Die zwei Gesichter des FC Bayern

Thomas Müller

Champions League

Die zwei Gesichter des FC Bayern

Der Kraftakt im Achtelfinale gegen Juventus Turin hat deutlich gezeigt: Das aktuelle Ensemble des FC Bayern ist unberechenbar. Die Ausschläge in beide Richtungen bieten Chance und Risiko zugleich.

Der Mann, der hinterher jeden herzte, der auf dem Rasen ansprechbar war, trug Brille und Pudelmütze. Dazu eine weiße Jacke, die im Schulterbereich beigefarben abgesetzt war. Jerome Boateng befindet sich beim FC Bayern eigentlich im Krankenstand, doch kurz vor Mitternacht hielt auch ihn in der Arena in München-Fröttmaning nichts mehr auf seinem Sitz.

Der Nationalspieler ging also runter zu den Mitspielern, und die Inbrunst, mit der Boateng seinen Kollegen nach dem 4:2 (2:2) nach Verlängerung gegen Juventus Turin gratulierte, verriet viel über die internen Befindlichkeiten. Weil auch der 27-Jährige ja wusste: Beinahe wäre es ohne ihn schiefgegangen.

Guardiola gibt Defizite zu

 Jerome Boateng

Erleichtert: der verletzte Jerome Boateng

Und welche Debatten hätte das Aus im Achtelfinale gegen Juventus Turin nach sich gezogen? Unvorstellbar für viele im Umfeld des deutschen Rekordmeisters, der sich national so sehr vom Rest der Konkurrenz abgesetzt hat, dass längst nur noch der internationale Gradmesser zählt. Insofern wird auch der an den Adduktoren verletzte Boateng gedacht haben: gut, dass es noch mal gut gegangen ist. Und er womöglich in einem großen Finale am 28. Mai in Mailand mitspielen darf, wenn der Genesungsprozess nach Plan voranschreitet, der ein Comeback Ende April vorsieht. Möglicherweise könnte Boateng also in einem Halbfinale (26./27. April und 3./4. Mai) schon mitmachen.

Doch vorerst ist die Frage zu beantworten: Wie viele solcher Gratwanderungen kann sich das Team von Pep Guardiola in der Königsklasse noch erlauben? Hätte nicht Thomas Müller in der ersten Minute der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich eingenickt, wäre die Kritik vehement auf den Katalanen eingeprasselt. "Wir waren nicht intensiv genug in unserem Spiel, schienen verängstigt zu sein, die Körpersprache war nicht so gut. Das passiert, aber es lag auch an der Qualität unseres Gegners, sie waren sehr, sehr stark", gab Guardiola ohne Umschweife zu. Die Italiener erstickten nicht nur das anfangs zu behäbige Offensivspiel des FC Bayern, sondern legten schonungslos die Defensivschwächen offen.

Weltklasse fehlt zentral in der Abwehr

Und das führt zur Verletzlichkeit des aktuellen Ensembles: die sich wiederholenden Aussetzer in der Abwehrzentrale. Bereits im Hinspiel hatte Novize Joshua Kimmich zweimal entscheidend gepatzt, diesmal konnte er das Solo von Alvaro Morata nicht verhindern, als dieser das 0:2 einleitete. Noch passiver wirkte in dieser Szene Mehdi Benatia, der mit seiner fehlenden Schnelligkeit ein Sicherheitsrisiko darstellt und auch nicht die Qualitäten im Aufbau besitzt, die Kimmich bereits offenbart. Winter-Zugang Serdar Tasci wird nicht vertraut - seine Notverpflichtung erschließt sich nicht wirklich. Und Holger Badstuber ist erneut lange verletzt - seine Rückkehr ist ungewiss.

Will heißen: In der Innenverteidigung fehlt den Bayern in Abwesenheit von Boateng jenes Weltklasse-Niveau, das ansonsten alle anderen Mannschaftsteile auszeichnet. Das muss nicht, aber das kann in einem möglichen Viertelfinale gegen Kaliber wie Paris St. Germain, Real Madrid oder FC Barcelona fatal sein. Gegen Gegner wie Benfica Lissabon oder Atletico Madrid, vor allem auch ein deutsches Duell gegen den VfL Wolfsburg dürfte das noch nicht von Nachteil sein. Auch Manchester City wird noch nicht zugetraut, diese Schwachstelle der Bayern zu enttarnen. Die Auslosung fürs Viertelfinale (5./6. und 12./13. April) findet am Freitag in Nyon statt.

Alles hat zwei Seiten

Pep Guardiola

Erfreut: Pep Guardiola

"Die Auslosung ist egal, wenn du das Halbfinale erreichen willst, musst du gegen jeden Gegner bestehen können. Aber wir sind da! Eine Minute später - und wir wären weg gewesen", sagte Guardiola nach dem Drama in der Nacht zu Donnerstag, bei dem sich Fluch und Segen seiner Spielphilosophie in 120 Minuten verdichteten. Positiv: Die individuelle Klasse der Bayern erreichen europaweit nur drei, vier weitere Teams. Der Trainer profitierte davon, weil er mit seinen Wechseln (Thiago, Kingsley Coman) ein glückliches Händchen bewies. "Wir haben den Kopf am Ende nicht verloren. In der Verlängerung hat nur noch Bayern gespielt“, sagte Guardiola. Der 45-Jährige war stolz - und erleichtert.

Fazit: Das auf Ballbesitz und Dominanz ausgelegte Vorgehen unter diesem impulsiven Lehrmeister kann selbst taktisch geschulte Gegner erdrücken – wie es Bayern in der ersten Stunde des Hinspiels und der letzten Stunde des Rückspiels gegen Turin schaffte. Aber die Fehleranfälligkeit und Flatterhaftigkeit in der Rückwärtsbewegung bleiben auch in Guardiolas letzter Saison ein schwer kalkulierbares Risiko. Davon profitierte im Vorjahr auch der FC Barcelona, als Guardiolas Ex-Klub im Halbfinale das Stoppschild setzte. Da half übrigens auch ein kerngesunder Jerome Boateng auf dem Platz nicht.

hel, dpa, sid | Stand: 17.03.2016, 12:21

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