöglich alle Wünsche bedienen. "Gefühlt wollte die halbe Stadt nach Berlin", sagt Marketing-Vorstand Axel Hellmann im Gespräch mit sportschau.de, "wir hätten locker 70.000 oder 80.000 Tickets verkaufen können."

Bis zu 35.000 Anhänger in Berlin

Offiziell stehen der Eintracht 21.000 der exakt 76.233 Finalkarten zu. Hellmann rechnet damit, dass im Olympiastadion  mindestens 25.000, vielleicht auch 28.000 Frankfurter sein werden, "auf dem Graumarkt werden unglaubliche Preise gezahlt." Übrigens auch für Hotelzimmer, die wegen des Kirchentages und des Obama-Besuchs äußerst knapp sind.

Der Verein schätzt, dass sich trotzdem bis zu 35.000 Eintracht-Anhänger am Wochenende in der Hauptstadt aufhalten werden, von denen die meisten vorher zum Fantreff am Alexanderplatz strömen werden. In der Mainmetropole wird übrigens ein Public Viewing in der Arena bei einem Eintrittspreis von acht Euro veranstaltet.

Zugewinn von acht Millionen Euro

Aus sportlicher und wirtschaftlicher Sicht gibt allein die Finalteilnahme einen immensen Schub. Der in Berlin geborene Trainer Niko Kovac wirkt elektrisiert von der Aussicht, in seiner "Mutterstadt", wie er sagt, dabei zu sein. "Das ist für jeden ein besonderes Erlebnis." Er war mit seinem Ehrgeiz einer der Wegweiser dafür, dass nun eine Sehnsucht gestillt wird.

Auf der Gewinnerseite steht der Klub in finanzieller Hinsicht so oder so. Auf rund acht Millionen Euro beziffert Hellmann die Mehreinnahmen durch den Pokal, "das ist nicht kalkuliertes Geld, dass einem geordneten Mittelstandsverein das Risiko abfedert, das durch die Fernsehgeldtabelle besteht." Das Endspiel habe eine Planungsgrundlage geliefert.

Slogan lautet "Adler im Anflug"

Der Jurist betont aber auch: "Wichtiger als alle Nettozahlen ist der enorme Imagegewinn. Dieses Spiel garantiert, dass wir uns einer gewissen Tristesse aus der Rückrunde entziehen." So hat die Vorfreude auf dieses Highlight eine ernüchternde zweite Halbserie -  Letzter der Rückrundentabelle - übertüncht.

"Adler im Anflug" stand auf den T-Shirts, die Elfmetertöter Lukas Hradecky und Kollegen überzogen, als das Halbfinal-Elfmeterdrama im Borussia-Park gegen Mönchengladbach überstanden war. Unter dem Hashtag "#AdlerimAnflug" sind alle Aktivitäten gebündelt worden; sogar der Verkauf eines zusätzlichen VIP-Kartenkontingents.

Körbel und Co. sind lebende Legenden

Historie

Das erste Mal: Ersatztorwart Günther Wienhold, Jürgen Grabowski und Karl Heinz Körbel feiern den Eintracht-Pokalsieg 1974

Mit der Eintracht tritt eine stolze Adresse des deutschen Fußballs in der Hauptstadt auf; einmal deutscher Meister (1959), viermal Pokalsieger (1974, 1975, 1981, 1988) und einmal UEFA-Pokalsieger (1980). Identifikationsfiguren wie Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski oder der Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz Körbel, der 1974 beim ersten Pokalsieg mitmachte, haben fast ihr ganzes (Fußballer-)Leben bei den Hessen zugebracht.

Körbel vermittelt über die Eintracht Fußballschule dem Nachwuchs immer noch Werte fürs Leben. Und als die Bewohner Frankfurts kürzlich darüber abstimmen durften, welches Gehirn denn für das Senckenberg-Museum gescannt und überdimensional als begehbares Modell ausgestellt werden solle - das von Körbel oder von Albert Einstein - fiel die Wahl auf die 62 Jahre alte Kicker-Legende, die denn auch bereitwillig die MRT-Aufnahme über sich ergehen ließ.

