Champions League - Eine gefährliche Entwicklung

Auftakt der Champions League

Champions League - Eine gefährliche Entwicklung

Von Frank Hellmann

Immer größer, immer reicher: Nirgendwo dreht sich das Rad des Geldes schneller als in der Champions League. Auf der Strecke bleiben der Wettbewerb und die Vielfalt. Und die nächste Reform verheißt nichts Gutes. Eine kritische Bestandsaufnahme.

Real Madrid feiert den Gewinn der Champions League

Real Madrid feiert den Gewinn der Champions League

Nicht nur in Madrid sind die Bilder noch allgegenwärtig. Der fast kindliche Jubel auf dem Rasen des Millennium Stadium von Cardiff, als die königliche Garde um Galionsfigur Cristiano Ronaldo in einem flirrenden Finale der Champions League gegen Juventus Turin mit 4:1 triumphiert hatte.

Bei der Siegerehrung hielt Reals Linksverteidiger Marcelo einen Selfie-Stick, als würden nicht genug Kameras diesen Moment einfangen. Rechtsverteidiger Sergio Ramos stellte sich später wie ein König hinter dem Henkelpott auf. Er ging dabei in die Hocke, die tätowierten Finger der linken Hand zum Siegeszeichen gespreizt.

Real schaffte erstmals die Titelverteidigung

Die Glücksgefühle der Superstars waren in der Juni-Nacht am River Taff bis unter das geschlossene Dach zu spüren. Noch nie hatte ein Klub den Titel in der Champions League verteidigt. Nun war das Real Madrid nach einem Vierteljahrhundert erstmals gelungen.

Wenn nun am Dienstag die Gruppenphase startet, gibt es für Ronaldo, Ramos und Co. keinen besseren Ansporn, als den Hattrick anzustreben. Nicht unrealistisch für Real Madrid: Nur noch eine Handvoll Großklubs verfügt über die sportliche und wirtschaftliche Schlagkraft, das Champions-League-Endspiel am 26. Mai 2018 in Kiew  zu erreichen.

Finale steigt in Kiew - was ist das für ein Zeichen?

Den Höhepunkt in der Hauptstadt der kriegsgeplagten Ukraine auszutragen, passt zu den Absurditäten, die dieser Wettbewerb mittlerweile produziert, in dem Profitmaximierung und Gewinnstreben auf die Spitze getrieben werden. Dass die fünf stärksten Ligen diesen Transfersommer fast 4,5 Milliarden Euro in neue Spieler investierten, hängt mit der Champions League unmittelbar zusammen.

Das meiste Geld nahmen naturgemäß jene Vertreter in die Hand, die in der Jagd auf den Henkelpott mitunter kaum noch ein Limit kennen. Hinter England (1,549 Milliarden), Italien (1,033) und Frankreich (675 Millionen) reihte sich die Bundesliga (617) bei den gezahlten Ablösen an vierter Stelle noch vor Spanien (555) ein.

Der Gründer wirkt heute irritiert

"Ein bisschen krank und ein wenig pervers", nennt Gerhard Aigner, der ehemalige Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (UEFA) gegenüber dem "Sportinformationsdienst" die Auswüchse. Dem 74-Jährigen, der mit den Vermarktungsexperten Jürgen Lenz und Klaus Hempel die Champions League 1992 aus der Taufe hob, gefällt nicht, was aus seinem Baby wurde.

Der Regensburger sah sich vor zehn Jahren gezwungen, die Anteile an der Vermarktungsagentur Team mit seinen Mitstreitern zu verkaufen. Ihre Mahnung heißt heute: "Täglich Kaviar und Champagner schmecken auf Dauer schal."

Neymar steht für den Gigantismus

Der Gigantismus bildet sich plakativ im 222-Millionen-Transfer des brasilianischen Superstars Neymar vom FC Barcelona zu Paris St. Germain ab. Der katarische Klubbesitzer Nasser al-Khelaifi pfeift auf das Financial Fairplay, das eigentlich derlei Exzesse einfangen soll.

