Stunde Null bei Alemannia

Sportdirektor Uwe Scherr

Zweitliga-Absteiger Aachen krempelt den Kader um

Stunde Null bei Alemannia

Von Frank van der Velden

Elf neue Spieler, ein neuer Sportdirektor und ein Trainer, der auch noch nicht lange dabei ist: Drittligist Alemannia Aachen stellt vor der Saison alles um.

Als  Alemannia Aachen im  Mai trotz eines 2:1-Sieges bei 1860 München aus der zweiten Bundesliga abstieg, verfielen der Klub und seine Fans in eine Art Schockstarre. Auf den Rängen kullerten die Tränen, und manch einer wird sich große Sorgen um die Zukunft des finanziell klammen Klubs gemacht haben. Schließlich hatte die Alemannia 2005 noch im UEFA-Pokal und 2007 in der Bundesliga gespielt. Und jetzt: 3. Liga.

Doch rund zehn Wochen danach sieht die Welt in Aachen wieder anders aus. Rund um den Tivoli herrscht vor dem Auftaktspiel der Alemannen am Freitag (20.07.12) bei Arminia Bielefeld eine Riesen-Euphorie. Fast 6000 Dauerkarten hat der Klub verkauft und damit die Erwartungen weit übertroffen.

1000 Kiebitze sehen elf Neue

"Aus der schlechten und traurigen Stimmung ist sehr rasch eine Aufbruchsstimmung geworden. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele Zuschauer bei unserem ersten Training vor Ort waren", sagt Trainer Ralf Außem. Der hatte erst im April Friedhelm Funkel als Coach abgelöst, konnte den Abstieg jedoch nicht mehr abwenden. Rund 1000 Zuschauer waren zur ersten Übungseinheit gekommen. "Als wir zum Trainingsauftakt am Platz ankamen, war es einfach überragend, wie uns unsere Fans begrüßt haben", so der Coach.

Beim Training gab es jede Menge zu sehen - vor allem neue Gesichter. Elf Profis stießen zur Alemannia, 19 Spieler verließen den Klub. Damit gelang dem neuen Sportdirektor Uwe Scherr etwas, das viele zuvor als Herkules-Aufgabe betitelt hatten. Er krempelte binnen kurzer Zeit den Kader komplett um.

Kein Vertrag galt für Liga drei

Trainer Ralf Außem

Trainer Ralf Außem

Freilich auch, weil er musste. Weil die Alemannia einen Abstieg überhaupt nicht eingeplant hatte, besaß kein einziger Spieler einen Vertrag, der auch für die dritte Liga galt. Deshalb führte Scherr, der gleich nach dem Ende der Saison Erik Meijer als Sportdirektor abgelöst hatte, erst einmal viele Gespräche mit seinem Personal und ging anschließend auf Spielersuche.

"Ich habe jeden auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch von der Alemannia begeistert ist", sagt der 45-Jährige. Und das gelang. So verlängerte der Nigerianer Seyi Olajengbesi seinen Vertrag trotz Gehaltseinbußen. "Er ist uns in den Gesprächen unheimlich entgegen gekommen. Das zeigt seinen einwandfreien Charakter", sagt Scherr. Und dass auch Albert Streit den Karren mit aus dem Dreck ziehen will, hält Scherr für "ein überragendes Signal für alle hier, jetzt umso mehr in die Hände zu spucken."

Das viel zitierte Herzblut

Zurück in Aachen: Sascha Rösler

Zurück in Aachen: Sascha Rösler

Und die Zugänge? Es scheint, als hätten sie alle unbedingt hingewollt zur Alemannia. Zum Beispiel Sacha Rösler. Der Mittelfeldmann, der großen Anteil am Bundesliga-Aufstieg der Düsseldorfer Fortuna hatte, wollte seine Karriere beenden, hängt für Aachen aber jetzt noch mindestens ein Jahr dran. "Bei einem anderen Verein außer der Alemannia hätte ich mir auch nicht vorstellen können, noch weiter zu spielen", sagt der 34-Jährige. Timmy Thiele hat sich praktisch am Tivoli beworben. Verbindungsmann war Albert Streit. Den kannte der junge Stürmer aus der U23 des FC Schalke 04, wo beide schon zusammen spielten. Thiele wurde zum Probetraining eingeladen - und überzeugte.

Die Macher der Alemannia sind sich sicher, Spieler verpflichtet zu haben, die das viel zitierte Herzblut mitbringen. Dass bedingungslose Identifikation mit seinem Arbeitgeber Erfolg bringen kann, weiß Scherr. Als Profi wurde der ehemalige Mittelfeldspieler mit dem 1. FC Kaiserslautern 1990 DFB-Pokalsieger und 1991 Deutscher Meister. Die "Roten Teufel" galten seinerzeit als verschworene Gemeinschaft.

"Erstmal richtig ankommen"

Halten dem Klub die Treue: Fans der Alemannia

Halten dem Klub die Treue: Fans der Alemannia

Dass eine solche auch in Aachen entsteht, ist Aufgabe des Trainers. "Wir müssen aus diesen tollen Spielern nun eine echte Mannschaft formen", sagte Außem, bevor er ins Trainingslager nach Bitburg aufbrach. Mit der Vorbereitung ist er hochzufrieden. In der Eifel arbeitete er an der Feinabstimmung und suchte in Testspielen nach seiner ersten Elf. Dabei besiegte die Alemannia unter anderem auch Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln mit 1:0. "Wir sind in Bitburg enger zusammengerückt", sagt Außem stolz.

Scherr und Außem wollen sich freilich nicht so recht anstecken lassen von der guten Laune rund um den Tivoli. Das Wort "Aufstieg" nehmen sie nicht in den Mund.  "Warten wir mal bis September. Dann haben wir acht Drittligaspiele gespielt und wissen, wohin die Reise geht", sagt Scherr. Auch Außem bleibt vorsichtig. "Wir müssen erstmal richtig ankommen in der Liga."

Das Problem mit den Zinsen

Vielleicht treten die beiden auch auf die Bremse, weil sie die Finanzen des Klubs am besten kennen. Fest steht, dass den Traditionsverein nach wie vor wirtschaftliche Probleme plagen. Grund ist das 2009 eröffnete neue Tivoli-Stadion, für das der Klub horrende Zinszahlungen leisten muss. Die Drittliga-Lizenz vom Deutschen Fußball-Bund gab es nur, weil der Verein den Stadion-Neubau umfinanzierte.

Deshalb liegt der Sportetat auch nur bei 2,7 Millionen Euro, was vergleichsweise gering ist. So plant Mit-Absteiger Karlsruhe mit vier Millionen, dem Neuling aus Halle stehen 3,6 Millionen Euro zur Verfügung. Ob dann Geld oder Herzblut Tore schießt, wird sich zeigen.

Stand: 20.07.2012, 08:00