José Holebas - mit Verzögerung in die Glitzerwelt

José Holebas in der Champions League für Piräus gegen Montpellier

Spieler bei Olympiakos Piräus

José Holebas - mit Verzögerung in die Glitzerwelt

Von Chaled Nahar

José Holebas hatte seine Karriere mit 18 schon beendet – da führte sein Aufstieg aus der Kreisliga bis zur Euro 2012. Heute spielt er in der Champions League gegen Schalke.

2002: Mit 18 Jahren beendet José Holebas seine Karriere als Profifußballer. Seine Freundin erwartet eine Tochter, da bricht Holebas seine Laufbahn als Fußballer genauso ab wie seine Lackiererlehre, um die junge Familie zu versorgen. In seiner Heimat Aschaffenburg verdingt er sich fortan als Lagerarbeiter. Fußball spielt er kurz darauf nur noch beim SV Damm in der Kreisliga. 2012: Mit 28 steht Holebas als linker Verteidiger in der Startelf Griechenlands beim EM-Eröffnungsspiel gegen Polen. Am Mittwoch (21.11.12) spielt er mit Olympiakos Piräus gegen Schalke 04 in der Champions League. Er hat die Glitzerwelt Profifußball doch noch erreicht – mit viel Verzögerung.

Es ist wohl eine der ungewöhnlichsten Karrieren im Profifußball, die Holebas da hingelegt hat. Als seine Mitspieler in den Auswahlmannschaften, wie etwa die heutigen Bundesligaspieler Daniel Baier oder Marcel Schäfer, sich auf ihr Ziel Profifußball konzentrierten, schlug Holebas gerne mal über die Stränge. Auch in den Kneipen und Diskotheken, wie er einst offen zugab. "Ich hatte schlechten Umgang, schlechte Freunde", sagt er im Rückblick. Das sollte sich ändern.

Glück, Zufall und ein wichtiger Onkel

Zurück in die Spur helfen ihm Glück, Zufall und sein Onkel. Denn der drängt den jungen José zum Kreisligisten SV Damm, von wo es weiter zu Viktoria Kahl in die Landesliga Bayern Nord geht. Sein dortiger Trainer ist Antonio Abbruzzese. "Weil er kein Auto und keinen Führerschein hatte, mussten wir einen Fahrdienst organisieren, dass er zum Training kommt. Ich habe die halbe Mannschaft dazu verdonnert, dass sich die Spieler das Abholen aufteilen", erzählt der Trainer bei dfb.de. "Wir haben beispielsweise während des Spiels manchmal auf seine kleine Tochter aufgepasst. In der Halbzeit ist José dann immer erstmal zu seinem Kind und nicht gleich in die Kabine."

José Holebas 2008 im Trikot von 1860 gegen Kölns Mohamad

José Holebas 2008 im Trikot von 1860 gegen Kölns Mohamad

Holebas ist in seiner Zeit bei Viktoria Kahl inzwischen 22 Jahre alt geworden und fällt den Spähern von 1860 München auf. Obwohl er eigentlich längst zu alt ist für die Art von Laufbahn, die Profivereine für ihre jungen Spieler heutzutage vorsehen, verpflichten die Löwen ihn 2006. Holebas setzt alles auf die Karte Profifußball, will seine zweite Chance nutzen. Doch die ersten Jahre bei 1860 sind zäh, er muss oft in der zweiten Mannschaft ran. Marco Kurz nimmt Holebas bei seinem Aufstieg vom Amateur- zum Profitrainer mit in die erste Mannschaft, sein entscheidender Türöffner heißt jedoch Ewald Lienen. "Ihm habe ich viel zu verdanken", sagt Holebas. Lienen zieht ihn aus dem linken offensiven Mittelfeld nach hinten in die Viererkette. Holebas ist ein starker Linksfuß und schnell. Hinzu kommt der weltweite Mangel an Linksverteidigern, der es ihm leichter macht, Begehrlichkeiten zu wecken.

Piräus ist der endgültige Durchbruch

José Holebas bei der Euro 2012 gegen Polens Jakub Blaszczykowski

José Holebas bei der Euro 2012 gegen Polens Jakub Blaszczykowski

Als Ewald Lienen 2010 von 1860 München zu Olympiakos Piräus wechselt, nimmt er Holebas mit nach Griechenland. Für Lienen verunglückt das Engagement, nach nur zwei Monaten wird  er entlassen. Für Holebas jedoch ist es der endgültige Durchbruch. Er wird im ersten Jahr griechischer Meister, wirft in der Champions League Borussia Dortmund aus dem Wettbewerb und debütiert im November 2011 in der griechischen Nationalmannschaft – er verdankt den Pass seinem Vater Achilles.

Das Märchen von Holebas‘ Tellerwäscherkarriere erreicht mit den EM-Teilnahme seinen vorläufigen Höhepunkt, nimmt aber auch einen kleinen Kratzer, als er das Spiel seinen Lebens verpasst. Nach den drei Vorrundenspielen trifft Griechenland im Viertelfinale auf Deutschland. Es ist sein Spiel – doch seine zweite Gelbe Karte im Turnier im letzten Gruppenspiel gegen Russland führt zur Sperre. Und das wegen Zeitspiels. "Das ist bitter", sagt Holebas hinterher. "Es war eine saudumme Verwarnung." Holebas ist 28, vielleicht war es ja nicht die letzte Chance auf das große Spiel. Er geht die Dinge bekanntlich gerne mit ein wenig Verzögerung an.

Stand: 21.11.2012, 07:00