Karabach Agdam - aus der Geisterstadt in die Champions League

Dino Ndlovu

Champions League

Karabach Agdam - aus der Geisterstadt in die Champions League

Von Marc Rehbock

Neben RB Leipzig wird in Topf vier der Champions-League-Auslosung auch die Kugel mit dem Namen FK Karabach Agdam liegen. Ein Klub, der aus einer verwaisten Stadt stammt und in Aserbaidschan ein nationales Symbol ist.

Er ist wohl einer der größten Außenseiter, der jemals in der Königsklasse gespielt hat. Der FK Karabach Agdam qualifizierte sich trotz einer 1:2-Niederlage im Rückspiel beim FC Kopenhagen für die Gruppenphase und wird jetzt den Größen des europäischen Fußballs zugelost. Ein Auswärtstor des südafrikanischen Stürmer Dino Ndlovu reichte am Mittwoch (23.08.2017) in Dänemark nach dem 1:0 im Hinspiel in Baku. Zumindest für viele Fans sind aber auch die Heimspiele in der aserbaidschanischen Hauptstadt keine "echten" Heimspiele, stammt der Verein doch aus dem Konfliktgebiet rund um die Region Berg-Karabach.

Der Konflikt um Berg-Karabach ist das Schicksal des Vereins

Diese gehörte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst zu Aserbaidschan. Nach einem Referendum, bei dem die mehrheitlich armenische Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmte, sagte sich die Region von Aserbaidschan los. Über Jahrhunderte hatte es immer wieder Konflikte zwischen den beiden Ethnien gegeben, jetzt brach die Gewalt offen aus. Als Folge des Krieges zwischen armenischen Milizionären und dem Militär kam es zu weitreichenden Vertreibungen, vor allem des aserbaidschanischen Teils der Bevölkerung. 30.000 Menschenleben soll der Konflikt gekostet haben.

Auch die Bewohner der Stadt Agdam, die noch 1994 über 50.000 Einwohner beheimatete, mussten vor dem Krieg flüchten. Bis heute ist diese verwaist, nach Angaben der heute in der Region Regierenden leben dort nur einige hundert Angehörige des Militärs. Obwohl die Stadt bereits auf aserbaidschanischem Gebiet und nicht in der eigentlichen Kernregion Berg-Karabach liegt, will sich die selbst ernannte und von keinem UN-Mitgliedsstaat anerkannte Regierung von dort nicht zurückziehen. Sie sagt, dass die Stadt während des Krieges als Stützpunkt für die Angriffe auf die Armenier gedient habe und dies auch in Zukunft wieder sein könne.

Meister in Kriegszeiten

Meister in Aserbaidschan wurde damals zum ersten Mal überhaupt der FK Karabach. Angeführt von Rekordnationalspieler Alsan Kerimow holte der Klub das Double, allerdings wurde es bereits während der Meistersaison schwieriger, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Einige Heimspiele mussten wegen des zu nahe kommenden Artelleriebeschusses abgebrochen werden.

Der Fußballverein musste sich ein Exil suchen, spielte zunächst im Zentrum des Landes, stand kurz vor dem Konkurs, bevor er anschließend seine Heimat in der Hauptstadt Baku fand. "Wir haben harte Zeiten durchgemacht", sagte Kapitän Raschad Sadigow nach dem Spiel in Dänemark stolz. Mittlerweile hat sich der Verein in der Hauptstadt eingerichtet. Im Jahr 2015 wurde eine eigene Arena für 5.800 Zuschauer eingeweiht, die Spiele in der Champions League wird der Klub aber im Nationalstadion ausrichten.

Der Verein ist aufgrund seiner Historie ein nationales Identifikationssymbol, nicht nur für die zehntausenden Exilanten aus der Region, die ihre Heimat nach der Besetzung verlassen mussten. Gesponsert wird der Klub mittlerweile von Azarsun, einer milliardenschweren Holding, die auch international, vor allem in der Nahrungsmittelindustrie, operiert, aber auch im aserbaidschanischen Rohstoffgeschäft mitmischt.

Karabach - die sportliche Blackbox

Sportlich wartet auf die Gegner in der Champions League ein Team, dass die Gruppenphase nicht nur mit viel kämpferischem Einsatz und Herzblut erreicht hat. Neben Spielern aus Aserbaidschan stehen im Team des FK technisch beschlagene Spieler aus dem Ausland: Im Mittelfeld zieht der Spanier Michél die Fäden. Der ehemalige Profi von Sporting Gijon und des FC Getafe wird im Zentrum assistiert vom eingebürgerten Brasilianer Richard Almeida und vom Haitianer Wilde-Donald Donald Guerrier. Karabach kann durchaus einen ansehnlichen Ball spielen, und vorn haben sie mit Ndlovu einen echten Sturmtank.

Und der Trainer ist durchaus erfahren: Gurban Gurbanov coacht das Profiteam des Vereins seit dem Jahr 2008, führte die Mannschaft 2014 zur zweiten Meisterschaft überhaupt und zum mittlerweile vierten nationalen Titel in Folge. Sein Team war in der Saison 2014/2015 erst das zweite des Landes, das die Gruppenphase des Europapokals erreichte und dort dann das erste, das überhaupt ein Spiel gewinnen konnte. Sollte ein ähnlicher Coup in der Champions League gelingen, würde er sich in Aserbaidschan unsterblich machen. "Es ist toll, dass wir unser Land stolz gemacht haben - das ist ein historischer Moment", sagte Gurbanov bereits nach dem Spiel in Kopenhagen. Die Teinahme alleine dürfte den Konflikt in der Region Berg-Karabach wieder etwas mehr in das Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit rücken und ist damit auch für den international umstrittenen Staatspräsidenten Ilham Alijew eine willkommene PR.

Thema in: ARD-Morgenmagazin, Sport, Das Erste, 25. August ab 6.30 Uhr.

Stand: 24.08.2017, 13:21

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