Julian Draxler - der Spieler für die besonderen Momente

Julian Draxler

Die zwei Gesichter des großen Talents

Julian Draxler - der Spieler für die besonderen Momente

Mit seinen zwei Treffern hatte Julian Draxler entscheidenden Anteil am Sieg der Wolfsburger in der Champions League bei KAA Gent. Der 22-Jährige hat endlich seine große Möglichkeiten ausgenutzt. Doch kann er diese Leistung auch über einen längeren Zeitraum bringen?

Julian Draxler blickte drein, als habe er gerade erfahren, dass er eine Wurzelbehandlung an einem seiner Backenzähne über sich ergehen lassen muss. Es war geradezu erstaunlich, wie wenig Freude der 22-Jährige der Öffentlichkeit präsentierte, obwohl er gerade zwei spektakuläre Treffer zum 3:2-Erfolg des VfL Wolfsburg in der Champions League beim KAA Gent beigesteuert hatte.

Draxler wirkte vielmehr nachdenklich denn euphorisch. Offenbar hatten ihm die vergangenen Wochen und Monate doch mehr zugesetzt , als er es wahrhaben wollte. "Ich konzentriere mich auf mich und meine Leistung. Alles andere blende ich aus", sagte Draxler mit nahezu regungsloser Miene, angesprochen darauf, ob die Partie gegen Gent seine bisher beste Leistung im Trikot des VfL Wolfsburg gewesen sei.

Bis zu jener Partie in Belgien war es ja so, dass der hochtalentierte Mittelfeldspieler nicht mehr als ein großes Versprechen für den niedersächsischen Klub war. Rund 36 Millionen Euro hatte Sportdirektor Klaus Allofs vor Saisonbeginn für Draxler an den FC Schalke 04 überwiesen und gehofft, dass er mit diesem Investment einen würdigen Nachfolger für den zu Manchester City abgewanderten Kevin de Bruyne gefunden hätte.

Sportdirektor Allofs ist hochzufrieden

Allerdings konnte Draxler diese Erwartungen bisher nicht erfüllen, so dass selbst die Verantwortlichen um Allofs und Trainer Dieter Hecking bereits leichte öffentliche Kritik äußerten und sich eine schnellere Entfaltung des fußballerischen Könnens gewünscht hätten. Der Klub hatte in den vergangen Wochen den Druck auf Draxler zumindest leicht erhöht.

Umso zufriedener zeigte sich Allofs nach der Begegnung. "Julian ist ungefähr das Beste, was es im deutschen Fußball gibt", sagte der Wolfsburger Sportdirektor und schien sich in diesem speziellen Moment in seiner Verpflichtungsentscheidung noch einmal bestätigt zu fühlen. "Er ist trotzdem ein junger Spieler, der Zeit braucht. Das wollen einige nicht verstehen. Wir verstehen das und bei uns bekommt er die Zeit, die er benötigt", fügte Allofs an, als wollte er seinen bisherigen Kurs in dieser Personalie verteidigen.

Weshalb die Wolfsburger so viel Geduld mit Draxler aufbringen, zeigte er bei seinen zwei Toren eindrucksvoll. Seine technischen Möglichkeiten, seine Dynamik mit und ohne Ball sowie sein Spielverständnis heben sich von den Fertigkeiten der meisten seiner Kollegen in der Bundesliga deutlich ab. Draxler ist ein Spieler der besonderen Momente und Aktionen, die ihn einzigartig machen. Allerdings haftet Draxler gleichzeitig auch eine unerklärliche Lethargie an, derer er sich in schlechten Phasen bislang nicht erwehren kann.

Mehr Konstanz ins Spiel bringen

Bereits in seiner Zeit bei Schalke 04 folgten überdurchschnittlichen Partien gleich mehrere Spiele, in denen Draxler nicht einmal annähernd zu seiner Form fand. Wo er Zweikämpfe scheute, kaum am Spiel teilnahm und keinerlei Akzente setzte. Zuletzt, bei den sieben sieglosen Spielen der Wolfsburger in Folge, schwamm Draxler zumeist auch nur mit der Gruppe mit, ohne Führungsverantwortung zu übernehmen und dem fehlerhaften Spiel seines Teams positive Akzente zu verleihen. Bereits der ehemalige Schalke-Trainer Jens Keller forderte bereits vor mehr als einem Jahr, dass "Julian mehr Konstanz in sein Spiel bringen" müsse. Auch aus Wolfsburg sind ähnliche Hinweise zu vernehmen.

Bei seinen 18 Einsätzen in der Bundesliga in der aktuellen Saison für den VfL wurde Draxler bisher acht Mal ausgewechselt. Vier Treffer und vier Vorlagen sind für einen Spieler mit seinem Potenzial auch ein eher durchschnittlicher Wert. Und Draxler hat bislang auch nur 49,5 Prozent seiner Zweikämpfe in der heimischen Liga gewonnen. In der Champions League präsentiert sich Draxler dagegen deutlich ambitionierter. In nur sechs Partien hat er hier bereits drei Treffer erzielt und eine Torvorlage gegeben.

Ansteigende Tendenz

Trainer Dieter Hecking ist froh darüber, dass sich Draxler endlich wieder ein solches Erfolgserlebnis beschert hat. "Ich denke, dass das ein wichtiges Spiel für Julian in Sachen Selbstbewusstsein war" sagte Hecking. "Er hat mitbekommen, dass er sich in jedem Spiel aufs Neue selbst beweisen muss." Offenbar will sich Hecking in den kommenden Partien aber erst davon überzeugen lassen, dass der junge Mann dieses Niveau auch annähernd über einen längeren Zeitraum halten kann. Die Skepsis des Trainers ist offensichtlich.

Draxler selbst ließ sich am Ende des Tages dann doch noch ein Lächeln entlocken. "In den letzten Wochen war die Tendenz schon ansteigend. Ich erwarte sehr viel von mir und versuche weiter, hart zu arbeiten", sagte er. Den Ball, mit dem er seinen ersten Doppelpack in der europäischen Königsklasse erzielt hatte, nahm Draxler dann auch mit nach Niedersachsen. "Das macht man nicht alle Tage in der Champions League, deshalb habe ich mir den Ball geschnappt", sagte er. Wenn er seine Möglichkeiten künftig konstanter nutzt, würden wohl noch einige dieser außergewöhnlichen Souvenirs hinzukommen.

Stand: 18.02.2016, 10:55

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