"Wir wussten von Anfang an, dass es vielleicht kein Holzschwert, aber auch kein scharfes Schwert ist", sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsboss des FC Bayern, auf dem Fußball-Kongress der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und regte mehr Rationalität und Kontrolle an.

Neymar bei der Pressekonferenz von Paris Saint-Germain

Neymar bei der Pressekonferenz von Paris Saint-Germain

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin mahnte im Interview mit der Sportschau (09.09.2017) ebenfalls Reformbedarf an: "Wir müssen jetzt was unternehmen und das Financial Fairplay modernisieren, weil die Schere zwischen den großen und den kleinen Klubs größer und größer wird."

Außenseiter als lästiges Beiwerk

Nur: Ist die Dominanz des Geldadels wirklich noch einzufangen? Klubs wie der RSC Anderlecht oder Feyenoord Rotterdam bringen aus ihrer Europapokal-Geschichte zwar noch einen klangvollen Namen ein, aber gegen den FC Bayern oder Manchester City sind die Benelux-Repräsentanten in ihren Gruppen nur Leichtgewichte. Und Außenseiter wie Qarabag Agdam aus Aserbaischan, NK Maribor aus Slowenien oder Apoel Nikosia aus Zypern wirken wie lästiges Beiwerk.

Was als Nachfolger des Europapokals der Landesmeister gut gedacht war, entwickelt sich zur verkappten Weltliga. Lediglich elf Landesmeister sind direkt qualifiziert. Dafür leben die Topligen ihre Potenz aus; diesmal stellt die Premier League dank des beförderten Europa-League-Gewinners Manchester United fünf Teilnehmer.

Kritik kommt aus Österreich

Mit der nächsten Reform werden ab 2018 jeweils vier fixe Startplätze für Spanien, Deutschland, England und Italien reserviert. Damit der Basispool an Mitspielern weitgehend unverändert bleibt. "Die Auswirkungen sind beängstigend", glaubt Georg Pangl, Generalsekretär der europäischen Profiligen EPFL.

Für den Österreicher ist es ein Unding, dass "vier Verbände die Hälfte aller Teilnehmer und 51 Verbände mit über 700 Klubs die restlichen 16 stellen." Der Profifußball tritt die Vielfalt mit Füßen. Und auch wenn der österreichische Abonnementmeister Red Bull Salzburg regelmäßig aus eigener Schusseligkeit die Zulassungsberechtigung verspielt hat, werden künftig fast alle Vertreter der mittleren und kleineren Nationen durch das Rüttelsieb der Qualifikationsrunden und Play-offs rauschen.  "Wenn die großen Fische im Ozean die kleinen nicht mehr um sich haben, dann werden auch sie selber über kurz oder lang nicht überleben", mahnt Pangl.

Ab 2018 fangen Spiele auch um 19 Uhr an

Aber erst einmal werden die Großen weiter kräftig gefüttert. Ab nächsten Sommer kommt eine zweite Anstoßzeit hinzu - zwei Spiele beginnen dann dienstags und mittwochs schon um 19 Uhr - , und die Partien landen für den deutschen Markt komplett im Bezahlfernsehen. Für die UEFA scheint es ein gutes Geschäft.

Stolze 3,2 Milliarden Euro (statt 2,3) sollen bald in den beiden UEFA-Klubwettbewerben - inklusive Europa League - zur Ausschüttung kommen. Nach neuen Verteilungskriterien wie dem individuellen Klubkoeffizienten, in dem die Erfolge der Vergangenheit eingespeist sind.

Topvereine freuen sich über 100 Millionen und mehr an Garantieeinnahme. Schon jetzt entstehen durch die Champions League schlimme Zerrbilder, weil die immensen Erlöse die nationalen Wettbewerbe verfälschen; in kleineren Ländern fast noch mehr als in größeren.

mit sid | Stand: 11.09.2017, 12:10

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