Die Eintracht ist Thema – zumindest in den Apfelweinkneipen

Sicherlich: Schalke für Gelsenkirchen oder auch Werder für Bremen sind als Identitätsstifter ihrer mit vielen Problemen belasteten Städte wichtiger als die Eintracht für Frankfurt, wo aufgrund der immensen Wirtschaftskraft, der hohen Fluktuation seiner Bewohner und dessen multikultureller Zusammensetzung sich keine durchgängige Verwurzelung erreichen lässt.

Doch man muss nur in einschlägigen Apfelweinkneipen in Sachsenhauen den Tischgesprächen lauschen: Die Adlerträger sind oft genug Thema. Ist Frankfurt nicht ohnehin Deutschlands heimliche Fußball-Hauptstadt? Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) residiert seit gefühlter Ewigkeit am Ende einer schmalen Stichstraße mitten im Frankfurter Stadtwald, der Otto-Fleck-Schneise.

Die neue Zentrale, eingebettet in eine mehr als 100 Millionen Euro teure Akademie soll nicht weit entfernt im Stadtteil Niederrad auf der Galopprennbahn entstehen. Und auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat sich in der Mainmetropole mit ihrer günstigen Verkehrsanbindung niedergelassen: in einer gläsernen Zentrale im Westend mitten im Bankenviertel.

Es braucht mehr Kapital

Vielleicht ist es das, was dem Klub noch fehlt, über den Status des „gehobenen Ausbildungsvereins“ (Bobic) hinauszuwachsen: Die Entscheider in den hohen Türmen zu überzeugen, dass es sich die Eintracht zu investieren lohnt, die das Image der launischen Diva in der Amtszeit unter Heribert Bruchhagen zwar früh abgestreift hatte, aber den nächsten Schritt nicht machen konnte. Nun wird die Deutsche Börse zur neuen Saison das Trikotärmel-Sponsoring übernehmen.

"Wir brauchen mehr Kapital", sagt Bobic, wohl wissend, dass der Klub auch einen Gegenwert bieten muss. Wie Finalgegner Borussia Dortmund als Big Player, dessen internationale Strahlkraft die Hessen gerne hätten. Die Eintracht sieht das Pokalfinale nun als Wachstumsbeschleuniger an. "Es  profitieren alle kommerziellen Bereiche", erklärt Hellmann, der mit Bobic die Weiterentwicklung auf vielen Ebenen vorantreibt.

Im Zuge der Bewerbung als Spielort der EM 2024 soll die im städtischen Besitz befindliche Arena noch einmal ausgebaut und eine Stehtribüne nach Dortmunder Vorbild entstehen, eine eigene Geschäftsstelle gebaut und die Internationalisierung vorangetrieben werden, wofür im Sommer auch eine USA-Reise des Bundesligisten dient. Weiteres Zeichen der Wertschätzung: Die Stadt Frankfurt lädt auf jeden Fall am Sonntag zu einem Empfang im Römer.

Tankard darf den Frankfurt-Fans einheizen

"Wir können mit diesem Finale uns selbst, aber auch die Stadt präsentieren", sagt Bobic, der sich wünscht, "dass sich auch unsere Fans sich von der besten Seite zeigen." Sollte heißen: Auf Ausschreitungen wird bitte verzichtet, schließlich soll die Marke "einen großen Schub" - und nicht die nächsten Kratzer - bekommen. "Der halbe Globus schaut zu", hat der Sportvorstand kürzlich gesagt und dabei gegrinst.

Für gute Stimmung im Olympiastadion soll im Frankfurter Lager die Gruppe Tankard garantieren. Die Frankfurter Trash-Metal-Musiker haben die kultige Hymne "Schwarz-weiß wie Schnee" erfunden, die vor jedem Heimspiel gespielt wird. Nun darf Tankard wie schon beim Pokalfinale 2006 gegen den FC Bayern direkt auf der blauen Laufbahn vor der Ostkurve auftreten. "Ein absolutes Highlight", freut sich Sänger Gerre, der übrigens einen eigenwilligen Tipp für den Showdown gegen den BVB hat: "13:12 nach Elfmeterschießen."

Stand: 26.05.2017, 08:39

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